Anwesenheitslisten sind kein Schein zum Sein

Ein Phantomstudierender? Foto: (c) Maxi Gaudlitz

Kaum ein hochschulpolitisches Thema sorgt für so viel Diskussion wie die Debatte um Anwesenheitslisten und die geforderte Anwesenheitspflicht von Studierenden an deutschen Hochschulen. Es ist eine emotionale Debatte, in der viel über Symptome und zu selten über die Wurzel des Problems gesprochen wird. Maxi Gaudlitz hat recherchiert. 

Namenslisten, welche die Anwesenheit der Studierenden protokollieren, sind mehr als nur ein Blatt Papier. Sie sind ein Symbol des „institutionalisierten Zweifels“ (Kühl 2018). Anwesenheitslisten stellen Motivation, Lernwillen und Wissenshunger der Studierenden in Frage. Diesen wird in der hitzig geführten Debatte oft die Schuld an der Leere der Hochschulräume gegeben. Weil Studierende faul sind, so die Argumentation, müssen sie zur Anwesenheit gezwungen werden. Die Listen sollen dabei das vermeintlich wirksame Kontrollinstrument sein.

Viel mehr als das, sind Anwesenheitslisten jedoch Resultat und Symptom einer fortschreitenden Verschulung der Hochschulen. Sie schaffen eine schulgleiche Atmosphäre und sind die Klassenbuchlisten der Universitäten. Nur dass in Deutschland zwar eine gesetzliche Schulpflicht, jedoch keine gesetzliche Hochschulpflicht besteht.

Studierende werden zu Phantomen

Und wahrlich: Es ist ein karges Bild, das sich offenbart, blickt man in der Mitte eines Semesters in die Seminarräume und Vorlesungssäle. Wo zu Beginn des Semesters die Anzahl der Studierenden die Räume noch zum Bersten brachte, sieht man nicht viel später den metaphorischen Strohball durch die leeren Seminarräume wehen. Die Kontrollinstanz der Listen lässt Anwesenheit in der Theorie zwar zur Pflicht werden, die Praxis zeigt jedoch anderes. Resultat sind keine gut besuchten Lehrveranstaltungen mit motivierten Studierenden, sondern oft leerbleibende Räume und Phantomstudierende (vgl. Kühl 2018). Solche also, die nur als Unterschrift auf einer Liste, aber nicht in der Veranstaltung präsent sind. Oder auch „untote“ Studierende, die physisch zwar anwesend, geistig jedoch absent sind.

Maxi Gaudlitz (geb. 1992) hat nach dem Abitur auf Umwegen und als Erstakademikerin ihrer Familie  in Dresden und Berlin Philosophie & Deutsche Philologie studiert. Wenn sie nicht studiert, reist sie durch die Welt und lernt dort neue Dinge und den Blick auf den Teller und über den Rand. Ihre Gedanken bringt sie mit und ein. Sie war bereits in verschiedensten Formaten der Bildungsarbeit engagiert – unter anderem für die Aktionen genialsozial oder Ein Quadrat Kilometer Bildung in Sachsen, in der Arbeit mit Geflüchteten und in verschiedenen Projekten der kulturellen Bildung. Derzeit macht sie ihren Master in Sprachwissenschaften an der Freien Universität Berlin. 

Anwesenheitslisten führen zu mehr Schein als Sein. Was in Realität geschieht ist, dass ein Helfer_innen-Netzwerk zur professionellen Unterschriftenfälschung entsteht und Lehrveranstaltungen wenig Ressourcen für eine entsprechend qualitativ hochwertige Ausgestaltung erhalten. Die Forderung von Anwesenheit und die disziplinierende Kontrollinstanz der Liste ist ein Blindgänger. Er zündet an der falschen Stelle. Es ist eine Illusion, dass die Listen zur Anwesenheit verhelfen und noch weniger zur Motivation der Studierenden.

Bildung braucht Kontakt

Ist die Forderung der Pflicht zu Anwesenheit also kategorisch zu verteufeln? Sicherlich nicht. Die Befürworter der Anwesenheitspflicht argumentieren, dass Bildung Kontakt voraussetzt. Das Bild der genialen Autodidakt_innen, die für ihren Doktortitel die Unimauern nicht von innen gesehen haben müssen, lässt sich in der Realität nur allzu selten finden. Rolf Schulmeisters Studien zeigen, dass der Lernerfolg der Studierenden geringer ist, je häufiger sie in den Veranstaltungen fehlten. So weit, so klar. Anwesenheit bringt etwas. So viel wissen aber auch die meisten Studierenden. Warum dann bleiben viele Räume trotzdem leer?

Anwesenheitspflicht ist das Symptom einer strukturellen Krise

Die Wurzel der Problematik ist eine strukturelle. Die Modularisierung des Studiums, zu volle Pflichtstundenpläne und zu eng geschnürte Prüfungskorsetts, ebenso wie Hochschulen, die finanzielle Zuschüsse für die Zulassung von mehr und mehr Studierenden erhalten, ohne diese vorher mit entsprechend notwendigen Informationen zu versorgen oder sorgfältig auszuwählen.

Stefan Kühl, Professor für Soziologie an der Universität Bielefeld, beschreibt Anwesenheitslisten als Krisensymptom. Die Debatte um die Listen zur Protokollierung der Anwesenheit von Studierenden ist Symptom eines tiefer liegenden Problems, das in der Hitze der Debatte selten thematisiert wird. Kühl sagt: „Irgendetwas muss im Argen liegen, wenn Studierende regelmäßig nicht an Veranstaltungen teilnehmen.“ (Kühl 2018)

Das System braucht eine Wurzelbehandlung

Im Argen liegt die Gestaltung der Studiengänge selbst: Regelmäßiger wie konstanter Abgabe- und Leistungsdruck, wöchentliche Pflichtveranstaltungen, übervolle Stundenpläne, die die Regelstudienzeit fordert und zu eng geschnürte Prüfungskorsetts. Möglichst viele Studierende ohne einen adäquaten Betreuungsschlüssel. Der Mittelanreiz, den Universitäten geboten bekommen, führen zwangsläufig zu explodierenden Studierendenzahlen. Massenveranstaltungen sind gang und gäbe. Auch die Lehrenden sind damit unzufrieden. Mit sechzig Studierenden in einem Seminar kann weder vom Dozierenden noch von den Studierenden Qualität erwartet werden. Quantität schafft keine Qualität. Sie motiviert nicht. Und sie schafft langfristig keine Möglichkeiten – weder zur Aufbesserung der Qualität der Lehre, noch für die Zufriedenheit und Motivation der Studierenden. Die Maximierung der Studierendenzahl und der Disziplinierungsversuch via Liste sind so in keiner Weise Möglichkeit oder gar Garant für Anwesenheit oder eine gute Qualität der Lehre.

Das Korsett ist also zu eng, die Veranstaltungen zu groß. Anwesenheitslisten bringen dabei weniger als ihr Ruf vielleicht zu verheißen vermag. Die Qualität der Lehre als Anreiz zur Anwesenheit kann nur garantiert werden, wenn das strukturelle Wurzelproblem behandelt wird. Die Abwesenheit von Studierenden ist Symbol von etwas Größeren.

Universität neu denken

Liegt der Fehler im System, so muss das System verändert werden. Wie kann das funktionieren? Stefan Kühl schlägt vor: Über eine sorgfältigere Auswahl der Studierenden kombiniert mit einer größeren Anzahl von Informationsveranstaltungen und eine Umstrukturierung der Module und Studiengänge. Aber auch mit dem Schaffen von Raum für regelmäßige Evaluationen und eine gemeinsame Gestaltung der Lehre, die Senkung der Prüfungsanzahl und verpflichtenden Präsenzveranstaltungen, die Reduzierung der Studierendenanzahl in den Veranstaltungen und Abschaffung aufgeblähter Leistungsanforderungen. Außerdem stellen kleinere Seminare oder andere Veranstaltungsformate wie beispielsweise Blockseminare dabei eine sinnvolle Alternative dar.

Wenn es das Ziel von Hochschulen ist, selbständige und eigenverantwortliche Menschen auszubilden, sollten sie auch als solche behandelt werden. Mit den derzeit praktizierten verschulten Methoden wie wöchentlichen Hausaufgaben, das Servieren von mundgerechten Lernhappen und die Kontrolle verpflichtend regelmäßiger Anwesenheit, wird dieses Ziel nur schwerlich erreichbar sein.

Quellen:Kühl, Stefan (2018): http://www.uni-bielefeld.de/soz/personen/kuehl/pdf/Kuehl-Stefan-Working-Paper-1_2018-Abwesenheit-als-Krise-mit-Literatur-181501.pdf