Was wir wollen

Was bildet ihr uns ein? e.V. kritisiert das Bildungssystem auf vielfältige Weisen. Im Zentrum stehen dabei vier Defizite, die wir im deutschen Bildungswesen sehen. Unter diesen haben wir aufgeschlüsselt, was wir kritisieren, was wir uns wünschen und wie wir daran arbeiten, das auch zu erreichen. 

Gerechtigkeitsdefizit

Das deutsche Bildungssystem ist ungerecht. Dort treffen Unterschiede aufeinander: Menschen haben unterschiedliche Ausgangsbedingungen, werden von zuhause aus unterschiedlich unterstützt. Verschiedene soziale Hintergründe treffen in Bildungseinrichtungen aufeinander. Lehrbuchwissen gegenüber emotionaler und sozialer Intelligenz bevorzugt. Das deutsche Bildungssystem schafft es nicht ausreichend, mit Vielfalt konstruktiv umzugehen.

Jeder Mensch ist anders. Das ist gut so. Unser Bildungssystem muss gerechter werden und lernen, mit Unterschieden konstruktiv umzugehen. Herkunft darf Bildung nicht beeinträchtigen. Das System muss – z.B. durch individuelle Förderung – jedem Menschen die Angebote machen, die seine Bildung und Entwicklung auf bestmögliche Weise unterstützen. Wir müssen hin zu einem Verständnis kommen, dass wir nicht Klassen, Gruppen oder Jahrgänge unterrichten, sondern Individuen mit unterschiedlichen Ausgangsbedingungen, Neigungen und Ressourcen. Jeder Mensch hat Stärken, die wertvoll sind. Eine höhere Wertschätzung von Vielfalt, sprachlich, kulturell, sexuell und lebensstilmäßig, gehört ebenso dazu wie die Möglichkeit, lebenslang zu lernen und sich weiterzubilden. Das Bildungssystem muss es dabei ermöglichen, dass Menschen sich in ihrer Umwelt und ihrem Leben zurechtfinden und sich selbst verwirklichen können. Es ist ein Raum, um Talente zu stärken, keiner, der auf ein bestimmtes Menschenbild und bestimmte Wissensformen abrichtet. Besonders wichtig ist es dabei, allen gleiche Startchancen zu ermöglichen. Gerecht ist ein Bildungssystem, das jede Person anspricht.

Eine Stimme für junge Menschen. Bildungsgerechtigkeit muss stärker zum Thema werden in Deutschland. Seit Jahren bescheinigen Studien dem Bildungssystem immer wieder massive Ungerechtigkeiten, doch getan wird wenig. Wir thematisieren Gerechtigkeit auf unserem Jungen Bildungsblog, auf unseren Veranstaltungen und in Publikationen – damit alle jungen Menschen eine Chance auf gute Bildung bekommen.

Leistungsdefizit

Teuer und ineffizient. Das deutsche Bildungssystem kostet viele Milliarden, schafft es aber gleichzeitig nicht, grundlegende Kompetenzen, etwa in Mathematik oder Lesen, zu vermitteln. Das zeigen Bildungsuntersuchungen wie PISA und PIACC immer wieder. 18,5% der deutschen Bevölkerung können nicht richtig lesen und schreiben. Sie sind funktionale Analphabet_innen. Etwa 300.000 Menschen befinden sich im sog. Übergangssystem zwischen Schule und Berufsausbildung. Nicht nur, aber vor allem für diese Menschen besteht die Gefahr des Ausschlusses aus Beruf und Gesellschaft.

Leistung neu denken. Wir wollen ein Bildungssystem, das allen Menschen die Kompetenzen vermittelt, die sie zum Leben benötigen. Mehr noch: Das Bildungssystem muss auf jede_n individuell eingehen und ihm und ihr Möglichkeiten bieten, neben Grundkompetenzen auch herauszufinden, was er oder sie möchte – und ihm Mittel an die Hand geben, das auch zu erreichen. Mehr Ressourcen, etwa für individuellere Förderung, für bessere Betreuungsschlüssel, für bessere Aus- und Weiterbildung und mehr pädagogisches Personal sind nur einige Möglichkeiten, dies zu erreichen. Das Bildungssystem muss ermöglichen, nicht behindern. Und es darf dabei niemanden zurücklassen.

Innovationsdefizit

Träge Bildung. Das deutsche Bildungssystem ist starr und wenig innovativ. Obwohl spätestens seit PISA 2001 bekannt ist, dass etwa das Schulsystem zu wenig leistet, gibt es nur Reförmchen. Erkenntnisse aus den Bildungswissenschaften werden nur langsam umgesetzt. Es gibt Innovationen, aber zu wenige. Größere Umbrüche, etwa die Zusammenlegung aller Schulformen oder die Abschaffung von Noten, scheitern an fehlender Veränderungsbereitschaft. Das deutsche Bildungssystem ist träge.

Innovation von unten. Wir wollen ein Bildungssystem, das offen ist für stetigen Wandel – vor allem in den Bildungseinrichtungen selbst. Von hier können die Impulse kommen, sie müssen gehört und möglich gemacht werden. Wir wollen auch eine andere Kultur des Miteinander: Innovation darf nicht nur von oben kommen. Ein besonderes Gewicht bei Innovationsprozessen muss den Bildungsbetroffenen zukommen. Sie einzubeziehen und ernstzunehmen macht das Bildungssystem als Ganzes innovativer.

Anstoß von jungen Menschen. In unseren Veranstaltungen, etwa dem Jungen Bildungskongress, fragen wir junge Menschen, wie sie sich die Zukunft ihrer Bildung vorstellen. Wir bringen sie mit Bildungsentscheider_innen zusammen und verfassen aus einigen ihrer prominentesten Forderungen Positionspapiere. Auf unserem Jungen Bildungsblog  gibt es jede Woche eine neue, junge Perspektive auf Aspekte von Bildung im In- und Ausland. Außerdem publizieren wir in verschiedenen Medien, um innovative Bildungsideen einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Mit unserem Filmprojekt zeigen wir, wie Menschen ihre Bildung gestalten – und machen ihre Ideen zugänglich. Wir wollen so Diskussionen über die Gestaltung von Bildung anstoßen, an denen sich möglichst viele Menschen beteiligen sollen.

Beteiligungsdefizitdefizit

Bildungspolitik von oben. Junge Menschen werden kaum eingebunden in politische Entscheidungen und wenn, dann nicht auf Augenhöhe. Entscheidungen werden stattdessen von Menschen getroffen, die wenig Einblick in die alltägliche Realität derer haben, die direkt betroffen sind.

Beteiligung auf allen Ebenen. Wir wollen Aufmerksamkeit schaffen für Probleme und Änderungswünsche aus der Wahrnehmung junger Menschen. Wir haben das Recht auf Beteiligung und Mitgestaltung auf allen Ebenen der Bildungspolitik. Die oft vernachlässigte junge Perspektive auf das Bildungssystem soll Einfluss auf die Diskussion über Bildungsgerechtigkeit in Deutschland erhalten. Was in den Augen von Bildungsbetroffenen gut oder eben nicht gut läuft, sieht aus den Augen von Politiker_innen anders aus. Deshalb sollten sie als Expert_innen ihrer Selbst und ihres Alltags mitentscheiden, wie gerechte Bildung aussehen soll.

Demokratie leben. Demokratie lebt davon, dass unterschiedliche Personengruppen einbezogen werden und sich über ihre Haltungen und Positionen austauschen. Die Problemwahrnehmung junger Bildungsbetroffene und ihre Lösungsideen müssen ernst genommen werden. Möglichkeiten der Mitgestaltung müssen jungen Menschen ermöglicht werden, damit sie sich einbringen und Verantwortung übernehmen können. Das stärkt die Grundlagen unserer Demokratie, ihren gesellschaftlichen Zusammenhalt und verbessert nachhaltig das Bildungssystem. Auf unserem Jungen Bildungskongress und unsere Veranstaltungen fragen wir Bildungsbetroffene nach ihren Vorstellungen und Wünschen. In unserem Filmprojekt können sie selbst ihren Bildungsalltag zeigen und über gute Bildung nachdenken.

 

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10 Kommentare

  1. Christel Hartkamp
    Okt 08, 2012 @ 10:54:07

    I am impressed with the amount of activity that takes place in germany to think about changing (revolutionize) the educational system. In the Netherlands, people are so tame, there is hardly anything happening here. We have a Sudbury school for 5 years now, 5 years of fighting against the govenment who wants to restrict our way of pedagogy. As it now appears (after the verdict by the Council of State) the Netherlands has a state pedagogy – there is only one type of pedagogy defined by the govenment possible. Parents from our schools are facing criminal prosecution. End of november the first parents will go to court. I just want to let you know how well „change“ is accepted in the Netherlands. Good luck with your activities and hopefully, in the end, education can be revolutionized!

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  2. egal
    Okt 11, 2012 @ 14:22:48

    Eure Kritik am deutschen Bildungssystem ist ,bei aller Berechtigung, immer noch sehr lasch und bleibt in ihrer abgetrennten Sphäre stecken. Wenn ihr euch mit den Studentenbewegungen der 60er jahre auseinandersetzt werdet ihr dort viele eurer Kritikpunkte eins-zu-eins wiederfinden. Aber selbst damals gab es bereits den Versuch Bildung und Wissenschaft mit Gesellschaft/Politik/Ökonomie/Kultur/Psyche ins Verhältnis zu setzen und dementsprechend eine Kritik zu formulieren, dass vermisse ich bei euch. Gerade die Phraseologie der Demokratisierung und der gleichberechtigten Anerkennung greift viel zu kurz und nervt gewaltig. Ihr könntet einmal über den Zweck der heutigen Bildung nachdenken anstatt euch nur darüber zu beschweren, dass nicht alle gleich viel vom faulen Bildungskuchen abbekommen. Die Situationisten waren dem gegenüber bereits in den 50er Jahren zu der Erkenntnis gekommen, dass die Universität/ das Studium nur der Vorbereitungsritus für die elende und entfremdende Arbeit ist und das die Bildunginstitutionen, die Orte sind, an denen die herrschende Dummheit und das Unwissen verwaltet und organisiert wird. Daran hat sich leider nicht viel geändert.

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    • Schule ist schlecht für dich
      Jan 21, 2016 @ 01:03:49

      Absolut auf den Punkt gebracht! Man muss den Begriff „Bildung“ wörtlich nehmen und das Ziel welches damit verfolgt wird kritisch beleuchten. Und vor Allem eine neutrale, holistische Sicht auf die Zusammenhänge von Schule und gesellschaftlicher Entwicklung bekommen. Dann wird einem klar warum unsere Gesellschaft stetig bekloppter wird. Und solange wir unsere Kinder in Schulen schicken die sie auf kapitalistisches Denken trainieren, bleibt unsere verbildete Gesellschaft auf direktem Kurs in Richtung Wand….. und der Crash lässt nicht mehr lange auf sich warten… wieder mal ( Stichwort: exponentielles Wachstum. Unser Wirtschaftssystem führt unweigerlich dazu, dass früher oder später alles Geld der Welt in den Händen einer Person landet… wenn man es nicht vorher crashen lässt um ein wenig zurückzuspulen )

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  3. Pedder die Wurst
    Nov 17, 2014 @ 10:27:07

    Moin ich finde die Kritik nicht schlecht …. eine kritische Auseinandersetzung mit dem Schulsystem sollte viel öfter passieren

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  4. Redefining the meaning of “schools” (A perspective of a pupil at the verge of huge disappointment in the school systems around the world) | Mari and Writing
    Mai 04, 2015 @ 15:50:43

    […] We are not equal at birth. Social status aside, some of us are born with a body part or two missing or extra. Some of us have incurable diseases. Some of us have a higher IQ than others. Some are more artistic and some more pragmatic. Some can do everything well but nothing perfect in particular, while some can do only one thing better than the rest of us. If you had to think of a way to put all of these groups of people together and present them with only one way of lecturing on a subject, you’re bound to get different results, sometimes successful and other times misleading. Wouldn’t it be better to teach each and everyone of these children in their own pace? Nobody should be left behind or pushed to their uncomfortable limits, just because a teacher needs his value-added analysis to result in good numbers (USA – Source: Last Week Tonight with John Oliver, Standardized Testing) or if the person or his/her family comes from a foreign country (GERMANY – Source: Was bildet ihr uns ein, Was wir wollen). […]

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  5. Beginnt die Bildungsrevolution mit einem Workshop? Eindrücke vom Jungen Bildungskongress 2015 | Gl*tzerstraße
    Jun 07, 2015 @ 20:55:38

    […] Buches, das mir vor circa zwei Jahren zum ersten Mal in die Hände fiel. Es ist ein Sammelband, der kritische Stimmen aus den unterschiedlichsten Ecken aufnimmt und miteinander vereint. Daraus ergibt sich eine […]

    Antworten

  6. victoria bock
    Nov 03, 2015 @ 10:44:01

    hi Leute

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  7. Dardniwym
    Feb 17, 2016 @ 12:38:27

    Die Kritik am deutschen Bildungssystem ist berechtigt.
    Nirgendwo sonst wird aber soviel Aufwand zur Bildungsreform angewendet als in Deutschland (meine subjektive Meinung).

    Dass jedes Bundesland in Sachen Schule seine eigene Suppe kocht, ist verständlich. Wie Christel sagte, gibt es auch Nationen, wo die Behörden wesentlich dickköpfiger sind.

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  8. Carsten Rauhut
    Mrz 07, 2016 @ 17:41:29

    Gleiche Bildungschancen für jeden jungen Bürger zu ermöglichen ist ein heres Ziel, dem fast unendlich viele Hürden im Weg stehen. Nur eine Bildungsrevolution kann das ändern.
    Größtes Hindernis ist der Deutsche Bildungsföderalismus. Er verhindert grundsätzlich die Chancengleichheit in GER. Daher meine Forderungen: Bundesweit einheitliche Lehrpläne die selbstverständlich entstaubt und der globalisierten Welt angepasst werden müssen.
    Vorbereitung und Schulung der Lehrkräfte auf neue Strukturen.
    Praktische und experimentelle Inhalte verstärkt in der Unterichtsform des Begreifens anwenden.
    Nie vergessen, dass eine Wissensgesellschaft nicht nur aus Akademikern besteht.
    Es wird immer der Bedarf an Handwerkern bestehen, den es ebenfalls zu decken gilt.
    Also bitte Chancengleichheit nicht mit Gleichschaltung verwechseln.

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  9. dominique blickenstorfer
    Jul 04, 2016 @ 10:40:10

    Sehr geehrte Damen und Herren!

    Als bildungsmässig sehr interessierter Laie vermute ich, dass die Rückständigkeit des deutschen und schweizerischen Bildungssystems auf folgendem beruht: Dem im 19.Jahrhundert entstandenen und bis heute anhaltenden Kulturkampf zwischen folgenden Kräften: Einesteils den Bildungsliberalisten wie Wilhelm von Humboldt, Jean Jacques Rousseau, Pestalozzi und Johann Gottlob Fichte und Ihrer Ansicht, Begabungen und Interessen der Schülerinnen sollen durch diskursive Auseinandersetzung mit Themen wie Fremdsprachen usw. gewonnen werden. Sowie dem entsprechenden Uebereinstimmungs-Vergleich zwischen verschiedenen Dingen (z.B. Blätter verschiedener Form mit dem gemeinsamen Merkmal grüne Farbe). Und andernteils dem Wiederaufleben der Bildungshumanisten aus dem 15.Jahrhundert, welche zum stufenweisen Aufbau von Wissen (Wiederholen-nächster Lernschritt) zurückkehren wollten. Welche Möglichkeiten bestehen heute, um zum erwähnten Bildungsliberalismus von Humboldt, Herder, Pestalozzi etc. zurückzukommen?

    Mit freundlichen Grüssen

    D.Blickenstorfer

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