Brief einer Generation

Foto: © Was bildet ihr uns ein?

Was bildet ihr uns ein? hat am 12. Oktober 2012 an alle Landtags-, Bundestags- und deutschen Europaabgeordneten einen Brief mit dem Betreff Was bildet ihr uns ein? versendet. Dieser wurde einen Tag später symbolisch auf dem Pariser Platz in Berlin an die Politik übergeben. Eine Forderung ist, mit der jungen Generation in den Dialog zu treten. Hier zum Nachlesen:

Sehr geehrte Hoffnungstäter,

in unseren Gedanken haben wir Ihnen schon viele Briefe geschrieben. Oft haben wir Vorwürfe formuliert, waren verzweifelt, fühlten uns unverstanden. Wir haben Sie innerlich verflucht, konnten es nicht glauben, wenn Sie unser Bildungssystem wieder in den Himmel lobten. Nun schreiben wir Ihnen, um endlich die entscheidende Frage zu stellen: Was bildet ihr uns ein?

Bildungsnation? Von wegen!

Wir sind eine Bildungsnation, so beschreiben Sie zumindest Deutschland. Wir sind eine Nation, in der Bildung den höchsten Stellenwert hat, in der jeder frei seinen Beruf wählen kann, in der jeder unabhängig seiner Herkunft gleiche Chancen hat? Wir wären gern Teil einer solchen, doch von dieser sind wir weit entfernt.

Wahre Chancengleichheit existiert in Deutschland nicht. Unser Bildungssystem ist der reinste Hürdenmarathon. Der Bildungsaufstieg in Deutschland ist fast nur unter hochleistungssportlichen Anstrengungen möglich. Nur schwer kann jemand die für ihn vorgesehenen Laufbahnen verlassen. Ein Grund dafür ist unser mehrgliedriges Schulsystem. Wie kann man ein solches Bildungssystem verteidigen? Was muss passieren, damit Sie begreifen, dass Sie Menschen ihrer Chancen berauben und ihnen unnötig Hürden in den Weg stellen?

Haben Sie sich einmal die Frage gestellt, was solch ein Bildungssystem mit denjenigen macht, die darin lernen? Angst zu versagen, Stresssymptome schon bei Kindern, geringes Selbstwertgefühl – für all das ist Ihr Bildungssystem verantwortlich.

Wir finden es reicht! Deshalb melden wir uns jetzt zu Wort. Wir sind Schüler, Studierende, Doktoranden, Arbeiterkinder, waren Schüler mit Migrationshintergrund, sind betroffen von Depressionen, haben über den zweiten Bildungsweg Abitur gemacht – kurz: wir sind der Querschnitt unserer Generation.

Die Frage, die sich für uns stellt ist: Sind Sie bereit, eine echte Bildungsnation zu werden? Sind Sie mutig genug, ein System zu etablieren, das diesem Begriff gerecht wird? Wir fordern Sie auf, mit uns eine ehrliche Debatte über Bildung in Deutschland zu führen. Dabei müssen wir sowohl über Strukturen als auch über das Innenleben des Bildungssystems diskutieren.

Kinder dürfen nicht im Alter von zehn oder zwölf Jahren getrennt werden. Das ist eindeutig zu früh und die Folgen sind fatal. Nicht nur für den Einzelnen, sondern auch für die Gesellschaft. Durch diese Trennung gibt es im späteren Leben kaum Berührungspunkte zwischen denen, die studiert, die einen Beruf gelernt oder die keine Ausbildung gemacht haben. Es muss darüber diskutiert werden, wie wir einen Raum schaffen, in dem Kinder herausfinden können, wer sie sind und welche Stärken sie haben. In dem sie gemeinsam mit Eltern, Lehrern und anderen Schülern ihren Alltag gestalten – Staffellauf statt Hürdenmarathon muss die Devise sein.

Sie sind die Hoffnungstäter in unserem Land, und wir weisen Sie mit diesem Brief darauf hin, dass Sie ihre Funktion vergessen haben. Sie sollen hoffnungsvolle Wege gehen und sich für ein gerechtes Bildungssystem einsetzen. Legen Sie das neue Fundament, das wir so dringend benötigen und investieren Sie so in die Zukunft.

Fangen Sie an, uns zuzuhören und treten Sie mit uns, der jungen Generation, in Kontakt, um über ein gerechtes Bildungssystem zu reden. Wir freuen uns von Ihnen zu hören.

Mit freundlichen Grüßen
Eine Generation

 

Wir fordern:

Chancengleichheit – Wir brauchen ein neues Fundament für unser Bildungssystem, in dem endlich gleiche Chancen für jeden möglich sind.

Schule für alle – Wir brauchen keine Trennung nach der 4. oder 6. Klasse, keine Förderschulen. Inklusion ist das Schlagwort. Schule für alle meint nicht das derzeitige Konzept der Gemeinschaftsschulen, da hier Mechanismen des alten Systems noch immer wirken.

Neue Unterrichtsform – Wir brauchen nicht nur neue Strukturen, sondern auch einen Unterricht der sich individuell am Schüler orientiert. Dabei muss Motivation eine große Rolle spielen. Zudem brauchen wir ein neues Bewertungssystem.

Eigene Erfahrungen hinterfragen – Jeder ist zur Schule gegangen und hat ein Bild wie Schule sein MUSS. Aber es geht auch anders: Schule kann Spaß machen und ein Ort werden, wo Kinder gerne hingehen. Dafür müssen wir aber alle unsere eigenen Schulerfahrungen ernsthaft hinterfragen.

Ausbildung für alle – Jeder Jugendliche sollte die Chance bekommen, in einer Wissensgesellschaft einen Beruf zu erlernen.

Durchlässigkeit zum Studium – Einmal eingeschlagene Bildungswege dürfen nicht das restliche Leben bestimmen. Es muss möglich sein, auch ohne das formale Kriterium Abitur ein Studium zu beginnen. Flexiblere Lösungen sowohl bei der Zulassung zum Studium als auch bei der Unterstützung der Studierenden müssen geschaffen werden.

Umdenken beim Promotionszugang – Viele FH-Absolventen haben einen anderen Zugang zu wissenschaftlichen Themen als ihre Universitätskommilitonen. FHler haben viele tolle Ideen für ihre Promotion: Lasst diesen riesigen Wissenspool nicht vertrocknen, liebe Professoren!

Transparente Entscheidungsstrukturen bei Bewerberauswahl – Die oftmals intransparenten Entscheidungsstrukturen von Unternehmen benachteiligen vor allem jene Bewerber, deren Habitus von einem sozialen Aufstieg geprägt ist. Wir fordern daher: Mehr Transparenz bei der Bewerberauswahl.

Generationsübergreifender Dialog – Schüler können erst wählen, wenn sie 18 sind. Damit können sie nicht aktiv mitbestimmen, wie Schule aussehen soll. Um so wichtiger ist es, dass begonnen wird, aktiv mit Schülern zu sprechen und ihre Anliegen ernst zu nehmen. Das gleiche gilt für andere Bildungsbereiche wie die Universität.

Bildungsrevolution – In den letzten Jahrzehnten hat es unzählige Reförmchen gegeben. Aber die meisten sind reiner Aktionismus und gehen die grundlegenden Probleme nicht an. Wir brauchen eine grundlegende Veränderung.

 

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3 Kommentare

  1. Bettina Malter Bettina Malter
    Okt 12, 2012 @ 11:20:51

    Steht ihr auch für ein gerechtes Bildungssystem und findet, dass sich endlich etwas verändern muss? Dann werdet jetzt Hoffnungstäter: http://wasbildetihrunsein.de/hoffnungstaeter-werden/

    Antworten

  2. Intelligenzija Moving
    Okt 13, 2012 @ 09:13:59

    Intelligenzija Moving ist eine weltweite Bildungsbewegung, die sich am ersten April 2012 in Berlin in Gang setzte. Zu den Hauptzielen der Intelligenzija Moving zählen 1) den wachsenden weltweiten Widerstand gegen die ausbeuterischen Strukturen im Bildungsbereich – insbesondere in der akademischen Lehre und Forschung – zu bündeln, 2) den verschiedenen Bildungsbewegungen eine gemeinsame Plattform zu geben, 3) die Öffentlichkeit für die Probleme des „akademischen Prekariats“ zu sensibilisieren und Diskurse über den Wert von „guter Bildung“ zu initiieren und 4) im offenen Dialog mit Betroffenen, mit solidarischen Menschen, den Bildungsgewerkschaften, studentischen Vertretungen und den verantwortlichen Politiker*innen Lösungsstrategien zu entwickeln.

    Im Verlauf der Entwicklung der Bewegung wird der Fokus des Engagements zunehmend erweitert, da umfassende und von einer breiten Mehrheit getragene Reformen notwendig sind, um gute und sozial gerechte Bildung – freie und kritische Forschung und Lehre – als Fundament einer Gesellschaft zu realisieren, in der es sich zu leben lohnt!

    Intelligenzija Moving is a Global Education Movement initiated in Berlin, Germany, on the first of April 2012. Its main objectives are 1) to bundle the growing global resistance movements against the maladministration and exploitation in education, especially in academic teaching and research, 2) to give the different education movements a common platform, 3) to promote discussions on the value of “good education” and to increase public awareness to the problems of the “academic precariat” and 4) to seek solutions in an open dialogue with persons affected, people in solidarity, student and education unions and the responsible politicians.

    In response to the broad media presence and the positive and continuous resonance from all over Germany and all over the world (Austria, Italy, GB, US, Mexico, Chile), the global education movement Intelligenzija Moving was founded based on the conviction, that only a global change of ideas and a subsequently extensive structural change can re-establish universities as open democratic institutions of free critical research and teaching for all people.

    Antworten

  3. Birgit Weiser
    Okt 18, 2012 @ 09:42:49

    Aloha ihr guten
    seit 01.08.2012 wohne ich auf dem Reichenbergerhof (für Lebenslanges lernen)
    bei Prof. Anne Wolf.
    Schaut euch mal ihre Webseite http://www.Reichenbergerhof.de an. Sie stellt Zeit und Raum für unsere heranwachsende Jugend zur Verfügung.
    Ich schreibe hier nur als Mitbewohnerin um Euch einen wertvollen Kontakt anzubieten.
    Grüsse vom Arbeiterkind Birgit Weiser

    Antworten

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