Noten bilden nicht

Sind schriftliche Beurteilungen vielleicht besser als Noten? Foto: „Jugendpresse Deutschland/Flickr (CC BY 2.0)

Noten in Schulen sind oft ungerecht und orientieren sich nicht an der persönlichen Entwicklung von Schülerinnen und Schülern. Sie dienen eher zum Vergleich, als dazu Bildung zu vermitteln. In diesem Beitrag bezweifelt Madita Heubach, dass Noten ein sinnvolles Mittel zur Leistungsbeurteilung sein können.

Jeder Teenager erfährt diesen Moment im Laufe seiner Schullaufbahn, wenn ihm klar wird, dass das Bildungssystem alles andere als gerecht ist. Er steht dann vor einer schwierigen Entscheidung: Passe ich mich an oder steige ich aus? Die hohe Zahl an Schulabbrecher_innen in Deutschland sowie die Daten der PISA-Studienbelegen, dass die soziale Herkunft nach wie vor maßgeblich für den schulischen Erfolg ist. Das beweist, dass im deutschen Bildungssystem alles andere als Gerechtigkeit herrscht:

Wo Schüler „Stoff pauken“ anstatt zu lernen; wo die Noten wichtiger sind als die persönliche Entwicklung; wo der Abschluss mehr aussagt als ein Charakterzeugnis; wo die finanziellen Mittel des Elternhauses über die ideale Förderung entscheidet; wo „Leistung“ (anstatt Entfaltung) als oberstes Ziel deklariert wird; da kann weder von Gerechtigkeit, noch von Bildungdie Rede sein.

Wenn im Grundgesetz steht „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ und Rechte zur individuellen und freien Entfaltung formuliert sind, wenn dort verankert ist, dass jeder „ein Recht auf Bildung“ hat, wie kann es dann sein, dass dieses Ziel nicht umfassend erfüllt wird?

Vergleich ist wichtiger als Bildung

Meine These dazu lautet: Die Gesellschaft verwechselt den Begriff der „Gleichberechtigung“ mit dem Begriff der „Gleichheit und Vergleichbarkeit“. Die Konsequenz aus dieser Haltung ist, dass Schule kein Instrument der Bildung, sondern des Vergleichsund damit der Selektionist. Ihr wichtigstes Mittel an dieser Stelle ist die „Leistungsbeurteilung“ – also Noten. Indem man nach „Gleichberechtigung“ (tatsächlich aber nach „Gleichheit“) strebt, wendet man das vermeintlich „objektive“ Mittel der Note an, um scheinbare Vergleichbarkeit herzustellen und damit Chancengleichheit zu suggerieren. Man behauptet, die Maßstäbe der Beurteilung seien objektiv und damit habe jeder Schüler und jede Schülerin dieselben Chancen auf Erfolg. Dabei weiß jeder, der eine Schule besucht hat, dass die Vergabe von Noten oft höchst subjektiv ist.[1]Dies beweisen weitere Studien.

Noten beurteilen nicht die Leistung eines Schülers, nicht seine Mühen und Anstrengungen, sondern lediglich, ob er zu einem gewissen Zeitpunkt das Wissen oder Fähigkeiten besitzt, die das Kultusministerium und die Lehrkräfte zur Abfrage ausgewählt haben. Die Note misst nicht etwa das individuelle Können des Schülers. Sie ordnet seine Leistung auf einer Skala ein, die sich im Vergleich mit seinen Mitschüler_innen aufstellt. Dieser Vergleich ist weder objektiv, noch überregional. Er findet innerhalb eines Klassenverbands, höchstens noch innerhalb eines Jahrgangs statt.

Persönliche Entwicklung ist egal

Hat eine Schülerin das Pech,  die Klasse mit sehr guten Mitschüler_innen zu teilen, erhält sie, egal wie sehr sie sich entwickelt haben mag, dort beispielsweise die Note drei. Würde sie in einen anderen Jahrgang mit weniger leistungsstarken Schüler_innen gehen, könnte sie eine „zwei“ bekommen.

Aber nicht das Leistungsniveau des Umfelds ist relevant für die Benotung. Auch weitere Faktoren sind dafür wichtig. Seit Jahren belegen diverse Untersuchungen,[2]dass Notenvergabe auch von der Herkunft, dem Namen oder dem Ort der Schule abhängt. Daher stellt sich die Frage, warum an diesem Mittel festgehalten wird, wenn es doch so offensichtlich seine Aufgabe, nämlich die der objektiven Messung, nicht erfüllen kann?

Die grundlegende Einstellung ist das Problem. Wer nach Leistungfragt und nicht nach Bildungstrebt, wer Gleichberechtigungmit Gleichheitverwechselt, wer Vergleichbarkeitanstatt Individualität sucht, der wird niemals Gerechtigkeiterfahren.

 

Madita E. Heubach studiert aktuell ihren Master in Bildungssystemdesign. Nebenberuflich ist sie als freie Journalistin und Autorin tätig. Sie verfolgt die Vision, das deutsche Bildungssystem von Grund auf zu erneuern.

 

 

 

[1]Karlheinz: Zensuren. Erschienen in: Otto, Gunter & Schulz, Wolfgang (1985): Enzyklopädie Erziehungswissenschaft – Band 4 – Methoden und Medien der Erziehung und des Unterrichts. Stuttgart: Klett-Cotta. Seite 173-208.

[2]Ingenkamp, Karlheinz (1985): Zensuren. Erschienen in:Otto, Gunter & Schulz, Wolfgang: Enzyklopädie Erziehungswissenschaft – Band 4 – Methoden und Medien der Erziehung und des Unterrichts. Stuttgart: Klett-Cotta. S. 173-208.