Dokumentation Kongress 2014

1.   Pressespiegel Junger Bildungskongress 2014

o   Erster Junger Bildungskongress in Berlin 2014 (Radiointerview, Radio Corax)

Wie war der Bildungskongress, welche Ergebnisse gab es und wie sieht die weitere Arbeit von Was bildet ihr uns ein? aus? Rainald Manthe im Interview mit Radio Corax aus Halle, hier zum nachhören:

https://www.freie-radios.net/6358

o   Utopien gesucht (ZEIT online)

Diskussion statt Revolution: Über 100 “Bildungsbetroffene” trafen sich zum Jungen Bildungskongress in Berlin.

http://www.zeit.de/gesellschaft/2014-04/junger_bildungskongress_2014

o   So viel Revolution wie nötig (taz.de)

Die Initiative „Was bildet ihr uns ein“ fordert die Demokratisierung des Bildungssystems. Auf einem Kongress sollen die Betroffenen sprechen.

http://taz.de/Bildungskongress-in-Berlin/!137380/, 25.04.2014 taz.de

o   Junger Bildungskongress diskutiert die Revolution (Video, bpb)

Achtung! Einsturzgefahr im Bildungssystem!“, steht auf den gelben Postkarten, mit denen für den Jungen Bildungskongress 2014 geworben wurde. Für ein Interview über die Bildungsrevolution kletterten die Initiatorin Susanne Czaja und die Schülerin Liliane Smitmans gemeinsam mit Jöran Muuß-Merholz auf ein Baugerüst.

http://aktionstage-politische-bildung.net/junger-bildungskongress-diskutiert-die-revolution/

Junge Pressestimmen über den Jungen Bildungskongress 2014

Für den Jungen Bildungskongress 2014 wurde eine Junge Pressegruppe eingerichtet, die medieninteressierten jungen Menschen die Gelegenheit gab, die Themen des Kongresses journalistisch zu bearbeiten. Die Beiträge wurden auf unserem Blog wasbildetihrunsein.de online gestellt.

o   Wie man eine Utopie erfolgreich umsetzt – eine Gebrauchsanweisung (wasbildetihrunsein.de)

Am 26. und 27. März 2014 fand in der Evangelischen Schule Berlin Zentrum der erste Junge Bildungskongress seiner Art statt. Veranstaltet wurde er von der Initiative „Was bildet ihr uns ein?“, die sich in Folge der Veröffentlichung eines gleichnamigen Buchs gründete. Treibende Kraft war und ist dabei stets der Anspruch, junge Menschen an Bildungspolitik zu beteiligen. „Utopisch“ und „visionär“ wurde dies in die Tat umgesetzt. Von Natalie Welfens.

http://wasbildetihrunsein.de/2014/05/19/wie-man-eine-utopie-erfolgreich-umsetzt-eine-gebrauchsanweisung/

o   Podiumsdiskussion mit Publikumsstuhl (wasbildetihrunsein.de)

Den Abschluss des ersten Jungen Bildungskongresses Ende April bildete eine Podiumsdiskussion mit Expert_innen aus Politik, Wissenschaft und Praxis. Brauchen wir wirklich noch das Gymnasium? Und warum werden die Auszubildenden so selten gefragt? Unsere Kongressberichterstatterin Ramona Bunkus fasst die Diskussion zusammen und wünscht sich noch einen Bildungskongress.

http://wasbildetihrunsein.de/2014/05/14/2525/

o   Fürs Leben lernen. Ein Rückblick auf die Zukunftswerkstatt „Weiterbildung/Lebenslanges Lernen“ (wasbildetihrunsein.de)

Die Bildungsrevolution muss sich nicht auf Menschen unter 30 beschränken. Wir brauchen eine Gesellschaft, in der Weiterbildung und Lebenslanges Lernen für alle möglich und selbstverständlich ist. Wege dahin zeigt die Zukunftswerkstatt „Weiterbildung/Lebenlanges Lernen“, von der unsere Berichterstatterin Aline Abboud berichtet.

http://wasbildetihrunsein.de/2014/05/08/fuers-leben-lernen-ein-rueckblick-auf-die-zukunftswerkstatt-weiterbildunglebenslanges-lernen/

o   Man muss Strukturen aufbrechen zwischen Schule, Stadt und Wald!” (wasbildetihrunsein.de)

Die diesjährigen UN-Jugenddelegierten sind Celina Greppler und Ozan Solmus. Die beiden Studierenden sammeln auf einer Tour quer durch Deutschland Forderungen und Themen junger Menschen, die sie im September bei den Vereinten Nationen in New York vertreten wollen. Im Interview mit Clara Woopen erzählen sie, welche Themen vom Jungen Bildungskongress sie in die Welt tragen wollen.

http://wasbildetihrunsein.de/2014/05/06/interview-mit-den-un-jugenddelegierten-2014/

o   Schafft ein, zwei, viele Bildungsrevolutionen! (wasbildetihrunsein.de)

Auf dem jungen Bildungskongress 2014 wurden nicht nur viele Ideen und Anregungen dafür hervorgebracht, wie man Bildung verändern kann. Er hat die Bildungsgestalter_innen von heute und morgen vernetzt und so einen Anstoß für eine langfristige Bildungsrevolution gegeben. Unsere Berichterstatterin Livia Gerster gibt einen Überblick über den ersten Tag.

http://wasbildetihrunsein.de/2014/05/04/schafft-ein-zwei-viele-bildungsrevolutionen/

o   Zukunftswerkstatt Schule – eine erste Zwischenbilanz (wasbildetihrunsein.de)

Wie kann man Schule verändern? Beim Jungen Bildungskongress 2014 wurde in einer Zukunftswerkstatt darüber diskutiert. Die Probleme sind bekannt, aber die Teilnehmenden kamen zu teilweise innovativen Lösungsvorschlägen. Unsere Berichterstatterin Clara Woopen mit einem ersten Zwischenbericht.

http://wasbildetihrunsein.de/2014/04/28/zukunftswerkstatt-schule-eine-erste-zwischenbilan/

o   Schule: Ab in die Notaufnahme!?

An dieser Stelle wurde bereits vom Jungen Bildungskongress 2014 berichtet. Unsere Berichterstatterin Vanessa Ly hat beobachtet, dass das deutsche Schulsystem komatös ist und es dringend Menschen braucht, die es aufwecken. Ist die Schule noch zu retten oder haben die Organe bereits versagt? Vanessa hat beobachtet, dass die Lage ernst ist, die Kongressteilnehmer_innen aber Chancen für eine erfolgreiche Therapie sehen.

http://wasbildetihrunsein.de/2014/05/22/zukunftswerkstatt-schule-ab-die-notaufnahme/

 

2. Der Kongress

Unter dem Motto „Achtung! Einsturzgefahr im Bildungssystem“ fand am 25. und 26. April 2014 in der evangelischen Schule Berlin-Zentrum der erste Junge Bildungskongress von Was bildet ihr uns ein? statt. An den beiden Tagen kamen über 150 Bildungsbetroffene mit Expert_innen aus allen Bildungsbereichen zusammen, um über Mängel und Chancen des Bildungssystems zu diskutieren. Bildungsbetroffene, so nennt die veranstaltende Initiative Was bildet ihr uns ein? Menschen, die mit dem Bildungssystem in Berührung stehen.

Dabei befand sich der Kongress in einem Spannungsfeld von Revolution und Reform. Muss das Bildungssystem von Grund auf erneuert werden oder reichen Nachbesserungen? Diese Fragen wurden in sechs Zukunftswerkstätten für die Bereiche frühkindliche Bildung, Schule, Hochschule, Weiterbildung/Lebenslanges Lernen und außerschulisches/kulturelles Lernen sowie berufliche Bildung nachgegangen. Mit der Methode Zukunftswerkstatt wird zunächst der gegenwärtige Zustand eines Gegenstandes erfasst. Daraufhin wird eine Utopie entworfen, um dann in einer Realisierungsphase den Versuch zu unternehmen, realistische Forderungen und Konzepte für deren Umsetzung zu entwerfen. In den Zukunftswerkstätten waren, neben den Teilnehmer_innen – die zwischen 12 und 72 Jahre alt waren – auch Expert_innen der verschiedenen Bereiche vor Ort, die die Diskussion auf Augenhöhe mit ihren Erfahrungen bereicherten.

An den beiden Tagen wurde debattiert, gestritten und nach Auswegen aus der aktuellen Situation gesucht. Aber nicht nur in den Zukunftswerkstätten, auch in den Pausen und während des Essens war das Thema Bildung allgegenwärtig. Neben der Auseinandersetzung mit dem Inhaltlichen, stand auch die Vernetzung der Teilnehmenden im Mittelpunkt der Veranstaltung.

Abgeschlossen wurde der Kongress mit einer Podiumsdiskussion. Dort diskutierten Saskia Esken (SPD, MdB), Janosch Jassim (Landesschülersprecher Berlin), Margret Rasfeld (Schulleiterin der ev. Schule Berlin-Zentrum), Prof. Felicitas Thiel (FU Berlin), Wolfgang Gründinger (Sprecher der Stiftung Rechte zukünftiger Generationen) und Alma de Zaraté (Schülerin der Ev. Schule Berlin-Zentrum). Unter der Moderation von Mohamed Amjahid (u.a. Die ZEIT, Tagesspiegel) wurden insbesondere schulpolitische Themen diskutiert.

Im Laufe des schlagkräftigen Austausches wurde deutlich, dass der Kongress eins nicht geleistet hat: Schüler_innen aus so genannten Brennpunktschulen sowie Auszubildende mit einzubeziehen.

Eine Kritik, die wir uns für den Jungen Bildungskongress 2015 zu Herzen nehmen werden.

3. Dokumentation der sechs Zukunftswerkstätten

Im Folgenden werden der Verlauf und die Ergebnisse der sechs Zukunftswerkstätten ‚Kulturelle und außerschulische Bildung‘, ‚Berufliche Bildung‘, ‚Weiterbildung/ lebenslanges Lernen‘, ‚Frühkindliche Bildung‘, ‚Schule‘ sowie ‚Hochschule‘ vorgestellt.

3.1 Zukunftswerkstatt „Kulturelle und außerschulische Bildung“

In der Zukunftswerkstatt ‚Kulturelle und außerschulische Bildung’ brachte eine bunte Mischung von gut 30 sowohl aktuell wie auch ehemals Bildungsbetroffenen unterschiedlichen Alters, engagiert ihre unterschiedlichen Perspektiven in lebhafte und vielfältige Diskussionen ein. Unterstützt und angeregt wurden sie dabei von Expert_innen aus dem Praxisbereich der kulturellen und außerschulischen Bildung: den UN-Jugenddeligierten Celina Greppler und Ozhan Solmus, den ‚Dialog macht Schule’-Mitarbeiterinnen Aylin Koc und Gitanjali Schmelcher, der Museumspädagogin Julia Hornig sowie den ‚Kulturagentinnen’ Eva Randelzhofer und Katinka Wondrak.

Die Auswertung der Kritikphase ergab drei thematische Schwerpunkte für die weitere Auseinandersetzung mit diesem Bildungsbereich: den Zugang zu Angeboten kultureller und außerschulischer Bildung, die Struktur bzw. das Konzept, die hinter entsprechenden Projekten stehen und die Wertschätzung, die diesem Bereich entgegen gebracht wird. Kritisiert wurden v.a. die Intransparenz der Angebote, die Abhängigkeit des Zugangs zu diesen Angeboten vom Elternhaus – besonders vom elterlichen Einkommen, die mangelnde Vernetzung von Angeboten in der Schule, in anderen Institutionen und denen, die in den Alltag integriert seien. Des Weiteren wurde kritisiert, dass es kein wirkliches Konzept von Kultur in Bildung gebe, dass Kinder und Jugendliche bei der Konzeption von Angeboten kaum partizipieren können und das Desinteresse, das diesem Bildungsbereich von Seiten der politischen Eliten entgegengebracht werde, mit daraus folgenden geringen finanziellen Ressourcen für entsprechende Projekte.

In der Utopiephase erträumten sich die Teilnehmer_innen entsprechend eine weit verzweigte kulturelle und außerschulische Bildung, der mindestens die gleiche Wertschätzung und Unterstützung entgegengebracht würde, wie der ‚klassischen’ Bildung, in der es eine Vielzahl an speziell ausgebildeten Expert_innen gäbe, die z.B. an jeder Schule gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern entsprechende Konzepte entwickeln und umsetzen könnten, und für deren Umsetzung es eine Planungssicherheit aufgrund eines ausreichenden und garantierten Budgets gäbe.

Eine starke Vernetzung der Akteure war ein Schlüssel zur Verbesserung der Situation: So haben sich in den vergangenen 10 Jahren Gremien etabliert, in denen außerschulische und schulische Akteure zusammen kommen und sich austauschen und Maßnahmen diskutieren und planen. Eine wichtige Rolle spielen hierbei die ‚Kulturagent_innen‘. Diese gibt es in zwei Varianten: entweder versorgen sie Schulen ambulant oder sie sind ein fester Teil des Kollegiums – je nach dem wie die Situation an der jeweiligen Schule ist. Die Schülerinnen und Schüler – und letztendlich auch die Lehrkräfte – freuen sich über mehr Zeit zum Erfahren von Kultur zu haben. Außerdem haben sie somit einen Raum, in dem sie bewertungsfrei Erfahrungen machen können. Aber nicht nur das: sie können diesen Raum auch mitgestalten und werden so Teil davon.

3.2 Zukunftswerkstatt „Berufliche Bildung“

In der Zukunftswerkstatt Berufliche Bildung diskutierten etwa 15 Teilnehmende über die gegenwärtige und zukünftige Situation der beruflichen Bildung in Deutschland. Gemeinsam mit den Expert_innen Martin Mandel (wissenschaftlicher Mitarbeiter im Deutschen Bundestag) und Britta Hamann (Projektsekretärin bei ver.di) formulierten die Teilnehmenden Kritikpunkte am bestehenden Berufsbildungssystem, entwarfen Utopien und entwickelten konkrete Realisierungsmaßnahmen, die dazu beitragen sollen, die benannten Missstände in der beruflichen Bildung zu verbessern.

Die Kritik der Teilnehmenden umfasste einerseits den Komplex der fehlenden Wertschätzung von Ausbildungsberufen, die sich u.a. in einem (im Vergleich zu akademischen Berufen) geringeren gesellschaftlichen Ansehen, einer teilweise unangemessenen (Ausbildungs-) Vergütung und der fehlenden Anerkennung von Ausbildungsberufen als relevante Berufsoption für bestimmte Schüler_innengruppen (insbesondere Gymnasiat_innen/ Abiturient_innen) widerspiegelt. Dies erschien den Teilnehmenden insbesondere unter Berücksichtigung der zunehmenden Komplexität der Tätigkeitsfelder sowie der höheren Zugangsvoraussetzungen von Ausbildungsberufen nicht angemessen. Daneben umfasste die von den Teilnehmenden geäußerte Kritik zahlreiche strukturelle Aspekte der beruflichen Bildung. Hier wurde u.a. die fehlende Durchlässigkeit zur bzw. Verbindung mit der Hochschulbildung, fehlende bzw. geringe Weiterbildungs- und -entwicklungsmöglichkeiten (z.B. für körperlich anstrengende Berufe im Alter, Auslandsaufenthalte werden selten genutzt, etc.) sowie der Zugang zur Ausbildung selbst thematisiert.

Orientiert an dieser Kritik entwarfen die Teilnehmenden Utopien für das zukünftige Berufsbildungssystem im Deutschland. In diesem Utopia besteht u.a. die Möglichkeit, sich im Rahmen einer „Ausbildung generale“ zunächst in den verschiedensten Ausbildungsberufen auszuprobieren, bevor die Entscheidung für eine Ausbildung fällt. Wurde eine Ausbildung aufgenommen, erhält man neben einem/r kompetenten und hilfreich zur Seite stehenden Mentor/in u.a. auch die Möglichkeit, problemlos Auslandsaufenthalte in ausländischen Partnerbetrieben zu absolvieren.   Insgesamt passt sich das Ausbildungssystem stärker den Bedürfnissen der in ihr agierenden Individuen an, sei es strukturell oder inhaltlich. Neben formale Fähigkeiten, erhalten auch non- sowie informaler erworbene Kenntnisse stärkere Berücksichtigung und Wertschätzung.

Eine Verbesserung der Situation konnte durch die Gründung der Initiative akademikerkind.de erzielt werden. Diese hilft Jugendlichen aus akademisch geprägten Haushalten sowie Schüler_innen von Gymnasien, Alternativen zur Hochschulausbildung zu finden und unterstützt diese dabei, eine für sie angemessene Berufsausbildung aufzunehmen. Daneben werden gute Erfahrungen mit dem analog zum FSJ etablierten „Dienst an der Gesellschaft“ und einer „Ausbildung generale“ gemacht. In diesem Jahr können junge Erwachsene sich steuerfinanziert orientieren und den passenden Beruf ausfindig machen. Besonders gut angenommen wird auch das Zeitkonto zur Berufsorientierung: Arbeitnehmer_innen können damit Auszeiten nehmen oder Umbruchphasen überbrücken, um sich beruflich neu zu orientieren, auszurichten oder weiterzubilden. Die Länge dieser Phase wird durch die Fülle des jeweiligen Zeitkontos bestimmt.

Was in der Vergangenheit noch undenkbar war ist heute Realität: Arbeit wird wertgeschätzt. Durch die gesetzlich festgelegte gestaffelte Mindestausbildungsvergütung kann jede_r Ausbildende von seinem/ihrem Auskommen leben. Ein gemischtes Modell sieht vor, dass diese rein betrieblich oder durch den Staat unterstützt erfolgt – so können auch angeschlagene Betriebe die Vergütung stemmen.

Zum Schluss der Berufsausbildung erhalten die Absolvent_innen ein Schulabschlusszeugnis, welches durch ein Kompetenzportfolio ergänzt wird. Dieser drückt aus, welche (auch non- und informal erworbenen) Fähigkeiten die/der Arbeitnehmer_in aufweist und ermöglicht eine Einordnung dieser Fähigkeiten im Kontext des Deutschen Qualitätsrahmens. Die Hochschulen freuen sich darüber: Das macht ihnen die Auswahl der Bewerber_innen leichter.

3.3 Zukunftswerkstatt „Weiterbildung/ Lebenslanges Lernen“

In der Zukunftswerkstatt Weiterbildung/ Lebenslanges Lernen diskutierten 20 Teilnehmende über die gegenwärtige Situation in der Weiterbildung bzw. des Weiterbildungssystems in Deutschland. In drei Arbeitsgruppen unterstützten die Expertinnen Jun.-Prof. Katrin Kaufmann (Lehrstuhl Empirische Weiterbildungsforschung, FU Berlin), Dr. Sarah Widany (Arbeitsbereich Weiterbildung und Bildungsmanagement, FU Berlin) und Claudia Kulmus (Abteilung Weiterbildung, HU Berlin) sowie Ute Falkner vom Nachbarschaftsheim Neukölln e.V. die Teilnehmenden dabei, Kritikpunkte zu formulieren, Utopien zu entwerfen und konkrete Maßnahmen zu entwickeln, die die gegenwärtige Situation in der Weiterbildung verbessern.

Die Kritik der Teilnehmenden umfasste vor allem den schwierigen Zugang zu Weiterbildung, die geringe gesellschaftliche Anerkennung/Bedeutung dieses Bildungsbereiches und die fehlenden bzw. nicht ausreichenden rechtlichen bzw. institutionellen Rahmenbedingungen. Die Arbeitsgruppen stellten heraus, dass sich die große Bedeutung, die das Thema vor allem in politischen Diskussion einnimmt, nicht zwangsläufig in der Praxis widerspiegelt. Neben zu vielen Hürden und zu wenig Transparenz kritisierten die „Weiterbildungsbetroffenen“, dass Weiterbildung zu sehr auf Verwertbarkeit ausgerichtet und somit der individuellen Selbstentfaltung und -bestimmung im Wege steht.

Vor diesem Hintergrund wurde ein utopisches Weiterbildungssystem entworfen, das allen Menschen, unabhängig von Alter, Status und Bildungsbiografie, das lebenslange Lernen ermöglicht. Die Teilnahme sollte aus einem individuellen Interesse und aus einer wirtschaftlichen Unabhängigkeit heraus entstehen, also freiwillig und zweckfrei sein, und nicht funktionalisiert und gewinnorientiert. Letztlich soll dieses Weiterbildungssystem die Lust am Lernen wecken und fördern.

Eine unübersichtliche Weiterbildungslandschaft gehört der Vergangenheit an. Durch das Weiterbildungsgesetz sind neben rechtlichen Rahmenbedingungen zur Teilnahme an Weiterbildungsmaßnahmen auch die finanziellen und zeitlichen Bedingungen geregelt. Auf einem jährlich stattfindenden Weiterbildungsgipfel – der durch den Druck der Arbeitnehmer_innen entstand – werden mit allen Beteiligten über weitere Verbesserungen der Situation diskutiert. Revolutionär ist, dass die Arbeitnehmer_innen auch eine Stimme haben und somit faktische Entscheidungsmacht. Mittlerweile ist das Thema aber sowohl gesellschaftlich als auch politisch in der Mitte der Gesellschaft angekommen, sodass es nur noch selten zu kämpferischen Abstimmungen kommt. Zuletzt war der eingeführte Bildungsurlaub ein Streitpunkt. Expert_innen sehen momentan vor allem Diskussionsbedarf beim bedingungslosen Grundeinkommen. Aber der Gipfel hat sich als hilfreiches und effektives Mittel erwiesen, gesellschaftliche Innovationen dieser Art voranzutreiben. 

3.4 Zukunftswerkstatt „Frühkindliche Bildung“

‚Frühkindliche Bildung‘ bedeutet in der gesellschaftlichen Diskussion momentan vor allem Ausbau von Kitaplätzen. Welche Probleme darüber hinaus in diesem Gebiet existierten diskutierten ca. 20 Teilnehmende in der Zukunftswerkstatt ‚Frühkindliche Bildung‘. Unterstützt durch die Expertise der Expertinnen Kulturagenten für kreative Schulen, Celina Greppler und/oder Ozhan Solmus (UN-Jugenddelegierte 2014), Aylin Koc (Dialog macht Schule), Julia Hornig (Museumspädagogin der Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung) und Gitanjali Schmelcher (Dialogmoderatorin von Dialog macht Schule und Rapucation)wurden zunächst folgende Kritiken formuliert:

Als besonders prekär wurde die Tatsache gesehen, dass bereits Exklusion in der Kita gibt, indem Kinder als ’nicht-Kita-fähig‘ eingestuft werden. Die Kinder, die bleiben dürfen, werden zu oft nicht gefördert und motiviert und durch die Defizitorientierung des pädagogischen Personals, wird Selbstvertrauen sogar abgebaut. Außerdem fehlt es an einer adäquaten Sprachförderung, einer umfassenden Elternarbeit und insgesamt Transfer von wissenschaftlichen Erkenntnissen in die Praxis. Die Kinder erfahren oft schon Leistungsdruck, etwa durch den Erwerb von Englischkenntnissen und der Übergang an die Grundschule wird als Bruch auf mehreren wahrgenommen. Außerdem gib es eine zu große Ungleichheit bezüglich der Angebote zwischen den Einrichtungen. Insgesamt finden die Teilnehmenden, dass die Betreuungskosten und Betreuungsschlüssel zu hoch und die

Pädagog_innen, so wurde kritisiert, können oft nicht aus der Perspektive eines Kindes sehen und dadurch das Verhalten nicht sachgerecht einschätzen, außerdem gibt es einen Generationskonflikte innerhalb des Personals. Der Leitung von Kitas fehlt es zu oft an Führungskompetenz. Es wird die verpflichtende Teilnahme an Weiterbildungen gefordert, auch für Einrichtungen in kirchlicher Trägerschaft. Insgesamt wird dem Erzieher_innen-Beruf zu wenig Wertschätzung entgegengebracht, was sich letztendlich auch in der Bezahlung ausdrückt. Das selbe trifft auf nicht vergütete Praktika in diesem Bereich zu.

Als wegweisende Maßnahme hat sich das Programm ‚Vision KITA 2024‘ herausgestellt. Der Schrittweise der vormals isolierten Kita zum interkulturellen und inklusiven Familienzentrum hat zur Flexibilisierung der Betreuung, aber auch insgesamt zu einer höheren Aufmerksamkeit zum Thema frühkindliche Bildung beigetragen. Das Ergebnis ist eine bedarfsgerechte und nachhaltige Finanzierung: das Personal kann angemessen bezahlt werden, Praktikant_innen müssen somit nicht mehr als Vollzeitkräfte eingesetzt werden, und die Beiträge sowie das Mittagessen sind kostenfrei (ermöglicht durch einen von Bund und Ländern getragenen Entwicklungsfonds). Des Weiteren wurde die Ausbildung des pädagogischen Personals verbessert. Somit ist es möglich, dass ein noch stärkeres Verständnis von Professionalität entstanden ist. Auch die Arbeit im Team hat sich verbessert und damit der Austausch über die Kinder. Deren Bedürfnisse sind durch die genannten Maßnahmen in den Mittelpunkt gerückt. In Bezug auf Mitarbeiter_innenentwicklung war die Einführung der 25% Arbeitszeit für mittelbare Tätigkeiten bahnbrechend. In dieser Zeit kann sich der Dokumentation, Evaluation oder Weiterbildung gewidmet werden. Daneben werden regelmäßige Hospitationen organisiert und ein breites Fortbildungssystem aufgebaut. Nicht zuletzt haben verbindliche Standards für Führungskräfte zu einer grundlegenden Verbesserung der Situation an Kitas geführt.

3.5 Zukunftswerkstatt „Schule“

In der Zukunftswerkstatt Schule wurden von rund 40 aktiven und engagierten Studierenden, Eltern, Schüler_innen, Referendar_innen und Vertreter_innen aus verschiedenen Bildungsorganisationen sowie der Expertin Rosemarie Hein (MdB, Die Linke) in der ersten Phase des Workshops Kritikfelder formuliert:

Es gibt zu viel Distanz an Schulen, sei es im Schüler_in-Lehrer_in-Verhältnis, zwischen den Eltern und der Schule und allen anderen beteiligten Akteuren. Dabei wurde die fehlende Kommunikation, die minimale Selbst- und Mitbestimmung der Schüler_innen, die im Schulalltag allgegenwärtigen institutionalisierten Hierarchien und das fehlende geteilte Verantwortungsgefühl für die Schule als Gemeinschaftsort kritisiert. Deshalb, ist kaum eine ernsthafte Auseinandersetzung und ein ernsthafter Austausch über soziale und emotionale Belange möglich. Zusammengefasst wurde dieses Kritikfeld mit dem Stichpunkt Kommunikation.

Ein weiteres Kritikfeld konzentrierte sich auf die zunehmende Ökonomisierung, den Konkurrenzgedanken und damit einhergehend den ansteigenden Leistungsdruck, dem sich die Teilnehmenden ausgesetzt sehen, sei es über die Output-Orientierung in Form von standardisierten Tests, wie „Vera“, oder der Konzentration auf die Benotung, die den Bildungszweck in Frage stellt.

Ein massives Problem sahen die Teilnehmenden auf der Systemebene: die institutionelle Diskriminierung aufgrund der Herkunft, die Selektion u.a. durch das dreigliedrige Schulsystem bzw. durch den Berliner Dualismus von ISS und Gymnasium und die Zentralisierung von Abschlussprüfungen. Gerade in der Frage nach Inklusion an Schulen wurde kritisiert, dass bislang keine glaubwürdigen Bemühungen zur Umsetzung zu erkennen seien. Die entsprechende Gruppe beschäftigte sich mit diesem Themenkomplex unter dem Schlagwort des Ausschlusses und der Diskriminierung.

Unter dem Gesichtspunkt mangelnder Förderung und Entfaltungsmöglichkeiten wurden fehlende Kreativität, das „Lernen nur im Schulgebäude“, die immer noch anhaltende Konzentration auf Wissensvermittlung und damit die Ignoranz gegenüber individuellen Talenten bemängelt.

Damit verbunden wurden die in der Schule gängigen Methoden/Lehr- und Lernformen kritisiert, die aufgrund von Zwang und Druck, der mangelnden Bewegungsmöglichkeiten und der bisher quasi nicht vorhandenen Anknüpfungspunkten an eine praktische Handlungsorientierung oder die Lebenswelt der Schüler_innen (Stichwort „learning by doing“) als antiquiert wahrgenommen werden.

Um auf kreativere Methoden eingehen zu können, an Stelle von Noten ein individuell angepasstes Feedbacksystem anzuwenden und auf persönliche Potenziale der Schüler_innen angemessen eingehen zu können, werden die Lehrkräfte entlastet (Reduktion der Wochenstunden). Des Weiteren haben Schüer_innen bzw. Eltern zu Beginn der Schulanmeldung Wahlfreiheit über das anzuwendende Bewertungssystem (seien es Noten oder Feedbackgespräche). Damit alternative pädagogische Praktiken gelingen, ist eine Plattform zum Austausch zwischen Schulen, die bereits erfolgreich verschiedenste Projekte und Konzepte umgesetzt haben, etabliert worden. Außerdem gibt es Expert_innengruppen, die eigens dafür eingerichtet wurden, um entsprechende Pilotprojekte zu koordinieren und zu evaluieren. Sowohl Lehrkräfte als auch Schüler_innen sind dankbar über die interdisziplinären Lernbegleiter_innenteams die aus Sozialpädagog_innen, Psycholog_innen, Lehrkräften etc. bestehen. Diese betreuen die Klassen in Doppelsteckung, was eine multiperspektivische Einschätzungen und Begleitung ermöglicht – das ist insbesondere in Hinblick auf die Inklusivität der Schule hilfreich. Um die Kommunikation zwischen den an der Schulwelt beteiligten Personengruppen zu verbessern, wurde ein wöchentlich „institutionalisierter Rundertisch“ zwischen Eltern, Lehrer_innen und Schüler_innen eingesetzt. Diese Maßnahmen wurden möglich, da der Bildungsetat auf 7% des BIP erhöht wurde. Da durch diese Maßnahmen aber noch nicht alle Probleme gelöst werden konnten, und sich alle darüber einig sind, dass finanzielle Mittel eine zentrale Rolle spielen, ist eine weitere Erhöhung des Etats im Gespräch.

3.6 Zukunftswerkstatt „Hochschule“

In der Zukunftswerkstatt Hochschule mit aktiven und engagierten 30 Studierenden, Hochschulmitarbeiter_innen und Vertreter_innen aus verschiedenen Bildungsorganisationen wurden gemeinsam mit den Experten Philipp Breder von den Juso Hochschulgruppen, Patrick Hintze von der Universität Duisburg-Essen, Sebastian Schultz, ehem. AstA Uni Potsdam, Maria Keil und Natalie Lachmann von ArbeiterKind.de sowie Andre Nowakowski, an der FU Berlin Referent für Studium und Lehre in der ersten Phase des Workshops Kritikfelder formuliert: großer Zeit- und Prüfungsdruck auf Kosten der Inhalte, Zwangsverschulung durch BA/MA-System, zu wenig Praxisbezug, zu wenig freie Wahl im Studiengang, geringe Individualität, Fließband“studium“, ungerechte Studienfinanzierung, wenig Chancen, sein Wunschseminar zu bekommen, schlechte Vorlesungsdidaktik, eine Verknüpfung Theorie/Empirie, didaktisch oft unqualifizierte Dozierende, eingeengte, stark gelenkte Kursstrukturen und Leistungsbewertungen, Prüfungslast/Modulprüfungen, zeitliche Prüfungsverteilung, Punktejagd statt Interesse, Schuldidaktik, Fehlende Diskussionskultur in Seminaren, Prüfungsinhalte/Prüfungsformate, Notendruck, Fehlende gesellschaftliche Öffnung, Bürokratie und Zuständigkeitsjungle, Übergang zur Hochschule hängt stark mit sozialer Herkunft zusammen, Kontaktscheu je nach Herkunft – Arbeiterkinder vs. Akademikerkinder, Akademischer Habitus – Bildungsbürgertum als Norm, Benachteiligung von nichttraditionellen Studierende, Hürde Hochschulsystem in finanzieller und unterstützender Hinsicht, Zulassungskriterien, Zulassungsbedingungen, Fehlende Ethik, Akkreditierungssystem abschaffen, Größe des Studiengangs darf nicht anhand der LA berechnet, Fokus auf Forschung, zu viele Gastdozenten , Wochenendseminare, unter der Woche kaum Seminare, unfaire Verteilung von Leistungspunkten, Hausberufungsverbot (Gender), Projekte vs. Nachhaltige Strukturen, fehlende Individualität (Inhalte, Finanzierung), einheitliche Regelungen zumindest innerhalb eines Bundeslandes, wenig Transparenz, Drittmittelabhängigkeit, kritischer Umgang mit Internationalisierung, sensibler Umgang mit „Noteninflation“, Missverständnis von Bildung als Wissensvermittlung, fehlende Zeit zum selbst Denken durch festgefahrene Curricula, fehlende Lehrvision zur Relation Wissenschaft-Praxis, Sinn/Zweck des Studiums: Erkenntnis oder Ausbildung?, eurozentrisches Wissen, Studium nach Humboldt zum Selbstzweck, unkritische Lehre, 80% Mist im Lehramtsstudium, Enge der Veranstaltungen und ein Wissensverständnis von Bildung als bloße Ausbildung.

Aus diesen Kritikpunkten wurden Utopien in den Bereichen Studiengangsgestaltung, Rahmenbedingungen des Studiums, heterogene Studierende sowie zum Bildungsbegriff entwickelt.

Viele der immer wieder genannten Kritik über deutschen Hochschulen konnten durch eine Ausfinanzierung der Globalhaushalte und ein Aufhaben des Kooperationsverbot zwischen Bund und Ländern gelöst werden. Für Wissenschaftler_innen bedeutete diese Maßnahme, dass sie jetzt eine relative finanzielle Sicherheit genießen und ihre Karriere planen können. Die mit den zusätzlichen Mitteln geschaffenen Stellen haben gleichzeitig zu einer Diversifizierung des akademischen Karrierewegs geführt. Auch die Situation der Studierenden hat sich nachhaltig verbessert: Lehrinhalte werden mittlerweile gemeinsam mit allen Beteiligten diskutiert und festgelegt, Studienverläufe sind individualisiert und Prüfungen können unlimitiert wiederholt werden. Den Start des Studiums erleichtern Mentor_innen, ein Orientierungssemester und eine umfassende Bildungsberatung. Diese beiden Angebote werden vor allem – aber nicht nur – von den Studierenden wahrgenommen, die nicht zu den ‚klassischen‘ Studierenden gehören. Denn, die Hochschule steht nicht mehr nur Abiturient_innen offen. Individualisierte Eingangsfeststellungstest haben das Abitur ersetzt. Ein Nebeneffekt von dieser Umstellung ist, dass der NC weitestgehend der Vergangenheit angehört.

Da Lehrende jetzt mehr Zeit und Muße haben, geben sie hilfreiches qualitatives Feedback und unterstützen die Studierenden beim Lernen. Diese können, dank einer grundlegendes Reform des BAFÖG, sich auf das Studium konzentrieren, ohne sich die Nächte beim Jobben um die Ohren schlagen zu müssen. Um hier noch weitere Verbesserungen zu erzielen, wird momentan ein bedingungsloses Bildungseinkommen diskutiert. Die rund 900€ sollen fünf Jahre ausgezahlt werden – vorausgesetzt natürlich, die Verhandlungen um ein bedingungsloses Grundeinkommen kommen nicht weiter.

Der verringerte Druck auf Studierende sowie Wissenschaftler_innen hat zur Folge, dass mehr über Lehrinhalte und -methoden reflektiert wird und auch ‚kritische‘ Lehre wieder Einzug an die Hochschulen erhält. Eine Rückbesinnung auf demokratische Grundwerte auch in der Wissenschaft hat auch dazu geführt, dass das Mitspracherecht der Studierenden gestärkt wurde, z.B. durch eine viertelparitätische Besetzung in Gremien.

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