E-Schule: ein Mythos aus dem 21. Jahrhundert

Schule in Estland

… fragen Eltern ihre Kinder – und in Estland auch die Plattform e-kool
Bild: (c) Alena Biegert


Stellen Sie sich vor es gäbe eine digitale, transparente und online zugängliche Schulplattform, die sowohl für Le
hrer_innen als auch Schüler_innen und deren Eltern verfügbar ist und alle administrative Aufgaben vereint. Eine Plattform, die es den Eltern ermöglicht die Anwesenheit und Notenübersicht ihrer Kinder in Echtzeit zu verfolgen und sich somit besser über die Erfolge der Kinder in der Schule zu informieren. Gleichzeitig können Eltern online Kontakt mit den Lehrer_innen aufnehmen und einen Einblick in das Schulprogramm für das nächste halbe Jahr/Jahr erhalten. Es erleichtert den Schüler_innen den Zugang zu Online-Materialien aus dem Unterricht und gibt Auskunft über aktuelle Hausaufgaben, kommenden Tests und Prüfungen. Lehrer_innen bekommen die Möglichkeit in Echtzeit und mithilfe der modernen Technologie Schulprozesse zu optimieren, Lehrpläne zu aktualisieren und Prüfungen online zu benoten. Für viele Länder ist das eine Zukunftsvision. Für Estland jedoch, ein kleines nordeuropäisches Land, ist das längst Alltag.

Was ist eine E-Schule und wie funktioniert sie?

„E-kool1“ (e-Schule) – so heißt auf Estnisch eine online basierte Schulplattform. Sie wurde 2002 von der Stiftung „The Look @ World“ gegründet und ist heute die größte online basierte Plattform im Bereich Bildung in Estland. Das ursprüngliche Ziel war es die Kommunikation zwischen der Schule und dem Zuhause zu verbessern. Mittlerweile vereint „e-kool“ jedoch mehrere Funktionen: es ist sowohl ein Schul-Tagebuch, welches Noten, Hausaufgaben, An- und Abwesenheitszeiten der Schüler, Verspätungen, Ausfälle und weitere Bemerkungen und Notizen enthält. Gleichzeitig ist es aber auch eine Entwicklungsplatform, mit deren Hilfe Eltern über die Erfolge oder den potenziellen Verbesserungsbedarf ihrer Kinder informiert werden können und dient auch als ein Kommunikationsmittel zwischen Schulen, dem Zuhause sowie den lokalen Behörden.

Der Zugang zur elektronischen Schule ist mit jedem modernen Gadget möglich, ob von zu Hause mit dem Rechner oder von unterwegs mit dem Smartphone. Aus Sicherheitsgründen ist der Zugang ausschließlich mit individuellen Login-Daten über den Personalausweis, Bank-ID oder Smart-ID möglich. Einmal eingeloggt können Eltern und Kinder eigene schulische Entwicklung nachverfolgen. Die Betonung liegt auf eigene, denn es geht dabei nicht um den Wettbewerb oder Vergleich von einzelnen Schülern untereinander, sondern um die individuelle Leistungen. Somit können Lehrer_innen besser auf die individuellen Bedürfnisse der Kinder eingehen und sensible Schulsituationen auf einer persönlichen Ebene klären und ein persönliches Feedback für lehrenden ermöglichen.

Was ist mit der Privatsphäre und Sicherheit von Daten?

Wenn es um Sammlung der privaten Daten oder online Plattformen gesprochen wird, sind Sicherheit und Privatsphäre im Netz heutzutage die wichtigsten Aspekte, die zu Fragen führen. Auch für die online Schulplattform „E-Kool“ hat die Sicherheit bei allen Beteiligten eine der höchsten Prioritäten. Grundsächlich bietet E-Kool nur die Software, wie diese genutzt wird entscheiden die Schulen selbst. Sie sind für die Eingabe, Verarbeitung und den Austausch von Zugriffsrechten zuständig. Auch persönliche Informationen werden von Schulen verwaltet und das Ausmaß in welchem Umfang die Daten gesammelt werden hängt davon ab mit welchen Benutzergruppen möchte die Schule Austausch haben (Eltern, Behörden, Partnern usw.). Die Schule behält das Recht zu entscheiden welche Daten (z.B. Noten, Abwesenheiten, Ergebnisse von Prüfungen usw.) an Dritte (z.B. Lokale Behörden) weitergeleitet werden und welche bei sich beizubehalten. Nutzung von „E-Kool“ ist keine Bildungspflicht, die im Gesetzgebung vorgeschrieben ist. Gleichzeitig ist „E-Kool“ an sich verpflichtet die gesetzlichen Datenschutz Richtlinien zu achten. Daher achtet das Plattform darauf, dass der Datenaustausch verschlüsselt (u.a. durch SSL) bleibt und stellt sicher, dass die Daten sicher übertragen werden.

Bürokratiefreie Schule

„E-Kool“ erleichtert nicht nur das Schulleben, sondern auch die bürokratischen Behördengänge, denn vieles kann man in Estland direkt online erledigen. So ist zum Beispiel „e-kool“ zu einem der wichtigsten Partner zwischen den Kommunen, lokalen Behörden und dem Staat geworden, denn E-Kool ermöglicht effizienten den Austausch zwischen diesen Institutionen. Neben statistischen Daten, die sich digital einfacher sammeln, verarbeiten und weitergegeben lassen, übernimmt die „e-Kool“ Plattform die Schulanmeldung in die 1. Klasse und hilft die Klassen zu komplettieren. Das erlaubt eine enorme Ersparnis an Zeit und Ressourcen, denn Eltern müssen keine Dokumente mehr im Original bei verschiedenen Behörden einreichen. Alle notwendigen Dokumente und die Anträge zur Aufnahme in die Schule lassen sich bequem von zu Hause aus über die online Plattform einreichen.

Auch in Deutschland kann so eine Schulplattform von großem Nutzen sein. Kommunen, Bund und Länder könnten sich mit Hilfe eines Onlinetools besser miteinander vernetzen, die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Curricula und unterschiedlichen Lernprogramme überblicken und generell das Schulsystem vereinfachen, zentralisieren und entbürokratisieren.

Deutschland ist europaweit bekannt für sein duales Bildungssystem, welches das Land auch erfolgreich ins europäische Ausland exportiert hat. Weltweit wird sowohl die deutsche Schul- als auch universitäre Bildung anerkannt. Nichtdestotrotz gibt es einen enormen Verbesserungsbedarf, ganz besonders auf der administrativen Ebene. Verwaltungsprozesse sind in der Regel veraltet, ineffizient und für viele Familien und Studierende sehr mühsam zu durchlaufen. Über eine Digitalisierung im Bildungsbereich wird viel gesprochen, unter anderem darüber wie wichtig es ist, die Vorteile moderner Technik für die Schulbildung zu nutzen und Schulprozesse transparenter und zugänglicher für alle Beteiligten zu gestalten.

Eine digitale Schuladministration, ähnlich wie die in Estland, könnte viele bestehende Probleme lösen und zu einer Erleichterung des gesamten Systems beitragen. Die gewonnenen Ressourcen (inklusive der finanziellen Ressourcen, die beim Abbau der Bürokratie freigesetzt werden) könnten so auf die Modernisierung des generellen Bildungssystems verlagert werden, denn die Kinder des 21. Jahrhunderts werden noch immer von Lehrer_innen des 20. Jahrhunderts mit Methoden unterrichtet die ihren Ursprung teilweise im 19. Jahrhunderts finden.

Juulia Barthel, Programmmitarbeiterin im Robert Bosch-Zentrum für Mittel- und Osteuropa, Russland und Zentralasien der DGAP. Ihr Schwerpunkt liegt auf Baltische Länder, Integration, Medien und nationale Minderheiten im Baltikum, Zivilgesellschaft und Östlische Partnerschaft der EU. Juulia Barthel studierte Medien und Politische Kommunikation an der Freien Universität Berlin und Öffentlichkeitsarbeit an der Universität Tartu (Estland).

1 https://www.ekool.eu/index_en.html