Fach der guten Hoffnung

Welches Verständnis von Wirtschaft sollen Schülerinnen und Schüler in der Schule lernen? Foto: by Alane Golden/Flickr

Die neue schwarz-gelbe Landesregierung in Nordrhein-Westfalen plant die Einführung eines Schulfachs Wirtschaft in allen weiterführenden Schulen. Bereits vor der Konkretisierung der Lehrpläne erfährt sie dafür nun Kritik vom Verein LobbyControl. Dieser warnt vor zu großem Einfluss der Wirtschaft auf junge Schülerinnen und Schüler. Dem gegenüber stehen zahlreiche Erwartungen an das neue Schulfach. Ein Blick in die Debatte von Jonathan Packroff.

Am 14. Mai wurde in Nordrhein-Westfalen ein neuer Landtag gewählt. Die bisherige Düsseldorfer Landesregierung aus SPD und Grünen wurde abgewählt, abgelöst wurde sie von einer Koalition aus CDU und FDP. Kein Thema hat den Wahlkampf dabei so polarisiert wie das Thema Bildung. Besonders die bisherige grüne Bildungsministerin Silvia Löhrmann stand unter scharfer Kritik. Laut ARD-Wahlanalyse nannten 29 Prozent der Wählerinnen und Wähler als wahlentscheidend, „wie es in unseren Schulen aussieht“.

Bildung an erster Stelle

Im neuen Koalitionsvertrag findet sich das Thema Bildung an erster Stelle. Neben der Rückkehr zu G9 findet sich dort ein weiteres wichtiges Vorhaben: Die Einführung eines Schulfaches Wirtschaft an allen weiterführenden Schulen, denn: „Ökonomische Bildung ist ein unverzichtbarer Bestandteil der Allgemeinbildung“. Im Schulfach Wirtschaft sollen „unter anderem Kenntnisse unserer Wirtschaftsordnung ebenso wie Aspekte der Verbraucherbildung vermittelt werden“. Mit der Einführung wurde eine Forderung der FDP übernommen, die in ihrem Wahlprogramm noch die Einführung eines Fachs „Politik, Wirtschaft, Recht“ in der Sekundarstufe I, also der Schuljahre 5 bis 9/10, forderte.

Doch wozu ein neues Schulfach einführen, in einer Situation, in der doch die Lehrer entlastet werden sollen vor „unnützen und aufwendigen Erlassen“, wie es ein paar Absätze zuvor heißt? Wirft man einen Blick in die Debatte, wird vor allem eines deutlich: Es ruhen viele Hoffnungen auf dem neuen Schulfach. Der 20-jährige Volontär der WELT, Adrian Arab, fordert bereits eine bundesweite Einführung, begründet mit erwarteten Problemen bei der Rente, denn: „Freiwillig wird sich kein Lehrer aufmachen, uns die Rente zu erklären“. Ähnlich argumentiert Thomas Rick vom Verband der Familienunternehmer gegenüber der Rheinischen Post. Nur mit dem Schulfach Wirtschaft könnten solche wirtschaftlichen Probleme verstanden werden, die junge Leute betreffen. Rick nennt als Beispiele die Staatsverschuldung und soziale Sicherungssysteme. Und Christoph Lütge von der TU München ist in einem Gastbeitrag für ZEIT Online überzeugt: „Es wäre unverantwortlich, Schülern die in der Globalisierung wichtigen Kernkompetenzen des Faches Wirtschaft vorzuenthalten“. Unvergessen bleibt auch der Tweet einer Abiturientin aus dem Jahr 2015: „Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann ’ne Gedichtsanalyse schreiben. In 4 Sprachen“. Kann ein einziges neues Fach diese Erwartungen erfüllen?

Schulfach Wirtschaft

Während die Einführung in NRW noch am Anfang steht, hat Baden-Württemberg bereits durch den Bildungsplan 2016 das Schulfach „Wirtschaft / Berufs- und Studienorientierung“ an allen weiterführenden Schulen eingeführt. Die Schüler sollen dabei ab Klasse 7 die Sichtweisen der Gruppen „Verbraucher“, „Erwerbstätige“ und „Wirtschaftsbürger“ kennenlernen. Zu letzterem gehören etwa Steuerarten, Staatsausgaben und Wirtschaftsordnungen. Als Erwerbstätige sollen sie die Sichtweisen von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern sowie Unternehmerinnen und Unternehmern kennenlernen und sich Gedanken über die eigene Berufswahl machen. Und im Bereich „Verbraucher“ geht es darum, Wirtschaftskreisläufe, das Zustandekommen von Preisen und Nachfrage zu verstehen und Versicherungsarten kennenzulernen. Auch das Spannungsverhältnis zwischen wirtschaftlicher Freiheit und sozialer Gleichheit, Möglichkeiten betrieblicher Mitbestimmung und Gründe für Marktversagen werden thematisiert.

Tatsächlich enthält das neue Schulfach also Themen und Sichtweisen, die in anderen Fächern nicht behandelt werden. Wirtschaftliche Zusammenhänge werden aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet und auch aus der Marktlogik heraus entstehende Probleme thematisiert. Dennoch gibt es zwei große Kritikpunkte: Das neue Schulfach stelle wirtschaftliche Zusammenhänge zu unkritisch dar und die Wirtschaft habe zu großen Einfluss auf die Gestaltung des Unterrichtsfaches erhalten.

Einen größeren Einfluss der Wirtschaft befürchtet die Organisation LobbyControl nun auch in Nordrhein-Westfalen. Sie bezeichnet die „FDP als Türöffner für Wirtschaftsinteressen an Schulen“. Anders sieht das Michael Schuhen von der Uni Siegen: „Durch ein Schulfach kommen die Unternehmen viel weniger in die Schulen, weil die frei erhältlichen Unterrichtsmaterialien aus der Wirtschaft nicht mehr gebraucht werden.“ Fabian Kaske von LobbyControl hält im Deutschlandfunk dagegen: Unternehmensstiftungen hätten in Baden-Württemberg angefangen, Unterrichtsmaterialien auch für das neu eingeführte Fach Wirtschaft zu produzieren.

Der Einfluss der Wirtschaft ist groß

Den zweiten Kritikpunkt formulierte Dirk Lange von der Leibnitz-Universität Hannover bereits im Jahr 2015 in ZEIT Online: „Wirtschaftswissenschaften werden zur Hauptbezugsquelle eines sozialwissenschaftlichen Lerngegenstands“. Auch diese Kritik erreicht nun die neue Landesregierung in Nordrhein-Westfalen. LobbyControl warnt in einer Stellungnahme an die neue NRW-Bildungsministerin Yvonne Gebauer (FDP) vor „eine[r] Verengung der ökonomischen Bildung auf Unternehmensinteressen, wenn die Verbindung mit wichtigen politischen Themen nicht mehr stattfindet“. In Nordrhein-Westfalen wurden wirtschaftspolitische Aspekte bisher im Fach Sozialwissenschaften thematisiert. Fabian Kaske von LobbyControl konkretisiert die Befürchtungen so: „Die meisten Schülerinnen und Schüler werden später Arbeitnehmerinnen sein, das heißt Gewerkschaften, Arbeitnehmervertretung sind wichtige Bestandteile und auch eher politische Bestandteile, wo man davon ausgehen kann, dass sie in einem neuen Fach Wirtschaft, was nicht mit Politik verkoppelt ist, eher wenig Resonanz finden“.

Beim Schulfach Wirtschaft kommt es also auf die konkrete Umsetzung im Lehrplan an: Welche Sichtweisen werden thematisiert, welche nicht? Welche Probleme werden angesprochen, welche nicht? Wer berät das zuständige Bildungsministerium bei der Auswahl der Lehrinhalte? Und nicht zuletzt: Welche Schulfächer werden zugunsten des neuen Schulfachs Wirtschaft vernachlässigt? Es darf die nächste kontroverse Debatte erwartet werden, sobald die Pläne konkreter werden.

 

Jonathan Packroff ist 20 Jahre alt und studiert Publizistik- und Kommunikationswissenschaft in Berlin. Im Jahr 2015 machte er sein Abitur in Nordrhein-Westfalen.