Kinder und Jugendliche: Experten ihres Alltags

Junge Menschen haben kaum eine Lobby und werden nur selten selbst gefragt. Cover: FORUM Jugendhilfe

Unter dem Titel „Mitbestimmung junger Menschen: Der Verein Was bildet ihr uns ein?“ hat unser Autor Lukas Daubner für die Zeitschrift „FORUM Jugendhilfe“ (03/2017) der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe zusammengefasst, warum die Beteiligung junger Menschen eigentlich wichtig ist und nicht nur ein Lippenbekenntnis sein sollte.

Podiumsdiskussionen zu Bildungsthemen sehen meist so aus: eine Anzahl betagter, meist vielfach honorierter Menschen, die bereits selbst längst aus dem Bildungssystem ausgeschieden sind, diskutieren über den Zustand des Bildungssystems, über Ursachen von Problemen und mögliche Lösungen dieser. Diese „Expert_innen“ sitzen dort natürlich nicht ohne Grund: Sie haben im Laufe ihrer Karriere viele Erfahrungen gesammelt, viel erlebt, viele Studien gelesen – oder geschrieben. Kurz: sie kennen sich aus. Auffällig ist aber, dass eine Stimme in diesen Diskussionen meist fehlt:
die der Betroffenen, also z.B. der Schüler_innen, der Studierenden, der Jugendlichen, die von einer Maßnahme oder einer Änderung betroffen sind. Besonders deutlich wurde dies in letzter Zeit bei den Debatten über die beiden großen Themen Inklusion und Digitalisierung. Beim ersten Thema wird über die Sorgen der Eltern, die Belastung der Lehrkräfte und so weiter diskutiert. Was eigentlich die Schülerinnen und Schüler (mit ohne ohne Beeinträchtigung) denken, davon hörte man wenig. Ähnlich bei der Digitalisierung: Erwachsene, die oftmals Schwierigkeiten haben ihr Smartphone oder ihren Computer sachgerecht zu bedienen, verteidigen entweder das Analoge oder preisen die digitalen Möglichkeiten. Meinungen und Vorschläge der jungen Nutzer_innen, die von den Vorschlägen betroffen sind? Fehlanzeige.

Expert_innen ihres Alltags

Dass das auch ganz anders gehen kann, zeigt folgendes Beispiel: Berlin, Mai 2015: 150 junge Menschen, darunter viele Schüler_innen, diskutieren Probleme des deutschen Bildungssystems und zeigen Lösungswege aus ihrer Sicht dafür auf. Wie soll gute Bildung aussehen? Wie müssen Bildungsinstitutionen dafür ausgestaltet sein? Welcher politische Rahmen wird dafür benötigt? Auf dem von der Bildungsinitiative Was bildet ihr uns ein? e.V. organisierten Jungen Bildungskongress waren Debatten darüber zwei Tage lang Realität. Die Veranstaltung ist ein Raum, in dem gemeinsam Gedanken ausgetauscht und neue Ansätze erdacht werden. Die Teilnehmenden lernen, ihre Meinungen zu formulieren und sich mit anderen Perspektiven auseinanderzusetzen. Ein wichtiges Prinzip dabei: Man begegnet sich auf Augenhöhe. Die jungen Menschen werden als Expert_innen ihres Alltags ernst genommen. Sie erhalten also die Möglichkeit, aus ihrer Sicht Handlungsbedarfe für Schule, Lehrende und Politik aufzuzeigen. Eine Erkenntnis, die nach den zwei Tagen Bildungskongress – und vielen unserer anderen Veranstaltungen – bleibt, ist: Junge Menschen sind sprechfähig. Sie haben eine sehr klare Wahrnehmung von ihrer Umwelt. Sie sehen, was nicht funktioniert, und spüren, wenn sie übergangen werden. Gleichzeitig haben sie aber auch Ideen, wie es anders gehen könnte. Allerdings muss man sie danach fragen – und die Antworten auch ernst nehmen. Diese wertvolle Ressource wird trotz aller Debatten über Jugendbeteiligung fast ausnahmslos verschenkt. Ist der richtige Rahmen gegeben, können sich junge Menschen für ihre Umgebung begeistern. Dürfen sie mitbestimmen, erleben sie, dass sie als Teil der Gesellschaft ernst genommen werden. […]

Mitbestimmung führt zu besserer Lernkultur, Fehleranalysen und Innovationen

Unsere Idee ist, dass die Beteiligung junger Menschen – nicht nur bei Fragen der Bildung – dazu führt, dass eine genauere Fehlerbeschreibung und -analyse erfolgen sowie ein größeres Potential an Innovationen ausgeschöpft werden kann. Gleichzeitig wird dadurch das große Beteiligungsdefizit unserer Gesellschaft zumindest ein Stück weit behoben. Junge Menschen erfahren Wertschätzung. Ihr Urteilsvermögen wird anerkannt und sie können sich als wichtigen Teil der Gesellschaft fühlen. Daher ist auch eine unsere Kernforderungen, dass junge Menschen nicht nur eine Stimme in der
öffentliche Debatte bekommen, sondern insbesondere auch in den jeweiligen Bildungseinrichtungen mitreden und mitbestimmten dürfen. Auf diese Weise erhalten sie die Gelegenheit sich auszuprobieren. Sie erfahren, was es bedeutet, Verantwortung für Entscheidungen zu tragen. Außerdem lernen die Beteiligten, dass es nicht einen richtigen Weg gibt (den wir Erwachsenen vorgeben). Somit wird Akzeptanz von anderen Meinungen und Vielfalt gefördert. Das stärkt ganz
entscheidend nicht nur den Zusammenhalt in der jeweiligen Bildungseinrichtung, sondern auch die Demokratie im ganzen Land. Mehr Beteiligung im Alltag in Kitas, Schulen, Ausbildungsbetrieben oder Hochschulen ist dabei kein Selbstzweck, sondern bietet konkrete Vorteile: Zunächst einmal setzen demokratische Elemente ein hohes Maß an Kommunikation voraus. Die unterschiedlichen Akteure müssen sich zunächst einmal ernst- und wahrnehmen, um sich anschließend über Perspektiven und Probleme austauschen zu können. Damit kann ein gegenseitiges Verständnis für die jeweils andere Gruppeund deren Positionen geschaffen werden. Insbesondere Probleme und Wünsche seitens der Bildungsbetroffenen rücken auf diese Weise in den Fokus der Verantwortlichen. Wenn die Wünsche und Forderungen der Schüler_innen oder Studierenden dann auch ernst genommen und durch Mitbestimmung realisiert werden, verbessert dies das Lernklima deutlich. Es gilt dann nicht mehr ein vorgegebenes Curriculum wiederzukäuen, sondern eigene Interessen, Stärken oder Schwächen einzubringen. Außerdem werden Gründe für und gegen bestimmte Inhalte transparenter. Demokratie kann auf diese Weise als lebendig und positiv erlebt werden und nicht nur als ein abstraktes Konzept, welches die Herrschaft von wenigen durch die Herrschaft von vielen abgelöst hat. Sie muss als Lebensstil vorgelebt und verinnerlicht werden. Hier sind aber nicht nur die jungen Menschen gefragt, sondern insbesondere wir, die mit ihnen arbeiten oder über sie schreiben. Das gilt für alle politischen Belange, für das Elternhaus, aber eben auch und besonders für Bildungseinrichtungen. Warum sollten Kinder und Jugendliche nicht in der Institution mehr mitbestimmen dürfen, in der sie die meiste Zeit ihres jungen Lebens verbringen? Wo soll die junge Generation demokratisch denken und leben lernen, wenn nicht auch in der Kita, der Schule oder der Hochschule? Dies sind die Fragen, die wir Erwachsenen uns stellen müssen, wenn wir über Beteiligung nachdenken. Sich gegen mehr demokratische Elemente auszusprechen, wäre ein fatales Signal an den Nachwuchs. Nicht nur, aber gerade auch in Zeiten in denen populistische Stimmen lauter werden und die Gesellschaft, und damit auch die Klassenzimmer und Seminarräume, diverser werden, ist es wichtig zu lernen sich auszutauschen, zuzuhören und Kompromisse zu finden.

Keine Angst vor Kontrollverlust

Mitbestimmung kann auf vielen Arten realisiert werden. Im Arbeitsalltag, in der Familie, in der Verbandsarbeit. Durch das Einladen von Betroffenen in Diskussionen genauso wie in der Unterrichtsgestaltung. Es soll hier nicht behauptet werden, dass dies ein einfaches Unterfangen wäre. Mehr Meinungen bedeuten einen längeren, manchmal anstrengenden und sogar schmerzhaften Aushandlungsprozess. Zudem müssen alle Beteiligten lernen, was es bedeutet Verantwortung für einander zu übernehmen oder seinen Willen vielleicht auch einmal zurück zustellen. Das geht nicht von heute auf morgen. Für Erwachsene ist es oft eine problematische Vorstellung, die Kontrolle – zumindest partiell – abgeben zu müssen. Werden junge Menschen ernsthaft beteiligt, können Eltern nicht mehr allein darüber bestimmen was auf den Teller kommt oder wo in den Urlaub hingefahren wird, Lehrkräfte müssen die Art und die Inhalte ihres Unterrichts in Teilen zur Disposition stellen, politische Debatten verlaufen vielleicht anders, als von den Veranstaltern erwartet. In diesen und vielen anderen Situationen muss Unsicherheit ausgehalten werden – und das muss gelernt werden. Die Erfahrung im Rahmen der Arbeit vom Was bildet ihr uns ein? ist, dass man dafür hinterher belohnt wird. Weil die erarbeiteten Vorschläge besser werden, die Debatte ehrlicher oder ein Austausch überhaupt wirklich stattgefunden hat. Es darf gleichzeitig aber auch nicht unterschätzt werden, mit welcher Vehemenz Beteiligung junger Menschen gesellschaftlich negiert wird. Die Vorstellung, dass junge Menschen die Meinung von Erwachsenen akzeptieren müssen, ist nicht nur gesellschaftlich, sondern institutionell tief verankert (Stichwort „Adultismus). Erwachsene bestimmen nahezu alle Lebenslagen junger Menschen und finden das meistens auch genau richtig so. Das wird deutlich bei der allgegenwärtigen
Sanktionierung von Verhaltensweisen oder dem allerorts zu beobachtenden Hinwegsetzten Erwachsener über die Meinung junger Menschen. Hinzu kommt, dass dort, wo Beteiligunginstitutionell verankert ist, diese häufig nur oberflächlich stattfindet. Die Schüler_innenvertretung oder Gremien der studentischen Selbstverwaltung haben in den seltensten Fällen wirklichen Einfluss und sind oftmals symbolischer Natur. Spricht man von ernsthafter Beteiligung junger Menschen, spricht man also insbesondere vom Zurücknehmen der Dominanz der Erwachsenen. Dass das nicht einfach ist, erleben wir auch in unserem Verein in verschiedenem Maße. Zum einen bei uns selbst. Bei der Planung von Veranstaltungen müssen wir uns immer wieder bewusst werden, dass es nicht immer so laufen muss, wie wir uns das vorstellen. Außerdem müssen wir uns daran erinnern, Bedingungen zu schaffen, in denen junge Menschen überhaupt auf Augenhöhe mit Expert_innen aus der Politik, Wirtschaft oder Schule reden können. Zum anderen fehlt es aber vielen Erwachsenen auch einfach an Phantasie, sich vorstellen zu könne, wie junge Menschen mehr mitbestimmen könnten. Mangelndes Wissen, mangelnde Verantwortung oder mangelnde Reife der betreffenden Gruppe wird dann häufig als Grund vorgeschoben. Demokratische Schulen oder politische sowie kulturelle, ehrenamtliche Initiativen zeigen allerdings tagtäglich, wie Beteiligung Kinder und Jugendlicher funktionieren kann. Wenn die richtigen Voraussetzungen gegeben sind. Oftmals beruht der Widerstand gegen mehr Mitbestimmung junger Menschen aber auch auf einem Missverständnis. Es geht ja nicht um ein „Kinder und Jugendliche an die Macht“ (warum eigentlich nicht?). Sondern darum, im Alltag Situationen zu schaffen, in denen die Mitsprache möglich ist, in denen sie ernsthaft nach ihrer Meinung gefragt werden. Dazu gehört dann auch deutlich zu machen, warum eventuell nicht danach gehandelt wird oder gehandelt werden kann. Es geht um eine demokratische Haltung, wozu auch gehört, dass alle Beteiligten lernen, dass es nicht nur nach ihrer Nase geht.