Digitale Bildung: Was politisch passieren muss

Haben wir bald nur noch Tablets in der Schule? Foto: Brad Flickinger/Flickr

Viel wird über digitale Bildung gesprochen. Doch Digitalisierung ist nicht nur Tablets benutzen. Was politisch passieren soll, schildert Max Meisenheimer von den Juso-Hochschulgruppen in seinem Beitrag.

Die Digitalisierung unserer Gesellschaft ist ein omnipräsentes Thema. Auch vor dem Bildungssystem macht die Digitalisierung nicht Halt. Wenn in der Bildungspolitik über digitale Bildung gesprochen wird, wird gemeinhin, insbesondere jedoch von konservativen Akteur_innen, die Annahme vertreten, digitale Bildung bedeutet, dass Schüler_innen statt Papier und Stift ab jetzt Tablets benutzen sollten. Das ist aber falsch. Digitalisierung und digitale Bildung sind kein isoliertes Politikfeld, dass durch ein paar Anschaffungen oder Qualifizierungen erfolgreich gestaltet werden kann.

Digitale Bildung ist vielmehr ein Querschnittsthema, eine Perspektive, die wir in fast allen gesellschaftlichen Bereichen einnehmen können und müssen. Mit der Digitalisierung von Bildungsinstitutionen haben wir die Möglichkeit, übergeordnete politische Ziele und Vorstellungen zu erreichen. Inklusive Schulen, sozial gerechtere Hochschulen und kostenlose Weiterbildungen, all das lässt sich zumindest zu Teilen durch digitale Bildungsangebote realisieren.

Was ist bisher passiert?

Vereinzelt lassen sich politische  Akzente beobachten, die sich mit digitaler Bildung auseinandersetzen. Das Bundesbildungsministerium unter Leitung von Johanna Wanka (CDU) zeigt dabei aber keine konsequente und langfristige Strategie, die es verfolgt. Vielmehr geht es ihr dabei um einzelne Akzentsetzung und die Förderung einiger weniger Spitzeninstitutionen. Es ist fatal anzunehmen, dass ein Finanzpakt, der nur wenige sogenannte Leuchtturmprojekte im Bereiche digitale Bildung an Schulen oder Hochschulen fördert, nachhaltige Effekte auf das gesamte Bildungssystem haben könnte. So fördert das Ministerium zum Beispiel die Entwicklung von Open Educational Resources (OER).[1] Das sind frei zugängliche digitale Lehr- und Lernmittel, also quasi das Rückgrat freier und kostenloser Bildung im digitalen Raum. Diese Förderung passiert aber nur bei einigen wenigen Projekten. Stattdessen bräuchte es Investitionen in die Breite.

In aller Munde war Ministerin Wanka aber in den letzten Monaten mit dem sogenannten DigitalPakt#D. Dieser Finanzpakt des Bundes soll knapp fünf Milliarden Euro in die digitale Ausstattung von Schulen geben. Was sich erstmal ganz gut anhört, ist es bei genauerem Hinschauen dann aber doch nicht mehr wirklich. Fünf Milliarden Euro sind auf fünf Jahre verteilt für Schulen bundesweit nicht viel. Um überall eine gute Ausstattung zu ermöglichen, braucht es wesentlich stärkere Investitionen. Diese Investitionen dürfen auch nicht auf einen willkürlichen Zeitraum, wie diese fünf Jahre, begrenzt werden, sondern es braucht eine auf Dauer angelegte Finanzierungsstruktur. Nicht zuletzt zeigt sich aber auch hier: Die digitale Ausstattung bringt wenig ohne die richtige Qualifikation des Lehrpersonals.

Max Meisenheimer ist Mitglied des Bundesvorstandes der Juso-Hochschulgruppen und  25 Jahre alt. Er studiert im Master Governance & Public Policy an der TU Darmstadt. Seinen Bachelor schloss er in Politikwissenschaft und Soziologie an der Universität Mannheim ab. Seit seinem ersten Semester engagiert er sich in den Juso-Hochschulgruppen. Er war u.a. AStA-Referent für Hochschulpolitik & Gesellschaft an seiner Universität und Landeskoordinator der Juso-Hochschulgruppen Baden-Württemberg. Er ist außerdem aktives Mitglied der SJD – Die Falken. Seit November 2015 ist er Mitglied im Bundesvorstand. Max vertritt die Juso-Hochschulgruppen in der AG Bildung & Forschung der SPD-Bundestagsfraktion. 

Anfang Juni hat sich die Kultusministerkonferenz [sic!] (KMK) mit dem BMBF auf einen abgewandelten Pakt mit dem Namen DigitalPaktSchule geeinigt.[2] Mit diesem neuen Pakt werden die Grundziele des DigitalPakt#D fortgeführt, es gibt jedoch glücklicherweise ein paar wenige Verbesserungen. So verpflichten sich die Länder, Qualifizierungsmaßnahmen für Lehrer_innen einzuführen und auch die Wartung der neuen Ausstattung wird zu Teilen durch den Bund mitfinanziert. Der große Wurf ist aber auch das noch nicht.

Das vielleicht zentralste politische Papier ist ein Grundsatzpapier der KMK mit dem Titel „Bildung in der digitalen Gesellschaft“.[3] In dieser gemeinsamen Strategie der Länder sind insbesondere für den Schul- und Hochschulbereich Leitlinien, Qualifizierungskriterien und Anforderungen an digitale Bildung definiert. Dieses Papier bietet eine wichtige Arbeitsgrundlage und versteht digitale Bildung als Katalysator, gerade im Schulbereich, mit dem sich Bildungsinstitutionen öffnen können.

Anforderungen an eine digitale Bildungspolitik

Digitalisierung darf nicht um der Digitalisierung willen passieren. Wir brauchen keine Tablets im Unterricht, weil es cool aussieht. Vielmehr benötigen wir Tablets im Unterricht, damit Schüler*innen, Studierende und Lehrende Programme nutzen können, die Lehren und Lernen individueller gestalten und somit einfacher und inklusiver für mehr Menschen machen. Dabei geht es um die Möglichkeit Lehren und Lernen unabhängig von Zeit und Ort zu ermöglich, z.B. durch aufgezeichnete Vorlesungen, Online-Aufgaben o.ä. Es geht aber auch um Programme, die es ermöglichen Lernen auf individuelle Bedürfnisse anzupassen und Stärken und Schwächen bei den Lernenden zu berücksichtigen. Dieser Grundsatz muss bei jeder bildungspolitischen Entscheidung klar sein.

Drei klare Handlungsfelder um Digitalisierung in der Bildung zu realisieren, können dafür definiert werden: Ausstattung der Einrichtungen, Qualifizierung des Lehrpersonals, Entwicklung von Lehr- und Lernsoftware und -konzepten. Digitale Bildung spielt dabei außerdem entlang der gesamten Bildungskette eine Rolle, begonnen bei der frühkindlichen Bildung, über Schulen, die berufliche Bildung, Hochschulen und der Weiterbildung. In allen Handlungsfeldern während der gesamten Bildungskette müssen uns folgende Fragen auch bei der digitalen Bildung bewegen. Wie können wir Bildung öffnen für Menschen, die nicht vor Ort sein können? Wie kann Bildung inklusiver sein? Wie können Institutionen sozial gerechter und feministischer gestaltet werden?

Gerade Frauen* erleben häufig Mehrfachbelastungen in ihrem Bildungsverlauf; das Aufziehen von Kindern oder familiäre Verpflichtungen wie die Pflege von Angehörigen. Gerade für sie können digitale Bildungsangebote die notwendige zeitliche Autonomie bieten, um diese Belastungen miteinander zu vereinbaren.

Was wir benötigen, ist eine Ausstattung in den verschiedenen Einrichtungen, die den Bedürfnissen von heute gerecht wird. Alle müssen Zugang zu schnellem Internet, kostenlosen Programmen und Endgeräten haben. Außerdem muss das Lehrpersonal breit qualifiziert werden für den Umgang mit digitalen Lehr- und Lernmitteln. Dafür bedarf es der Reform des Lehramtsstudiums und breiten Fort- und Weiterbildungsangeboten für Lehrende an Schulen und Hochschulen. Die Nutzung von OERs und anderen Lehr- und Lernangeboten im Netz muss immer frei und kostenlos sein. Bildung ist ein Menschenrecht und darf nicht nur den Zahlungskräftigen zugänglich sein.

Nicht zuletzt muss es auch die Aufgabe guter Bildungspolitik sein, die Digitalisierung des Bildungssystems richtig zu gestalten. Durch eine freiere Lehre und individuelleres Lernen können Schüler_innen und Studierende selbstständiger lernen und dazu befähigt werden, kritisch Inhalte zu hinterfragen, statt nur Textbücher auswendig zu lernen. Digitale Bildung kann so Menschen freies und kritisches Denken ermöglichen.

[1] https://www.bmbf.de/de/neue-informationsstelle-fuer-offene-bildungsmaterialien-3519.html

[2] https://www.kmk.org/aktuelles/artikelansicht/kmk-laender-bekennen-sich-zu-eckpunkten-des-digitalpakts-schule.html

[3] https://www.kmk.org/fileadmin/Dateien/veroeffentlichungen_beschluesse/2016/2016_12_08-Bildung-in-der-digitalen-Welt.pdf