Digitalisierung und die Dampflok

Wartet er noch? Oder ist der digitale Zukunft schon abgefahren? Foto: Erick Pleitez/Flickr

Die Digitalisierung als Chance begreifen und sie aktiv mitgestalten – vor allem aber unsere Kinder digital fit machen. Dafür plädiert Verena Gonsch in ihrem Buch „Digitale Intelligenz. Warum die Generation Smartphone kein Problem, sondern unsere Rettung ist“. Sonst, so befürchtet die Autorin, ist der Zug bald abgefahren und nicht nur die junge Generation, sondern auch Deutschland als Ganzes auf der Strecke geblieben. Kira Meyer hat sich das Buch genauer angesehen.

Was haben Digitalisierung und eine Dampflock miteinander zu tun? Für Verena Gonsch ist das ganz klar: Die Moderne stand in Deutschland immer schon im Verdacht, die Kultur zu schädigen. Paradigmatisch zeigt sich das an der zögerlichen Haltung der Deutschen gegenüber der revolutionären Eisenbahntechnik vor fast 200 Jahren. Digitalisierung ist also so etwas wie die Dampflok des 21. Jahrhunderts. Sollten wir auf diesen Zug aufspringen?

An dieser derzeit so hitzig geführten Debatte beteiligt sich die Autorin mit ihrem Buch und liefert in kritischer Auseinandersetzung viele Gründe dafür, dass wir zum Sprung ansetzen sollten. Gegen Panikmacher_innen und Schwarzmaler_innen werden zahlreiche Expert_innen ins Feld geführt, die anhand von neuesten Forschungsergebnissen ein positives Bild von den Veränderungen durch die digitale Revolution zeichnen. Soziolog_innen und Psycholog_innen, ebenso wie Hirnforscher_innen und Philosoph_innen lässt Gonsch zu Wort kommen. Dabei wirft sie immer wieder einen Blick in die deutsche Geschichte und zeigt überzeugend auf, dass die Angst vor den Auswirkungen der neuen Technik unbegründet ist. In thematisch vielfältigen Kapiteln rückt sie mal dem Mythos der angeblich für Verblödung sorgenden Computerspielen zu Leibe, seziert die Vorurteile über die Arbeitswelt 4.0 oder macht die Wurzeln der deutschen Technologiefeindlichkeit im Zeitalter der Industrialisierung aus.

Bildungschancen durch Digitalisierung für Jung und Alt

Ein besonderes Augenmerk des Buches liegt auf den Kindern und Jugendlichen: Was bedeutet die Digitalisierung für sie? Welche Verpflichtung haben wir ihnen gegenüber in der Ausgestaltung der digitalen Welt? Dringend nötig wäre, dass Lehrer_innen digitale Medien stärker in den Unterricht einbinden und den jungen Generationen somit wichtige Fähigkeiten für die Arbeitswelt 4.0 vermitteln. Denn der aktuelle Zustand ist alarmierend: „Tatsächlich konnte vor drei Jahren jeder zweite Achtklässler in Deutschland noch nicht einmal im Internet eine Webadresse suchen. (…) Bei internationalen Studien, bei denen die Kompetenz getestet wird, sich sicher im Internet zu bewegen, liegen deutsche Schüler im unteren Mittelfeld. Viele europäische Länder überholen uns in Sachen Medienkompetenz.“

Kira Meyer (geb. 1993) hat einen Bachelor in Philosophie und Politikwissenschaften und studiert nun Philosophie im Master – ebenfalls an der Universität Hamburg. Als Ehrenamtliche in der schulischen Hilfe für Flüchtlingskinder oder als Tutorin an der Uni begleitet sie das Thema Bildung und was es heißen könnte, gebildet zu sein.

Aber auch Eltern wären gut beraten, neugieriger auf die digitalen Welten zu sein, in denen sich ihre Jüngsten so selbstverständlich bewegen. Sich von ihnen mal zur Kampfmaschine ausbilden zu lassen oder gemeinsam einen Nachmittag Pokémon Go zu spielen – das stärkt nicht nur den familiären Zusammenhalt, sondern öffnet idealerweise so manchem „Digital Dinosaurier“ eine Tür zu neuen Online-Welten. Denn Bildungschancen durch Digitalisierung bekommen nicht nur junge Menschen, „auch Wissensdurstige in den Industriestaaten werden davon profitieren. Denn die Online-Unis bieten die Möglichkeit, auch mit 40plus nochmal den Beruf zu wechseln oder sich weiterzubilden.“

Mitgestalter_innen gefragt

Anregend verfasst sind nicht nur die Sachbuch-Texte von Verena Gonsch, auch die jedem Kapitel vorangestellten Geschichten von Till Raether, in denen das Thema des folgenden Abschnitts belletristisch beleuchtet wird, regen zum Nachdenken an. Gespickt mit Humor und persönlichen Erlebnissen schlagen die Autor_innen einen weiten Bogen über die wichtigsten Bereiche der digitalen Revolution – bei einem nicht derart komplexen Thema wie diesem keine Selbstverständlichkeit. Nicht nur durch diese gelungene Kombination von Sachbuch und Kurzgeschichten erhält der Leser oder die Leserin einen umfassenden Einblick, auch die Bemühung der Autorin, sowohl die Pro- als auch die Contra-Seite zu beleuchten, macht das Buch lesenswert. An einigen Stellen würde man sich vielleicht wünschen, dass länger bei Begriffen verweilt wird. Gerade mit Bildung oder Intelligenz ist in Debatten häufig ganz Unterschiedliches gemeint. Zumal der Titel des Buches von digitaler Intelligenz spricht, wüsste man gerne genauer, was genau die Autorin darunter versteht.

Das Buch ist aber nicht nur für Eltern und Lehrer_innen interessant, sondern für jeden, der die Form unserer zukünftigen Gesellschaft mitbestimmen will – denn da kommt man an einer Mitgestaltung der Digitalisierung nicht vorbei. In Zeiten von Dampflok und Druckerpresse will wohl niemand mehr zurück, spätestens nachdem er dieses Buch gelesen hat.

Das Buch erscheint am 24. November im Verlag Bastei Lübbe. Es umfasst 256 Seiten und ist erhältlich als Paperback für 12,90 € – oder ganz modern als E-Book für 9,99 €.