US Schulpolitik in der Ära Trump

Mit der neuen Bildungsministerin gerät das US-Schulsystem unten den Bus Foto: Michaeltk/Flickr

Präsident Trump hat die evangelikale Multimilliardärin Betsy DeVos als Bildungsministerin berufen. Für die Zukunft hat sie vor allem Bildungsgutscheine für Schüler_innen aus einkommensschwachen Familien auf die Agenda gesetzt. Worum geht es genau bei diesem „Voucher-System“?

„Was ist denn jetzt schon wieder los?“ fragen wir alle uns jedes Mal, wenn US-Präsident Donald Trump unsere Eilmeldungen verstopft. Im großen Durcheinander von Executive Orders, Einreiseverboten für Flüchtlinge, absurden Tweets und noch absurderen Kabinettsberufungen kann man schon einmal den Überblick verlieren. Vor allem aber gehen in den vielen großen Verrückheiten die ebenso zahlreichen kleinen Verrückheiten verloren.

Die nächste Milliardärin in Trumps Kabinett

Eine solche Verrücktheit ist die Berufung von Betsy DeVos als Bildungsministerin. Ähnlich wie in Deutschland ist das Bildungssystem in den USA föderal organisiert: Die oberste Bundesbehörde mit der Bildungsministerin an der Spitze legt lediglich die Rahmenbedingungen für die Bundesstaaten fest. Normalerweise verläuft die Besetzung dieses Kabinettspostens daher auch eher unspektakulär und wenig kontrovers. Aber was ist derzeit schon normal? Die Abstimmung über Betsy DeVos‘ Berufung ging im Senat 50:50 aus, sodass die Stimme des Vizepräsidenten Mike Pence den Ausschlag zu ihren Gunsten geben musste. Ihre Anhörung erregte große mediale Aufmerksamkeit, weil DeVos sehr schlecht vorbereitet schien und zu gängigen bildungspolitischen Kontroversen keine Aussagen machen konnte. So wollte sie die Frage, ob Schusswaffen in Schulen erlaubt sein sollten, den Bundesstaaten überlassen: Schließlich sei es ja möglich, dass man sich im ländlichen Wyoming gegen eindringende Grizzly-Bären in Schulen verteidigen müsse. Sogar die republikanische Senatorin Susan Collins kritisierte die Kandidatin: Aufgabe der Bildungsministerin sei es, das öffentliche Schulsystem zu stärken, aber nichts in DeVos‘ Hintergrund lasse auf ihre Qualifikation hierfür schließen.

Tatsächlich hat Betsy DeVos zu keinem Zeitpunkt selbst eine öffentliche Schule besucht, ihre Kinder auf eine geschickt oder im öffentlichen Schulsystem gearbeitet. Die Familie der Multimilliardärin hat allerdings im Laufe der Zeit sehr viel Geld an die Republikanische Partei gespendet – sogar Betsy DeVos selbst hielt auf Anfrage hin 200 Millionen für einen durchaus „möglichen“ Betrag.

Natürlich waren es aber nicht nur diese exorbitanten Summen an Spendengeldern, mit denen sich Betsy DeVos auf den republikanischen Bildschirm gekauft hat. Sie tritt seit vielen Jahren als Bildungsaktivistin im weitesten Sinne auf.

So uninteressiert wie Donald Trump im Wahlkampf an bildungspolitischen Themen war, so leidenschaftlich wirbt Betsy DeVos für eine Reform des Schulsystems nach ihren Vorstellungen.

Was will Betsy DeVos?

Ihre Herzensangelegenheit ist das Voucher-System, in dem Kinder aus einkommensschwachen Familien Bildungsgutscheine nutzen könnten, um private oder Charter-Schulen zu besuchen.

Bisher werden öffentliche Schulen, die einen bestimmten Anteil an ärmeren Kindern unterrichten, durch Fördergelder des Bundes unterstützt. Der Grundgedanke dahinter ist, dass zusätzliche Ressourcen dorthin fließen sollen, wo Schulen sie brauchen, um Kinder stärker zu fördern.

Das öffentliche Schulsystem in den USA steht häufig in der Kritik – das hat es vielleicht mit Schulsystemen auf der ganzen Welt gemein. Manche Gruppierungen stehen ihm allerdings grundsätzlich geradezu feindselig gegenüber. Vor allem evangelikale Christ_innen sehen nicht ein, warum ihre Kinder Schulen besuchen sollen, in denen sie nichts über die Bibel, dafür aber über Evolutionstheorie und Verhütung lernen. Eine solche tiefreligiöse Christin ist auch Betsy DeVos und gemeinsam mit vielen anderen gehört sie der „School Choice“-Bewegung an. Anders als in Deutschland besuchen Kinder in den USA die öffentliche Schule, der sie anhand ihres Wohnortes zugeordnet werden. Nur wer das nötige Geld hat, kann eine Privatschule besuchen. Dies stört naturgegeben all diejenigen, die mit ihrer Nachbarschaftsschule nicht zufrieden sind.

In dem Voucher-System, das Betsy DeVos und viele andere Republikaner_innen seit Ronald Reagan befürworten, würde das Fördergeld den Kindern aus armen Familien an die Schule ihrer Wahl „folgen“. Davon profitieren Privatschulen, während Gelder aus dem öffentlichen Schulsystem abgezogen werden.

Verfechter_innen der Bildungsgutscheine finden sich neben Evangelikalen, denen die säkularen öffentlichen Schulen ein Dorn im Auge sind, auch bei Liebhaber*innen des freien Marktes. Schon Milton Friedman äußerte sich positiv über das Voucher-System, das öffentliche Schulen in einen gesunden Konkurrenzkampf mit privaten und Charter-Schulen bringt.

Auch ein Argument für mehr soziale Gerechtigkeit kann Betsy DeVos ins Feld führen: Durch Bildungsgutscheine haben ärmere Familien die Möglichkeit, das zu tun, was Reiche schon längst können: sich die passende Schule für ihre Kinder auszusuchen.

Selbst Befürworter_innen von Bildungsgutscheinen, die ärmeren Kindern den Besuch „besserer“ Privat- und Charter-Schulen ermöglichen wollen, müssen aber zugeben, dass diese Förderung mit einer weiteren Schwächung der öffentlichen Schulen einhergeht. Diese erhalten nicht nur weniger Geld, sondern sehen sich schlimmstenfalls auch mit einer Homogenisierung ihrer Schülerschaft konfrontiert, wenn begabte und disziplinär unauffällige Kinder auf Privatschulen wechseln können. Die öffentlichen Schulen, die schon jetzt gegen ihren schlechten Ruf ankämpfen, verlieren weiter an Boden gegenüber den immer beliebteren Charter-Schulen und den Privatschulen. Der Ruf nach freier Schulwahl und staatlich finanzierten Schulgebühren an privaten Schulen gibt das öffentliche Schulsystem endgültig verloren.

Sind Bildungsgutscheine völlig neu?

Eine Reihe von US-Bundesstaaten haben schon seit längerem Voucher-Systeme. Daher gibt es auch schon Studien zu ihrer Wirksamkeit. Die bescheinigen den Bildungsgutscheinen bisher allerdings höchstens bescheidene oder gar keine Erfolge: Vergleicht man die Lernerfolge von Schüler*innen, die Gutscheine nutzen mit Gleichaltrigen in öffentlichen Schulen, ist nur ein mäßiger Vorsprung erkennbar – in manchen Studien auch gar keiner.

Trumps Agenda sieht vor, das Voucher-System auszuweiten: Statt wie bisher 170 000 würden bis zu 11 Millionen Kinder aus armen Familien solche Bildungsgutscheine erhalten. Das Geld dafür soll aus einer Umverteilung von Fördergeldern aus dem Bildungsbereich kommen.

Ähnlich wie in Deutschland lässt sich auch in den USA Bildungspolitik aber nicht ohne die Bundesstaaten machen, die laut Trumps Plan noch einmal große Summen zuschießen müssten, um das Voucher-System auf sichere finanzielle Füße zu stellen.

Bisher hat Donald Trump keine besondere Fähigkeit dafür bewiesen, auch nur seine eigene Partei, geschweige denn den Kongress oder die Bundesstaaten für seine Vorhaben zu begeistern. Auch Betsy DeVos macht bislang nur einen bedingt kompetenten Eindruck. Gepaart mit dem allgemeinen Desinteresse des Weißen Hauses an Bildungspolitik lässt dies vermuten, dass die Ausweitung des Voucher-Systems in den USA wahrscheinlich noch auf sich warten lassen wird.