Rezension: Uni-Angst und Uni-Bluff heute

Überzigene Selbstdarstellung und deren negativen Folgen. Coverbild: Rotbuch-Verlag

Wolf Wagners „Uni Angst und Uni-Bluff“ ist ein Klassiker unter den Studierendenratgebern. In der dritten und aktualisierten Auflage deckt der Autor, wie bereits vor 40 Jahren, auf, warum die häufig aufgeblasene Selbstdarstellung an deutschen Unis höchst problematisch sein kann und Lernen verhindert. Unser Autor Lukas Daubner hat das Buch gelesen und rezensiert.

Eigentlich bin ich kein Freund der Ratgeberliteratur. Zu oft verkauft sie eindimensionale Lösungen für mehrdimensionale Probleme . Bei Wolf Wagner ist das anders. Das Buch „Uni-Angst und Uni-Bluff heute – Wie studieren und sich nicht verlieren“ ist gerade in einer überarbeiteten Neuauflage erschienen. Entstanden ist es ursprünglich während Wagners Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter Mitte der 1970er Jahre. In der Zwischenzeit war er Professor und Hochschulrektor. Trotzdem behält Wagner sich eine Nähe zu seiner Zielgruppe, obwohl er, wie er selbst schreibt, seit langem Teil des „Establishments“ ist, gegen das er ursprünglich mit der ersten Auflage des Buches anschreiben wollte. Er (er)kennt die Probleme der Studierenden von damals wie heute, auch, wenn er diese mittlerweile nicht mehr duzt, sondern sich siezend an den oder die Leser_in wendet.

Die seit 40 Jahren gleiche These von Wagner lautet, dass die Uni ihre Mitglieder geradezu zu dem Aufbau einer künstlichen Fassade zwingt. Nur wer es schafft mit Zitaten, Namen (am besten mit Jahresangabe des gemeinten Werkes) und Argumenten um sich zu werfen, wird erfolgreich im Studium sein. Man sollte lernen so zu sprechen wie seine Dozent_innen, weil die es bei ihren Dozent_innen nicht anders gelernt haben. Das Problem verschärft sich, weil es oft eine Person im Seminar oder in der Übung gibt, die auf jede Frage eine brillante Antwort weiß, lange Monologe hält und mit großer Selbstsicherheit Argumente und Thesen, mitsamt ihrer Autor_innen abspult und in Beziehung setzt. Alle anderen Studierenden hören staunend zu und fragen sich, warum sie all das nicht verstanden haben.:

„Die Redenden kamen mir wie Jongleure vor, denen es gelang, die glitzernden Teile ihrer Wortgeflechte in wirbelnder Schwebe zu halten, und die dabei den Anschein erweckten, als wäre es ein noch ungenügender und bloß erster Versuch. Diese Bescheidenheit dort, wo ich nicht einmal verstand, worum es ging, unterstrich für mich die Wichtigkeit dessen, was da verhandelt wurde. Die Unverständlichkeit selbst begann nach und nach für die Wichtigkeit des Gesagten und damit für die Bedeutsamkeit meiner Teilhabe am universitären Geschehen zu stehen. So erlag ich der Faszination des Unverständlichen“ (43-44).

Gute Studierende sind natürlich nicht das Problem. Vielmehr sieht Wagner das Kopieren der Selbstdarstellung als die Grundlage für das, was er „Uni-Bluff“ nennt. Man will auch dazu gehören, halbverstandene Sachverhalte sicher und spielerisch wiedergeben: die universitäre Sprache sprechen. So lange das aber noch nicht der Fall ist, schweigen die meisten lieber und trauen sich nicht einmal Fragen zu stellen. Die häufigste Form des Uni-Bluffs „besteht im Sich-Verbergen, im Schweigen und So-tun-als-ob-man-verstünde. Man zeigt ein kluges, aufmerksames Gesicht und versteckt dahinter die Angst vor einer möglichen Blamage. Diese Angst, die ‚Uni-Angst‘, hält einen davon ab, mitzudiskutieren, mitzuarbeiten und sich mit Freude Themen zu erschließen“ (45). Wenn man zu große Angst davor hat die einzige Person zu sein, die den Stoff nicht versteht, wird man kaum etwas lernen.

Uni-Bluff seit 40 Jahren

Sich immer wieder an sein eigenes Studium erinnernd beschreibt Wagner, wie es ist die ersten Semester an der Uni zu erleben und kaum etwas zu verstehen. So beschreibt er, wie er nach und nach aus seiner anfänglichen Schockstarre erwacht. In immer mehr Seminaren verwendet er spitze Thesen, gestützt von Autor_innennamen, gerade erst gelernte Fremdwörter oder absichernde Formulierungen (ich meine bei Rousseau gelesen zu haben…). So eignet er sich die Sprechweise des Bluffs an. Damit meint Wagner nicht, dass er nur Quatsch erzählt hätte. Bluff meint, dass man lernt sich gut zu vermarkten, sich also klüger darzustellen, als man ist. Es sind verinnerlichte und kopierte Verhaltensweisen, die das Gesagte absichern und aufwerten: „Bluff ist übertriebene Selbstdarstellung in einem Wettkampf um Gewinn und Verlust. Man gibt sich größer, klüger, schöner, stärker, selbstsicherer. Das Ziel: Die anderen so beeindrucken, dass sie sich auf ein Kräftemessen gar nicht einlassen“ (116).

Das Buch bietet Hilfestellungen dabei, diese Maskierung zu durchschauen und sich nicht von der Überheblichkeit und Selbstsicherheit der Kommiliton_innen täuschen zu lassen. Denn der „Bluff ist (…) ein integraler Bestandteil der Berufsqualifikation akademisch gebildeter Menschen“ (55). Möchte man als Student oder Studentin die Uni durchstehen und auch etwas spannendes lernen, muss man sich darauf einstellen, mit diesen Formen des Umgangs klarzukommen. Viele, denen das nicht gelingt, ziehen sich zurück, verschließen sich und werden im schlimmsten Fall depressiv.

Systematische Überforderung zwingt zum Bluff

Dass das Bluffen funktioniert, liegt auch an den Strukturen des deutschen Hochschulsystems. Die Lerngruppen werden häufig durchmischt und es gibt kaum „Jahrgänge“, in denen man sich untereinander kennt. Auf diese Weise fällt es schwer, die wirklichen Fähigkeiten der anderen Seminar- oder Übungsteilnehmer_innen einzuschätzen. Dazu kommt, dass besonders zu Beginn des Studiums eine Erwartungshaltung aufgebaut wird, nach der die Studierenden eigentlich schon nahezu alles wissen müssten. Das enorme Lern- und Lesepensum ist dann fast nur noch durch bluffen zu bewältigen: „Es wird so getan, als ob man die unerfüllbaren Leistungserwartungen bereits erfüllt hätte“ (68). Die Dozent_innen selbst haben im Laufe ihrer Karriere lägst vergessen, wie es war sich im akademischen Dickicht zurechtzufinden. Sie beklagen sich lieber über die zunehmend abnehmenden Fähigkeiten ihrer Studierender.

Wagners Beobachtungen sollten aber nicht als Kritik an einer exakten akademischen Sprache gelesen werden. Vielmehr regt er zu einer ehrlichen Selbstreflexion sowohl der Studierenden als auch der Lehrenden an. Bluffen und Selbstdarstellungen werden nur dann nötig und entwickeln nur dann ihre problematische Dynamik, wenn Lehre lieb- und rücksichtslos stattfindet und Lehrende nur den Lauten und denjenigen, die wie sie selbst reden, Aufmerksamkeit schenken. Letztendlich gehört das Bluffen zum akademischen Betrieb dazu. Nicht wenige die schon weit in diesem System gekommen sind plagt die Angst, nicht doch eines Tages damit aufzufliegen – auch wenn dazu eigentlich kein Anlass mehr besteht.

Persönliche Probleme und institutionelle Ursachen

Neben der gut lesbaren und offenen Schreibweise sowie den vielen hilfreichen Tipps ist die entscheidende Stärke des Buchs, dass der Autor die vermeintlich persönlichen Gründe für Versagensängste und Überforderung in der strukturellen Ordnung der Universität sieht. Weil Lehre für die Karriere von Wissenschaftlern nahezu irrelevant ist, wird sie oft links liegengelassen. Weil Professor_innen meist verbeamtet sind, können sie bei schlechter Lehrleistung nicht sanktioniert werden. Weil sich Wissenschaftler_innen mit viel Mühe ihre Sprache angeeignet haben und diese sowie ihre Aufsätze und Bücher mit viel Aufwand gegen Kritik abzusichern, kommt es zur nahezu dogmatischen Orientierung an einer bestimmten Theorieschule und deren Sprachstil. Was wiederum das papageienhafte Nachahmen der Studierenden befeuert, aber im schlimmsten Fall Lernerfolge und den Blick aufs ‚Ganze‘ verhindert.

Für Studierende die jetzt insgeheim hoffen, dass alle negativen Erfahrungen während des Studiums auf das „System“ abgewälzt werden können, hat Wagner einen eventuell unbefriedigenden Tipp: „Viel und intensive Arbeit“ (117). Trotz allem kann ein Studium nur Spaß machen, wenn man die Möglichkeiten, Wissen zu erlernen, auch wahrnimmt und sich nicht schon zu Beginn von den Angeber_innen und Bluffer_innen entmutigen lässt. Dies gelingt besonders gut in einer kleinen Gruppe an Freund_innen, mit denen man gemeinsam und vertraut Inhalte und Probleme diskutieren kann. Außerdem sollte man lernen, in welchen Situationen es wichtig ist zu bluffen, ohne aber sich selbst hinters Licht zu führen. Wagners Tipps und Analysen helfen dabei das Studium ohne Angst und unnötiges Aufplustern zu bewältigen.

Das Buch richtet sich an Studierende und solche die es noch werden wollen. Gleichwohl schadet es sicherlich auch (mehr oder weniger) gestandenen Wissenschaftler_innen nicht einmal einen Blick in das Buch zuwerfen. Es ist im Rothbuch-Verlag erschienen und kostet 8,90€.