Die Denkform Geld

Geld oder Liebe? Bildung ist mehr als nur Leistungspunkte sammeln und die Karriere vorantreiben Bild: Libby Levi /Flickr

Wie Geld als Denkform und -praxis in Bildungsprozessen wirkt, das lässt sich an der 2014 gegründeten Cusanus Hochschule erforschen. Wo im akademischen Betrieb und andernorts Lehre, Lernen und Wissenschaft immer mehr zur Ware werden, lässt man hier die studentische Bildung wieder frei, mit erstaunlichen Auswirkungen. Doch dazu braucht es ein neues, wegweisendes Finanzierungskonzept, das der „Denkform Geld“ etwas entgegensetzt: eine Bürgerfinanzierung. Studentin Julia Fuchte stellt die Hochschule und ihre Vision vor.

Die fortschreitenden Ökonomisierungsprozesse, wie sie etwa die PISA- und Bologna-Reformen mit sich gebracht haben, zeigen: Oft wird mit und durch Geld bestimmt, welche Lehre für gut und richtig befunden wird. Denn Geld, das sagt der Philosoph und Ökonom Karl-Heinz Brodbeck, ist eine grundlegende Weise, wie Menschen in unserer Gesellschaft zusammenleben. Es ist kein Ding unter Dingen, sondern es koordiniert soziale Handlungen, ist selbst Handeln und herrscht nicht in einem als isoliert gedachten menschlichen Bewusstsein vor, sondern passiert irgendwo zwischen den Bewusstseinen. Und es gewinnt an Bedeutung – seit mehreren Jahrzehnten nun auch in der Bildung.

Darunter leidet Bildung – und mit ihr Studierende, Lehrende und Forschende. Denn wird Geld für Bildung mit Profiterwartungen verknüpft, so muss der Bildungsprozess mit diesen mithalten, ob es ihm passt oder nicht. Wenn sich Lerninhalte, -ziele und -formen nur danach ausrichten, wofür Geld fließt, ist das vergleichbar mit dem Versuch, im Dunkeln nur an der Stelle einen verlorenen Schlüssel zu suchen, wo das meiste Licht hinfällt – und nicht dort, wo man ihn verloren haben könnte. Vielleicht findet man etwas anderes, aber nicht das, was man eigentlich gesucht hat.

Mut zu Hoffnungstaten

Die „Hoffnungstäterin“ Cusanus Hochschule will Bildung nicht länger dieser Denkform opfern. Sie zeigt, wie sich Bildungsprozesse auch heute noch in Geschenke umwandeln lassen, das heißt, als etwas, das man erst einmal bedingungslos bekommt im Vertrauen darauf, dass man es irgendwann wieder in irgendeiner Form in die Gesellschaft zurückgibt. Und sie zeigt, was alles möglich wird, wenn den Menschen wieder die Wahl gelassen wird, wie und wodurch sie sich bilden, ganz nach dem Motto ihres Namenspatrons Nikolaus Cusanus: „Der freie Geist bewegt sich selbst!“ Denn wer an der Hochschule etwa Ökonomie studiert, tut das nicht, um irgendwie verwertbar für den Arbeitsmarkt zu werden, sondern, um seinen eigenen gesellschaftsgestaltenden Fragen Raum zu geben. Dabei lernt er zu verstehen, wie sich unser Wirtschaftssystem in den letzten Jahrhunderten herausgebildet hat; welche Denker*innen eine Rolle spielten, welche Modelle, Weltbilder, Urteile über die menschliche Natur und menschliches Zusammenleben sie dabei antrieben. Der Bildungsprozess wird zum dynamischen Wechselspiel zwischen den eigenen biografischen Anliegen, vielfältigen Denktraditionen und aktuellen sozio-ökologischen Diskursen. Mit Kommiliton*innen und Professor*innen diskutiert man in kleiner Runde und ringt zunächst mal um die richtigen Fragen – statt um die richtigen Antworten. Daraus ergibt sich für jede*n Einzelne*n ein unverwechselbares Bildungsprofil, mit dem er*sie verantwortlich in Gesellschaft wirken kann, ohne sich selbst zu verlieren – nur bei sich sein macht es schließlich möglich, auch ganz bei der eigenen gesellschaftlichen Aufgabe zu sein.

Foto: Julia Fuchte

Julia Fuchte (geb. 1984) studierte Germanistik, Philosophie und Psychologie in Münster und absolviert zurzeit einen Master Ökonomie und Gesellschaftsgestaltung an der Cusanus Hochschule in Bernkastel-Kues. In ihrer Masterarbeit geht es um neue wissenschaftsbasierte Methoden, Szenarien von Postwachstumsgesellschaft(en) zu entwickeln.

Bildung will frei sein

Aber das alles ist mehr denn je gefährdet. Wie konkret kämpft die Hochschule dafür, dass Bildung hier wirklich frei wird?
Noch zahlen die Studierenden Studiengebühren und müssen nebenbei ihren Lebensunterhalt erwirtschaften, und zwar aus folgendem Grund: Als private Hochschule in freier Trägerschaft bekommt die Cusanus Hochschule keinerlei Landesmittel. Die Hochschule verzichtet außerdem auf weitere Einnahmen, über die sich andere nicht-staatliche Hochschulen finanzieren: Unternehmen und Privatpersonen mit wirtschaftlichen Interessen sollen das Studium zwar fördern können, aber nur, wenn sie keinerlei Erwartungen daran knüpfen. Um Forschung und Lehre selbstbestimmt zu gestalten und offen zu thematisieren, was Geld-, Entscheidungs- und Machtfragen mit Bildung zu tun haben, braucht sie Freiheit. Dafür hat sie eine besondere Rechtsform gewählt: eine gemeinnützige Treuhandstiftung, deren wirtschaftliche und rechtliche Belange die Cusanus Treuhand gGmbH als echter Treuhänder vertritt, der selbst keine eigenen Interessen verfolgt.

Um die Studierenden zu entlasten, hat die Studierenden­gemeinschaft ein eigenes System entwickelt hat, Stipendien einzuwerben und zu vergeben. In einer Kultur des Schenkens und Beschenktwerdens soll jede*r studieren können, egal, wie viel Geld er aufbringen kann. Die spendenfinanzierten Stipendien werden solidarisch rein nach Bedürftigkeit verteilt. Doch natürlich braucht es Zeit und Kraft, Gelder neben dem Studium einzuwerben.

Bildung demokratisch schenken!

Deshalb entsteht gerade eine neue Hoffnungstat: Die Cusanus Hochschule will die bundesweit erste direkt bürgerfinanzierte Hochschule werden. Unter dem Motto „1000×1000 – gemeinsam Bildung bewegen“ sollen Bürger*innen, Unternehmen und Stiftungen gemeinsam den jährlichen Grundhaushalt der Hochschule finanzieren – aus der Mitte der Gesellschaft heraus, mit tausend Beiträgen à tausend Euro pro Jahr!

Wer verstanden hat, wie die Denkform Geld alle gesellschaftlichen Institutionen durchdringt, weiß, dass Bildung nur frei bleibt, wenn Gelder demokratisch und gemeinschaftlich fließen. Kommt das Geld aus vielen Quellen zusammen, kann kein einzige/r Geber*in die Richtung bestimmen und die Bildungsanliegen verbleiben bei denen, die sie auch leben. Ein*e Spender*in kann im Rahmen der Bürgerfinanzierung seinen/ihren Beitrag guten Gewissens nach einer Zeit einstellen, wenn er/sie dies wünscht – weil es noch eine breite tragende Basis gibt! Und kein*e Studierende*r muss sich mit einem fremdmotivierten Projekt profilieren, nur weil er/sie glaubt, dass es finanziert wird, sondern kann sich damit auseinandersetzen, was ihn oder sie wirklich interessiert.

Wenn der Fokus auf das Geld verschwindet, werden andere Reichtümer sichtbar: Wissen und Beziehungsvielfalt. Die Schenker*innen werden Gesprächspartner*innen und Mitdenker*innen – und bilden sich damit gleich mit. Die Förder*innen kommen, wenn sie wollen, zu Veranstaltungen und bleiben mittels regelmäßiger Berichte auf dem Laufenden. Die Gemeinschaft der Cusanus Bildungsspender, Bildungspartner und Bildungsbotschafter „bildet“ im besten Sinne das Fundament der Hochschule und fördert damit eine aktive Bürgergesellschaft, die in diesen Krisenzeiten ihre Belange selbst in die Hand nimmt.
Die Hoffnungstäterin Cusanus Hochschule opfert so nicht ihr Selbstverständnis der speziellen Denk- und Handlungsform Geld. Stattdessen geht sie kreative Wege – mit ihr und ohne sie.

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