Was wir wollen

In dem Buch Was bildet ihr uns ein? kritisieren wir das deutsche Bildungssystem. Unsere Kritik und unsere Forderungen haben wir in kurzen Punkten zusammengefasst.

Illustration: "Fehlstart"

Illustration: Eva Schönfeld

Unsere Kritik an Deutschlands Bildungssystem:

Es fehlt an sozialer Durchlässigkeit – Viele Studien haben gezeigt: Der Bildungsaufstieg in Deutschland ist so schwer wie in keinem anderen europäischen Land. Arbeiterkinder sind somit per se benachteiligt.

Der Migrationshintergrund bestimmt Bildungschancen – Schüler_innen mit Zuwanderungsgeschichte müssen deutlich mehr leisten müssen, um die selben Bildungsmöglichkeiten zu erhalten, wie ihre gleichaltrigen Mitschüler_innen ohne Migrationshintergrund. Nicht selten ist aufgrund fehlender Zweitsprachenkompetenz oder Vorurteilen die Bildungslaufbahn von vornherein zum Scheitern oder zumindest Stolpern verurteilt.

Zweitsprachenförderung ist kaum existent – Das in Deutschland am häufigsten eingesetzte Unterrichtskonzept zur ‘Zweitsprachförderung’ (Submersion) gilt in den USA als illegal. Das spricht für sich.

Falsche Idee von Schule – Unsere Schule sucht Fehler und „bestraft“ sie. Sie ist an Schwächen orientiert statt den Stärken.

Mehrgliedriges Schulsystem – Unser Schulsystem ist auf Auslese angelegt – Förderschulen, weiterführende Schulen erklären schon früh, welche Zukunft sie für ein Kind sehen. Das wirkt sich negativ auf das Selbstvertrauen von Schüler_innen aus und hat Konsequenzen für das ganze Leben.

Es fehlt an Demokratie – Entscheidungen werden regelmäßig autorotär-hierarchisch-bürokratisch getroffen. Demokratisch regeln heißt: gemeinsam in gemeinsamer Verantwortung

Kein Studium ohne Eintrittskarte – Das Abitur ist die nahezu exklusive Eintrittskarte zum Studium. Ausnahmen sind häufig damit verbunden, dass nur das studiert werden kann, was bereits in einer Ausbildung erlernt wurde. Einmal eingeschlagene Bildungswege können so kaum verlassen werden.

Internationalisierung im Studium –  to go abroad gilt mittlerweile als selbstverständlich, obwohl es einer deutlichen (finanziellen) Belastung entspricht und gerade von sozial Benachteiligten nicht geleistet werden kann.

Fachhochschüler_innen werden oft diskriminiert – Seit der Bologna-Reform sollen Abschlüsse von der Fachhochschule und der Universität formal gleichgestellt sein. In der Praxis werden sie wie unterschiedliche Währungen behandelt. Universitätsprofessoren lehnen FH-Absolventen bei der Promotion oft aus Standesdünkel ab.

Zusammenhang von Herkunft und Berufsposition – Die soziale Herkunft beeinflusst nicht nur den Bildungserfolg, sondern ebenso den Erfolg beim Berufseinstieg und der beruflichen Karriere. Bildungsaufsteiger in unternehmerischen Spitzenpositionen stellen bis heute eine vielgesuchte Ausnahme dar. Das Problem: der fehlende “Stallgeruch”.

Wir fordern:

Chancengleichheit – Wir brauchen ein neues Fundament für unser Bildungssystem, in dem endlich gleiche Chancen für jeden möglich sind.

Schule für alle – Wir brauchen keine Trennung nach der 4. oder 6. Klasse, keine Förderschulen. Inklusion ist das Schlagwort. Schule für alle meint nicht das derzeitige Konzept der Gemeinschaftsschulen, da hier Mechanismen des alten Systems noch immer wirken.

Neue Unterrichtsform – Wir brauchen nicht nur neue Strukturen, sondern auch einen Unterricht der sich individuell an Schüler_innen orientiert. Dabei muss Motivation eine große Rolle spielen. Zudem brauchen wir ein neues Bewertungssystem. Noten müssen abgeschafft werden.

Eigene Erfahrungen hinterfragen – Jeder ist zur Schule gegangen und hat ein Bild wie Schule sein MUSS. Aber es geht auch anders: Schule kann Spaß machen und ein Ort werden, wo Kinder gerne hingehen. Dafür müssen wir aber alle unsere eigenen Schulerfahrungen ernsthaft hinterfragen.

Ausbildung für alle – Jeder Jugendliche sollte die Chance bekommen, in einer Wissensgesellschaft einen Beruf zu erlernen.

Durchlässigkeit zum Studium – Einmal eingeschlagene Bildungswege dürfen nicht das restliche Leben bestimmen. Es muss möglich sein, auch ohne das formale Kriterium Abitur ein Studium zu beginnen. Flexiblere Lösungen sowohl bei der Zulassung zum Studium als auch bei der Unterstützung der Studierenden müssen geschaffen werden.

Umdenken beim Promotionszugang – Viele FH-Absolvent_innen haben einen anderen Zugang zu wissenschaftlichen Themen als ihre Universitätskommilitonen. FHler haben viele tolle Ideen für ihre Promotion: Lasst diesen riesigen Wissenspool nicht vertrocknen, liebe Professoren!

Transparente Entscheidungsstrukturen bei Bewerberauswahl – Die oftmals intransparenten Entscheidungsstrukturen von Unternehmen benachteiligen vor allem jene Bewerber_innen, deren Habitus von einem sozialen Aufstieg geprägt ist. Wir fordern daher: Mehr Transparenz bei der Bewerber_innenauswahl.

Generationsübergreifender Dialog – Schüler_innen können erst wählen, wenn sie 18 sind. Damit können sie nicht aktiv mitbestimmen, wie Schule aussehen soll. Um so wichtiger ist es, dass begonnen wird, aktiv mit Schüler_innen zu sprechen und ihre Anliegen ernst zu nehmen. Das gleiche gilt für andere Bildungsbereiche wie die Universität.

Bildungsrevolution – In den letzten Jahrzehnten hat es unzählige Reförmchen gegeben. Aber die meisten sind reiner Aktionismus und gehen die grundlegenden Probleme nicht an. Wir brauchen eine grundlegende Veränderung.

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2 Kommentare

  1. Christel Hartkamp
    Okt 08, 2012 @ 10:54:07

    I am impressed with the amount of activity that takes place in germany to think about changing (revolutionize) the educational system. In the Netherlands, people are so tame, there is hardly anything happening here. We have a Sudbury school for 5 years now, 5 years of fighting against the govenment who wants to restrict our way of pedagogy. As it now appears (after the verdict by the Council of State) the Netherlands has a state pedagogy – there is only one type of pedagogy defined by the govenment possible. Parents from our schools are facing criminal prosecution. End of november the first parents will go to court. I just want to let you know how well “change” is accepted in the Netherlands. Good luck with your activities and hopefully, in the end, education can be revolutionized!

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  2. egal
    Okt 11, 2012 @ 14:22:48

    Eure Kritik am deutschen Bildungssystem ist ,bei aller Berechtigung, immer noch sehr lasch und bleibt in ihrer abgetrennten Sphäre stecken. Wenn ihr euch mit den Studentenbewegungen der 60er jahre auseinandersetzt werdet ihr dort viele eurer Kritikpunkte eins-zu-eins wiederfinden. Aber selbst damals gab es bereits den Versuch Bildung und Wissenschaft mit Gesellschaft/Politik/Ökonomie/Kultur/Psyche ins Verhältnis zu setzen und dementsprechend eine Kritik zu formulieren, dass vermisse ich bei euch. Gerade die Phraseologie der Demokratisierung und der gleichberechtigten Anerkennung greift viel zu kurz und nervt gewaltig. Ihr könntet einmal über den Zweck der heutigen Bildung nachdenken anstatt euch nur darüber zu beschweren, dass nicht alle gleich viel vom faulen Bildungskuchen abbekommen. Die Situationisten waren dem gegenüber bereits in den 50er Jahren zu der Erkenntnis gekommen, dass die Universität/ das Studium nur der Vorbereitungsritus für die elende und entfremdende Arbeit ist und das die Bildunginstitutionen, die Orte sind, an denen die herrschende Dummheit und das Unwissen verwaltet und organisiert wird. Daran hat sich leider nicht viel geändert.

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