Hungrige Elite

Eliten Bildung aber arm und hungrig – keine Seltenheit in den USA. Foto: Unsplash/ Pexels

Es ist diese von Cafés, Fast Food-Restaurants und Souvenirgeschäften gesäumte Straße, die wie eine unsichtbare Trennlinie durch Anthonys Leben verläuft. Um sie zu überqueren, benötigt er nur wenige Schritte. Und doch reichen diese, um aus Anthony, dem zielstrebigen Elite-Studenten, einen Bedürftigen zu machen. Unsere Autorin Susanne Czaja berichtet über arme Studierende an teuren US Elite-Universitäten.

Es gibt Gebäude, denen merkt man an, dass sie lieber nicht gesehen werden möchten. Das braune, flachdachige Haus im Bancroft Way Nr. 2400 ist ein solches Gebäude. Mit all dem Efeu an der Fassade erweckt es den Anschein, als versuche die Natur den einst genommenen Raum wieder zurückzuerobern. Dezent verweist das weiße Schild am Eingang mit blauen Lettern auf die Berkeley Food Pantry, der Essensausgabe für bedürftige Angehörige der University of California, Berkeley. An diesem spätsommerlichen Mittwochnachmittag ist von einer Pantry, einer Speisekammer, allerdings nicht mehr viel zu erkennen. „Am Freitag kommt wieder Nachschub“ erklärt Carolyn zwei Studentinnen entschuldigend und deutet auf die leeren silbernen Regale des wohnzimmergroßen Raums. Lediglich Bohnendosen und überdimensionierte Gläser voll mit Erdnussbutter sind verstreut zu sehen.

Carolyn, schulterlanges schwarzes Haar, freundliches Gesicht, modische Hornbrille, ist neben ihrem Studium ehrenamtlich in der Berkeley Food Pantry tätig. Sie betreut vor allem die Essensausgabe. Da nur Studierende und Angehörige der Universität berechtigt sind Essen mitzunehmen, kontrolliert sie Ausweise und trägt ein, wer wann wie viel mitgenommen hat. Erlaubt sind fünf Teile, zweimal pro Monat. Wer Angehörige mitversorgen muss, darf etwas mehr mitnehmen. „Zu uns kommt eine große Bandbreite an unterschiedlichen Studierenden“, erklärt Carolyn. Neben transfer students, jene Studierende die vom günstigeren, zweijährigen Community College zur Universität in Berkeley wechseln, stellen Studierende mit Kind und so genannte first generation college students, also Erstakademiker_innen, die größten Gruppen dar. Die Nachfrage sei in den letzten Jahren zunehmend gestiegen, stellt Carolyn fest und deutet dabei mit dem Kopf wieder auf die leeren Regale.

Armut im Reichtum versteckt sich

Auch Anthony ist regelmäßig hier. Mit seinem ordentlich zum Seitenscheitel gekämmten schwarzen Haar, der in Gold gefassten Brille und seinem knitterfreien, in die Hose eingesteckten weißen Hemd, darüber eine dunkle Schultertasche geworfen, sieht er aus als er wäre einem Werbeprospekt für Elite-Universitäten entsprungen. Dass Anthony auf Lebensmittelspenden angewiesen ist, merkt man ihm nicht an. Trotzdem wirkt er anders als die sportlich gekleideten Studierenden mit ihren blau-gelben Kapuzenpullis im Corporate Design der Universität, denen man täglich auf dem Campus begegnet.

Dabei ist Anthony, der 20-jährige Student der Rechts- und Politikwissenschaft, einer von ihnen. Mehr noch: als einer von zwanzig gewählten Senatoren vertritt er seine Kommilitonen in der Studierendenvertretung. „Eine sehr begehrte Position“, wie Anthony stolz erklärt. Denn als Senator kann man sich nicht nur für politische Positionen starkmachen, sondern gilt auch als Repräsentant der University of California, Berkeley. Eine Einrichtung, die den Ruf als beste und progressivste staatliche Universität der USA genießt. Und die ihren Erfolg durch eigens für Nobelpreisträger_innen reservierte Parkplätze gerne subtil zur Schau stellt. Die Zeit, die Anthony neben seinem Vollzeitstudium und den zwei Jobs bleibt, verbringt er daher gerne in dem sandsteinfarbenden Neubau, auf der anderen Seite des Bancroft Way, wo die ASUC, die Associated Students University of California, ihren Sitz hat.

Anthony repräsentiert nicht nur die Studierendenschaft der Universität in Berkeley, sondern auch eine Minderheit. Lediglich 17 Prozent first generation college students studieren hier. Eine Zahl, die prominent auf der Seite der Universität beworben wird, obwohl sie weit unter dem US-Durchschnitt liegt. Etwa 60 Prozent der Erstakademiker_innen in Berkeley kommt überdies aus Haushalten mit einem geringen Einkommen. Das US-amerikanische Pell Institute spricht in diesem Fall von einer doppelten Benachteiligung, einer finanziellen und einer akademischen, die in den USA etwa 4,3 Millionen Studierende betrifft. Anthony ist einer von ihnen.

Die harte Realität des amerikanischen Traums

Anthonys Mutter, eine fürsorgliche Frau lateinamerikanischer Herkunft, alleinerziehend mit drei Kindern, gehört zu den so genannten working poor. Menschen, deren Einkommen nicht oder gerade so ausreicht, um die Lebenshaltungskosten zu decken. Dabei arbeitet Anthonys Mutter regelmäßig mehr als 40 Stunden pro Woche, manchmal schiebt sie der Frühschicht noch erschöpft eine Nachtschicht hinterher. Trotzdem gehören Hunger und die Sorge, die Miete nicht rechtzeitig begleichen zu können, zum Alltag der Familie. Anthony weiß wie es sich anfühlt, plötzlich kein Zuhause mehr zu haben oder sich mit knurrendem Magen auf die Schulaufgaben konzentrieren zu müssen. Regelmäßig beschwört Anthonys Mutter ihn und seine jüngeren Brüder sich in der Schule bloß anzustrengen. Sie sollen es einmal besser haben. Den amerikanischen Traum in die Tat umsetzen.

Als ihr Sohn in Berkeley aufgenommen wird, freut sich Anthonys Mutter sehr darüber. Nicht wegen des Renommees der Hochschule. Denn davon weiß sie zu dem Zeitpunkt noch nichts. Sondern weil ihrem Sohn durch ein Studium nun eine reelle Chance geboten wird, sozial aufzusteigen. Auch Anthony ist glücklich. Neben dem begehrten Studienplatz erhält er auch die Zusage für diverse kleinere Stipendien und Unterstützung durch den Pell Grant, einer staatlichen Ausbildungsförderung für bedürftige Studierende. Endlich, denkt Anthony, geht es aufwärts. Raus aus der ärmlichen Kleinstadt im ländlichen Norden Kaliforniens. Raus aus der Spirale von Wohnungsunsicherheit und Hunger.

Doch schnell muss er feststellen, dass der staatliche Pell Grant und die kleineren, zeitlich befristeten Stipendien nicht ausreichen, um die hohen Lebensunterhaltskosten in Berkeley zu decken. Vielen Erstakademiker_innen geht es ähnlich. Obwohl das Federal Pell Grant Program mit dem Ziel eingerichtet wurde, Menschen aus einkommensschwachen Familien bei der Aufnahme eines Studiums zu unterstützen, deckt selbst die maximale Fördersumme gerade einmal 30 Prozent jener Kosten, die im Rahmen eines vierjährigen Universitätsstudiums anfallen. Dass sich die Studiengebühren in den letzten drei Jahrzehnten mehr als verdoppelt haben, erschwert die Finanzierung zusätzlich.

Wie viele Studierende aus so genannten lowincome families, geht Anthony daher neben seinem Vollzeitstudium arbeiten. Während seine Kommiliton_innen in der alt-ehrwürdigen Bibliothek lernen, betreut er psychisch erkrankte und drogenabhängige Obdachlose sowie Studierende auf dem Campus. 15 Stunden pro Woche.

Hungrig im Seminar? Keine Seltenheit

Für drei Mahlzeiten am Tag reicht das Einkommen trotzdem nicht aus. Regelmäßig verzichtet Anthony deswegen auf Essen – und ist damit kein Einzelfall. Laut einer US-weiten Studie hungert jede_r fünfte Studierende, weil das Geld nicht ausreicht.

Studierende wie Anthony sind dankbar über die Unterstützung, die ihnen die Food Pantry, auf der anderen Seite des Bancroft Way, bietet. Zugleich weiß er, dass Hunger und Lebensmittelspenden nicht zum Alltag der meisten seiner Kommilitonen gehören. Ihre Lebensrealität sieht anders aus.

Ob in Seminaren, auf Flugblättern oder bei abendlichen Kneipengesprächen: an der politisch liberalen Universität Berkeley sind die Themen Macht und Unterdrückung ständig präsent. Doch statt jene benachteiligten Studierenden, deren Quote man auf der Webseite so stolz ausweist, stärker zu unterstützen, investiert die Hochschule lieber in Prestigeobjekte, wie etwa die Villa des Kanzlers. Dieser ließ sich im vergangenen Jahr einen imposanten Zaun um das Grundstück ziehen und das Einfahrtstor mit goldenen Bären, dem Maskottchen der Universität, verzieren. Ganze 700,000 Dollar wurden alleine hierfür ausgegeben.

Für Anthony, den engagierten Senator, ist diese Bigotterie nur schwer zu ertragen. Er wird nicht müde bezahlbaren Wohnraum und subventioniertes Mensa-Essen für einkommensschwache Studierende zu fordern. Und eine Hochschulleitung, die auch die Bedürfnisse dieser Studierendengruppe in den Blick nimmt. Diese wird demnächst neu besetzt. Knapp 500 Personen haben sich auf die begehrte Position als Kanzler_in der University of California, Berkeley beworben. „Jemand, der selbst first generation college student ist, das wäre mein Wunsch“, erklärt Anthony. Und fügt mit einem resignierten Lächeln hinzu: „Doch das ist äußerst unwahrscheinlich“.

Bis zum Ende seines Studiums wird Anthony den Bancroft Way noch vielfach überqueren müssen. Ob ihm der sehnlich erhoffte Bildungsaufstieg gelingt, wird sich allerdings zeigen. Die Statistik spricht gegen ihn: gerade einmal 11 Prozent der first generation students aus einkommensschwachen Familien verlässt die Hochschule nach sechs Jahren mit einem Bachelorabschluss in der Tasche. Für viele platzt der Traum vom Hochschulabschluss. Doch es wäre nicht das erste Mal, wenn Anthony jeder Statistik trotzt.