Ist das Abitur ein Kinderspiel?

Die Forderung des Deutschen Lehrerverbandes, das Abitur wieder schwerer zu machen und gegen eine vermeintliche Noteninflation an Schulen vorzugehen, ist keinesfalls neu. Forderungen dieser Art kamen in den letzten Jahren immer wieder auf – und werden stets kontrovers diskutiert. Zu Wort kommen dabei vor allem Interessensvertreter*innen und Bildungsexpert*innen, Bildungsbetroffene selbst werden jedoch kaum gefragt. Wir haben daher Abiturient*innen gebeten, ihre Lernkarten kurz aus der Hand zu legen und uns ihre Meinung zu der Debatte zu sagen. Jan aus NRW ist unserem Aufruf gefolgt.

Mein Name ist Jan*, ich bin 19 Jahre alt und besuche eine Gesamtschule in NRW. Da ich selbst dieses Jahr mein Abitur mache, wurde ich gefragt, was ich von der Forderung des Deutschen Lehrerverbandes nach einem schwereren Abitur halte.

Wenn man dem Präsidenten des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, Glauben schenkt, ist es leichter denn je Abitur zu machen. Zumindest seien die Anforderungen in den letzten zehn Jahren gesunken. Man bekomme als Schüler_in einfacher gute Noten als damals. Aber stimmt das überhaupt?

Ich wollte das zunächst von einem Lehrer an meiner Schule erfahren, der es wissen müsste. Denn der ist seit vielen Jahren in dem Beruf tätig. Also habe ich ihn gefragt, ob das Abitur einfacher geworden sei. Er sagte, er stelle nun seit über dreißig Jahren Abiturprüfungen im Fach Religion. Seitdem hätten sich die Anforderungen kaum geändert. Dies wunderte mich nicht, denn teilweise bekomme ich von diesem Lehrer auch Klausuren, die er wahrscheinlich schon vor dreißig Jahren gestellt hat.

In unserem Mathematik-Leistungskurs sei das Abitur jedenfalls schwerer geworden. Trotz Taschenrechner – oder gerade deswegen. Bevor wir Grafiktaschenrechner an der Schule hatten, musste man alle Rechnungen per Hand durchführen. Danach durften wir die Taschenrechner nutzen. Dann kam man aber auf die Idee, dass wir auch in der Lage sein sollten, ohne Taschenrechner die gleichen Rechnungen durchführen zu können. Daher müssen wir jetzt alles sowohl mit Taschenrechner, als auch ohne im sogenannten. ,,Hilfsmittelfreienteil“ bearbeiten können. Das macht es schwieriger.

Die Jagd nach Studienplätzen

Allerdings hat sich der der Abiturdurchschnitt in den letzten zehn Jahren insgesamt verbessert. Ist es also doch einfacher geworden? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Ich habe vor zehn Jahren kein Abitur gemacht. Möglicherweise, weil die Anforderungen damals für mich als 9-Jährigen zu hoch waren. Wahrscheinlich aber, weil ich zu sehr damit beschäftigt war Schönschrift zu lernen (dafür bekam ich übrigens auch nur eine drei! Wie da wohl heute der Durchschnitt ist?).

Für mich spielt es jedenfalls keine Rolle, ob das Abitur einfacher geworden ist. Auf der Jagd nach einem Studienplatz gibt es keine festgelegte Durchschnittsnote. Wenn die Abiturient_innen mit den besten 100 Zeugnissen für einen Studiengang zugelassen werden, ist es doch egal, ob da die Grenze bei 1.9 oder 2.8 liegt. Es werden einfach die besten 100 Bewerber_innen des Bewerbungsjahrgangs genommen. 

*Name auf Wunsch von der Redaktion geändert