Wer soll Schulen tragen? Gedanken zur Privatschule

Hogwarts - Bringt diese Schule Innovation ins staatliche System? Foto: Scott Smith/Flickr

Elitärer Laden oder Innovationsmaschine? Die Debatte über Privatschulen ist wieder entfacht. Foto: Scott Smith/Flickr

Eine kürzlich veröffentliche Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung deutet darauf hin, dass das Leistungsniveau zwischen Schüler_innen an privaten Schulen nicht besser ist als an staatlichen Schulen. Die bereits lange währende Diskussion über den Sinn und Unsinn von Privatschulen kocht jetzt in Kommentarspalten und Zeitungsartikel wieder hoch. Unser Autor Lukas Daubner hat sich ein paar Gedanken zu dieser verfahrenen Diskussion gemacht.

Die Debatte über Schulen in privater Trägerschaft, kurz: Privatschulen, ist durchzogen von ideologischen Gräben. Von empirischen Daten lassen dich Befürworter und Gegner von Privatschulen nur bedingt beeindrucken. Bei der Vorstellung einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin über das Leistungsniveau von Schüler_innen auf privaten und staatlichen Schulen wird deutlich, dass vieles nicht so eindeutig ist, wie es auf den ersten Blick wirkt.

Interessant ist zunächst einmal, dass die Studie deutlich macht, dass keinesfalls von einem flächendeckenden Privatschulboom gesprochen werden kann. Dieser Verdacht wurde in letzten Jahren immer wieder geäußert. Allerdings, und das ist ein ernsthaftes Problem, gibt es Gebiete in Ostdeutschland, in denen der Staat weitestgehend keine Schulen mehr betreibt. Dort springen private – insbesondere kirchliche – Träger ein und werden von Eltern auch angenommen, weil es vielerorts schlicht an Alternativen fehlt.

Schulfirmen oder Elterninitiativen, was ist die Privatschule?

Insgesamt scheint es sinnvoll zu sein in der Diskussion zwischen for-profit und non-profit Trägern zu unterscheiden. Also zwischen solchen Schulen, die Gewinne erzielen und in der Regel hohe Schulgebühren nehmen und solchen, die nicht gewinnorientiert sind. Allerdings unternehmen die non-Profit Träger kaum etwas, um sich von den gewinnorientierten Schulen abzugrenzen. Vor allem die teuren for-profit Schulen, etwa die Internationalen Schulen, stehen in der Kritik. Der Vorwurf ist, dass sie zu einer Abspaltung (Segregation) von Kindern wohlhabender Eltern vom Rest der Gesellschaft beitragen.

Dieser Vorwurf richtet sich aber auch generell an Privatschulen: Sie bieten ein Angebot für das bildungsbewusste Bürgertum und tragen damit zur Ungerechtigkeit des Bildungssystems bei. In vielen Fällen mag es auch stimmen, dass Kinder aus armen oder nicht aus Deutschland stammenden Familien bewusst oder unbewusst von privaten Schulen ausgeschlossen werden. Allerdings schafft es das staatliche Bildungssystem mit seiner Mehrgliedrigkeit auch sehr gut alleine, die vielfach kritisierte Ungleichheit zu erzeugen. Dort wo elitäre staatliche Angebote, etwa Gymnasien bestehen, werden Privatschulen zur Spaltung der Gesellschaft nicht benötigt. Klaus Klemm, einer der Mitautoren der oben genannten FES-Studie, ist daher der Meinung, dass die Diskussion um Privatschulen vor allem eine Stellvertreterdiskussion über das mehrgliedrige Schulsystem ist.

Ein grundsätzliches Problem: die schlechte Datengrundlage

Insgesamt krankt die Diskussion um die Trägerschaft der Schulen aber an großen Wissenslücken. Zwar zeigt die FES-Studie, dass Schüler_innen an privaten Schulen nicht per sé leistungsstärker sind. Aber es ist auch nicht weit hergeholt, dass die dort geknüpften Kontakte, angebotene Auslandsaufenthalte usw. den Schüler_innen bessere Ausgangsbedingungen bieten, als denen an vielen staatlichen Schulen. Allerdings muss das erst einmal Spekulation bleiben, da wenig über die Zusammensetzung der Schüler_innenschaft an privaten Schulen bekannt ist. Daher können deren Vertreter den Vorwurf, sich beispielsweise zu wenig an Integration und Inklusion zu beteiligen, auch nicht glaubhaft ausräumen. Natürlich kann das nicht verallgemeinert werden. Es gibt Schulen in privater Trägerschaft die hervorragende Angebote zur Inklusion oder Integration anbieten. Sie fallen aber eben nicht unter die staatliche Verteilung und Steuerung.

Hier wird noch ein weiteres Problem deutlich: Es scheint zwischen Schulbehörden und vielen privaten Trägern keine guten Kontakte zu geben. So beklagen einige private Schulen, dass sie beispielsweise trotz aufgezeigtem Interesse an geflüchteten Schüler_innen, keine zugewiesen bekommen hätten. Hier scheint es einen Nachholbedarf zu geben. Es bleibt aber auch offen, wie groß das Interesse an Inklusion und Integration flächendeckend an Privatschulen ist. Erst wenn es hier (auf Daten basierende) Klarheit gibt, kann gesagt werden, ob Eltern ihre Kinder vor allem wegen der homogenen Zusammensetzung der Schüler_innenschaft auf diese Schulen schicken. Oder, wie oft als Grund angegeben wird, weil innovative pädagogischen Konzepte angewandt werden und eine bessere Ausstattung vorhanden ist.

Wo soll das Geld herkommen?

Zur Zeit erhalten Schulen in privater Trägerschaft je nach Bundesland zwischen ca. 70 bis 90 % ihrer Kosten vom Staat erstattet. Den Rest müssen sie über Schulgelder und weitere Einnahmen finanzieren. Viele Träger klagen, dass sie Gebühren nur erheben müssen, weil sie sonst ihre Kosten nicht decken könnten. Würde der Staat diese übernehmen, wären nur noch geringe oder gar keine Gebühren notwendig. Ähnlich wird in den Niederlanden verfahren, wo ein Großteil der Schulen privat ist. Dort besteht aber auch eine deutlich stärkere Kontrolle der Schulen sowie eine Erhebung unterschiedlichster Leistungsdaten der Lehrkräfte sowie Schüler_innen. Einer solchen systematischen Kontrolle entziehen sich private Schulen in Deutschland bisher.

Eine Lösung könnt darin bestehen, dass Schulen mit erhöhtem Bedarf an zusätzlicher Unterstützung mehr Geld bekommen – egal, ob sie staatlich oder privat sind. So genannte Brennpunktschulen oder Schulen die sich besonders in der Integration oder Inklusion engagieren, könnten so gestärkt werden. Wenn staatliche Schulen besser werden, schicken auch mehr bildungsbewusste Eltern ihre Kinder dort hin. Das grundlegende Ziel von Schulpolitik muss es sein, dass möglichst alle Kinder und Jugendliche, egal welcher sozialen und geografischen Herkunft, zusammen eine Schule besuchen. Denn wo sonst, wenn nicht dort, sollen sie lernen miteinander auszukommen?

Unterm Strich sollte die Debatte um die Trägerschaft von Schulen weniger ideologisch aufgeladen erfolgen. Nicht jede Privatschule trägt zur Ausgrenzung durch hohe Gebühren bei. Allerdings müssen sich Befürworter_innen den Vorwurf gefallen lassen, dass viele Schulen auch nicht gerade zu einer Durchmischung der Schüler_innenschaft beitragen. Besonders fallen hier die Internationale Schulen, Türkische Gymnasien oder andere for-profit Schulen auf. Insgesamt muss bei der Debatte aber genauer hingeschaut werden: Von welchen Regionen sprechen wir, gibt es genügend staatliche Alternativen, wie hoch sind die Gebühren und vor allem, wie können staatliche Schulen innovativer gemacht werden.