Erst studieren, dann bezahlen?


Was tun gegen die strukturelle Unterfinanzierung öffentlicher Hochschulen? Können private Unis Abhilfe schaffen? Und wenn ja, lässt das die soziale Schere nicht immer weiter aufgehen? Überlegungen von Jan Schaller

Die öffentlichen Hochschulen in Deutschland sind strukturell unterfinanziert. Das zeigt sich an vielen Stellen: völlig überlaufene Kurse durch ein zu kleines Lehrangebot, marode Infrastruktur oder die an Ausbeutung grenzende “Bezahlung” externer Lehrbeauftragter. Exzellenzinitiativen, Sonderforschungsbereiche und Forschungscluster haben diese Unterfinanzierung zwar teilweise abfedern können — geben aber nur Geld in die Forschung. Die Lehre fällt hinten runter. Gleichzeitig sind personell wie infrastrukturell sehr gut ausgestatte private Hochschulen am Markt, die aber nicht für jede*n zugänglich sind. Wie kann man solchen Zuständen begegnen?

Die offensichtliche Lösung wäre es, mehr Geld für öffentliche Hochschulen bereitzustellen. In Zeiten von Schuldenbremsen in Bund und Ländern ist das aber eine Hoffnung, auf die man nicht zu viel setzen sollte. Zwar wurde das Kooperationsverbot, welches es dem Bund verbot Hochschule dauerhaft zu fördern, mittlerweile abgeschafft. Das mag eine Erleichterung sein, dürfte aber kaum das Problem an sich lösen. Hinzu kommt, dass es wohl wieder auf eine CDU-geführte Regierung hinauslaufen wird, womit eine konservative Bildungspolitik einhergeht. Deren Leitmotiv ist die Exzellenzlogik, was bedeutet, dass einige wenige Hochschulen und Institute gefördert werden und die breite Masse leer ausgeht.

Private Hochschulen können Abhilfe schaffen

Können private Hochschulen also doch ein Baustein sein? Kann noch mehr Exklusivität dafür sorgen, die Bedingungen für möglichst viele zu verbessern? Klingt absurd. Aber wie man auch bei Waldbränden Feuer mit Feuer bekämpft, könnten private Hochschulen ein kleiner Beitrag zu einem besseren Hochschulsystem für alle sein – unter sehr bestimmten Voraussetzungen.

Der große Vorteil privater Hochschulen ist im Normalfall ihre sehr gute materielle (und oft auch intellektuelle) Ausstattung. Auch Betreuungsverhältnisse sind aufgrund kleinerer Kurs- und Programmgrößen oftmals sehr viel besser. Der große Nachteil liegt aber auch auf der Hand: Studiengebühren. Je nach Hochschule kommen da schnell mehrere tausend Euro pro Semester zusammen. Von gleichem Zugang für alle kann dann natürlich keine Rede mehr sein. Wer über das entsprechende Einkommen oder Vermögen verfügt, kann sich bessere Bildung kaufen. Das sollte nicht so sein.

Die Hertie School of Governance in Berlin beispielsweise reagiert mit einer Vielzahl an Teil- und Vollstipendien auf diesen Umstand. Diese werden nach Einkommen, aber auch nach Herkunft vergeben. So sollen gezielt Student*innen eine Chance bekommen, die nicht aus reichen Postindustriestaaten kommen. Sicherlich ein lobenswerter und hilfreicher Ansatz. Dennoch sind Stipendien nicht in jedem Fall sinnvoll oder anwendbar. Es wird immer Härtefälle geben, die knapp zu viel verdienen oder zwar aus einem reichen Land kommen, aber dennoch wenig Geld haben. Damit private Hochschulen eine echte Rolle spielen können (und — normativ gesprochen — sollten), muss ein anderer Mechanismus her: ein Späterzahlmodell.

Erst Bilden, später Zahlen

Die Code-University, die 2016 in Berlin gegründet wurde, nutzt diese Art der Finanzierung. Hier kann zunächst jede*r anfangen zu studieren ohne dafür zu bezahlen. Die Student*innen können dabei zwischen den drei Bachelorstudiengängen Software Engineering, Interaction Design und Product Management wählen. Schließen sie ihr Studium ab, sind die Chancen auf einen Job gut — und damit die Verdienstaussichten. Hier greift dann das Späterzahlmodell. Über einen Zeitraum von mehreren Jahren müssen die Absolvent*innen einen festen Prozentsatz ihres Einkommens an die Code University überweisen, um damit die aktuellen Studierenden zu finanzieren. Ein umgekehrter Generationenvertrag entsteht.

Natürlich ist es für abschließende Bewertungen dieses Modells zu früh. Selbst die schnellsten Absolvent*innen dürften noch nicht im Berufsleben angekommen sein, sodass nichts über die Tragfähigkeit der Finanzierung gesagt werden kann. Dennoch erscheint mir der Ansatz innovativ.

Hinzu kommt, dass auch die Auswahl der Student*innen interessant ist, da sie auf soziale Inklusion setzt. Die Exklusivität des Zulassungsvorgangs ist auch bei öffentlichen Hochschulen problematisch. An der Code-University erfolgt sie nämlich nicht nach klassischen Indikatoren wie dem Abiturdurchschnitt. Die soziale Ungleichheit in Deutschland führt normalerweise dazu, dass Schüler*innen mit besserverdienenden Elternhäusern im Schnitt auch besser in der Schule sind.
Stattdessen wählt die Code University über einen vielstufigen Prozess ihre Student*innen aus. Dieser beinhaltet eine Onlinebewerbung, ein Videointerview, eine Projektaufgabe und einen Assessment Day. Natürlich können auch so nicht alle sozialen Ungleichheiten ausgeglichen werden. Wer in Elternhaus und Schule gelernt hat, einen bestimmten Habitus an den Tag zu legen, wird wahrscheinlich auch auf eine solche Auswahlsituation besser vorbereitet sein. Dennoch erhöht diese Art der Auswahl die Chancen dramatisch, da eben nicht alles nur an einer einzigen Note hängt. In Verbund mit der Möglichkeit die anfallenden Kosten erst dann zu zahlen, wenn man es auch kann, sollte sich hier die soziale Ungleichheit deutlich reduzieren.

Unter solchen Voraussetzungen können private Hochschulen in meinen Augen einen Beitrag leisten, die strukturell schlechte Situation der Hochschulen in Deutschland auszugleichen. Klar sollte aber auch sein, dass das nur der berühmte Tropfen auf den heißen Stein sein kann, eine Art Notbehelf. In letzter Konsequenz führt kein Weg an einer besseren finanziellen Ausstattung der öffentlichen Hochschullandschaft vorbei.

Jan Schaller ist Politikwissenschaftler in spe und zôon politikon. Da auch seine journalistische Ader irgendwie befriedigt werden muss, schreibt er auf undogmatisch.net über alles, was im weitesten Sinne politisch ist. In seiner Freizeit widmet er sich allerlei Nerdkram: Programmieren, Podcasting und Geocaching.