Vorurteile vs. Realität: Smartphones für Geflüchtete

Neuland oder wichtige Orientierungshilfe – auch für Geflüchtete? Foto: „smartphone“ by sj carey/Flickr

Smartphones für Geflüchtete werden häufig als Luxus angesehen. Warum sie für diese unglaublich wichtig sind, und wie Smartphones die Integration fördern, darüber schreibt Elen Budinova.

Sie haben moderne Smartphones in der Hand, bessere als meins selbst. Warum sollte Deutschland sie willkommen heißen, staatliche Gelder in Integrationsprojekte und Finanzierungsquellen für Flüchtlinge stecken? Die Weltsicht von Asylgegner_innen speist sich häufig aus derartigen Vorwürfen. Bewundert und abgestempelt als Frechheit, Schamlosigkeit und Arroganz wird die Tatsache, dass so viele Geflüchtete Smartphones besitzen. So schlecht könne es ihnen gar nicht gehen, wenn sie sich auf Staatskosten ein Smartphone leisten könnten, meinen viele.

Schlechte Nachricht für alle Unterstützer von dieser Position: Ihre Kritik ist absurd. Der Grund dafür ist einfach: Smartphones sind zu einem festen Bestandteil des Alltags (auch) von Flüchtlinge geworden.  Sie dienen als Orientierungs-, Kommunikations- sowie Integrationsmedium. Smartphones sind Rettungsinstrumente, für viele Geflüchtete einen Computerersatz, der ihnen die Möglichkeit anbietet, Internetzugang zu bekommen.

Ist Internet ein unnötiger Luxus? Denkt nochmal nach. Heißt es Luxus, wenn dadurch von treueren Telefongespräche ins Ausland, öfters in Nicht-EU Krisengebiete oder von Lehr- und Informationsmaterialen für Integrationsziele durch Online-Angebote gespart wird?

Ist es luxuriös, wenn du mit Verwandten in Kontakt bleiben willst, wenn du ein Paar Fotos von deinen Lieblingsmenschen, die über tausende von Kilometern weit weg sind und um die du dir ständig Sorgen machst, geschickt bekommst? Sollte ein Smartphone in der Hand von Geflüchteten als unverschämtes Vergnügen betrachtet werden oder nicht eher als ein Instrument, das Distanz zu deiner Familie und Freunde überwindet, Integrationswege eröffnet und kostenlose Online-Maps, in neuen fremden Ländern zur Verfügung stellt?

Orientierung, Bildung und Integration

Flüchtlinge benutzen Smartphones auch um mit Einheimischen über Social Media-Plattformen in Kontakt zu treten. Facebookgruppen für Sprachtandems, Online-Sprachübungen und –Wörterbücher, WhatsApp- Erfahrungsaustausch mit anderen Geflüchteten bezüglich Integrationsstrategien und bürokratischen Richtlinien, Online-Portale für die Jobsuche – das sind nur einige Anwendungsmöglichkeiten. Smartphones dienen Flüchtlingen nicht nur der Suche nach Fluchtwegen auf der oft von vielen als höchst gefährlich empfundene Reise. Sie beschleunigen auch das Sprachlernen, geben die Chance, sich mehr über die Kultur im neuen Aufenthaltsort zu erkundigen und Freundschaften mit Menschen im Gastland zu beginnen. Demnach ist der Handybesitz sowohl für ihre physische Sicherheit auf der Flucht als auch für ihr psychisches Wohlfühlen im neuen Land angesichts des Integrationsschocks von äußerst positiver Bedeutung.

Dank des Kontakts zu mehreren Geflüchteten und ihren Familien auf Sprachtandemtreffen über mehr als zwei Jahren, konnte ich Einblick in ihren Alltag bekommen. Sie zeigten mir Fotos von ihren Nichten, Omas, Brüder, Freunde, Ehemännern. Ich habe ihnen von Online-Angeboten für die Wegfindung in Berlin wie bvg.de erzählt. Wir sind zusammen zu Museen und Galerien, die ich selbst noch nie davor besucht habe, gegangen sowie gemeinsame kulturelle Kochabende veranstaltet. Dabei verlief die ganze Organisation der Treffen über die Social Media.

Während unserer Sprachübungen haben sie ihre online-Wörterbücher benutzt sowie auf Universitäts- sowie Jobbörse-Webseiten über die Voraussetzungen für Bewerbungen gelesen. Ja, Bewerbungen, weil sie es nicht abwarten können, ihre Ausbildung oder professionelle Laufbahn im neuen Land fortzusetzen.

Leider nutzen offizielle Beratungsinstitutionen die große Palette an Möglichkeiten, die die digitale Informationswelt anbietet, noch nicht in ausreichendem Maße. Doch mehrere zivilgesellschaftliche Initiativen versuchen, durch ein Bottom-up Ansatz Flüchtlinge über ihre Beratungsbedürfnisse zu interviewen sowie ihre digitalen Vernetzungsmöglichkeiten zu verbessern.

Das Neuland als Chance nutzen

Zwei zentrale Probleme gibt es: Zum einen werden die meisten Beratungsangebote auf Deutsch oder Englisch bereitgestellt -zwei Fremdsprachen für die Flüchtlinge. Übersetzungen in ihre Muttersprachen, wie zum Beispiel Arabisch, sind entweder schwer zugänglich oder existieren überhaupt nicht. Zweitens, bestehen Unterschiede bezüglich der Benutzung von Smartphones je nach Alter und Geschlecht. Ältere Menschen können nicht immer so gut neue Technologien bedienen wie die digitalaffine Junggeneration. Für manche Frauen, die im Vergleich zu den Männern in ihren Heimatsländern nicht so aktiv auf dem Arbeitsmarkt waren, ist es auch etwas Neues, die Smartphones nicht nur als Kommunikations-, sondern auch zu Orientierungs- und Integrationszwecken zu nutzen. Statt die Smartphone Ausstattung von Geflüchteten zu kritisieren, sollte die Öffentlichkeit digitale Chancen für eine erfolgreiche und schnelle Integration wahrnehmen, Online-Beratungen erleichtern und damit zugänglich für alle Alters- und Gendergruppen gestalten.

Integration ist ein Prozess, bei dem sowohl die Einheimischen als auch Geflüchtete einen Kulturaustausch durchführen und dabei Spaß haben können. Sie können ihre Welt auch einmal mit den Augen Anderer betrachten. Integration bereichert. Smartphones bereichern die möglichen Wege zur Integration. Mehr noch, Integration heißt nicht Assimilation. Der Kontakt zur Familie und zum Freundschaftskreis, deren Mitglieder zumeist nicht alle am Aufenthaltsort sind, ist kein Luxusgut, sondern eine wichtige Möglichkeit, die niemandem beraubt werden sollte oder wegen derer keine unbegründeten Vorwürfe entstehen dürfen.

Elen Budinova kommt aus Bulgarien und studiert Internationale Beziehungen im Rahmen des gemeinsamen MA-Programms der Universitäten FU-; HU-Berlin sowie der Uni. Potsdam. Ihr Forschungsfokus fällt auf Sicherheitspolitik sowie regionale Politikanalyse mit dem Schwerpunkt auf dem post-sowjetischen Raum, dem Mittleren Osten und Nordafrika.