Der Trump Effekt 2

Trumps Kandidatur und Wahlsieg hat eine Spaltung der US-amerikanischen Bevölkerung ausgelöst. Der neue Präsident hat nicht nur eine Einreisebeschränkung für Muslime erlassen, sondern denkt auch darüber nach, in großem Umfang Mexikaner_innen auszuweisen, die keinen legalen Aufenthaltsstatus vorweisen können. Wie sich diese politische Linie auf das Miteinander an den Schulen auswirkt, zeigt Anne Köster in diesem zweiteiligen Beitrag. 

Die Bundeszentrale für politische Bildung definiert Radikalisierung als einen Prozess, in dem Individuen oder soziale Gruppen sich auf drastische Art und Weise gegen die geltenden gesellschaftlichen Normen und Strukturen positionieren und den Aufbau eines anderen politischen Systems befürworten. Im Abgleich der Umfragedaten mit dieser Definition ist die drastische Verhaltensänderung der weißen Schüler_innen gegenüber ihren nicht-weißen Mitschüler_innen als Radikalisierung einzustufen. Ihre zunehmend diskriminierende, gewaltvolle und segregierende Umgangsweise und das dadurch beeinträchtigte Schulklima lässt sich direkt auf Trump zurückführen und dient als Indikator dafür, dass, neben den weißen Kindern und Jugendlichen, vor allem ihre Eltern und ihr weiteres soziales Umfeld seine neue politische Agenda und den von ihm vielfach in seiner Wahlkampagne geforderten Systemwechsel befürworten.

Gründe für die Radikalisierung

Aber wie lässt sich diese veränderte Einstellung der weißen Schülerschaft gegenüber ihren nicht weißen Mitschüler_innen erklären?

Der sogenannte Trump-Effekt – die Radikalisierung der weißen US-Amerikaner_innen während Trumps Aufstieg und die Auswirkungen auf das Schulklima – lässt sich damit erklären, dass die weißen Schüler_innen die radikalisierten Einstellungen und Verhaltensweisen verinnerlichten und reproduzierten, die sie in ihrem medialen und sozialen Umfeld, insbesondere aber in ihren Familien, während des Wahlkampfes wahrgenommen haben. Die Erklärung, warum sich die weiße Schülerschaft radikalisierte, ergibt sich folglich aus der Analyse der Motive ihrer Eltern, Trump und seine radikalen Diskurse zu befürworten.

Die folgenden fünf Erklärungsansätze legen dar, warum vor allem weiße Wähler_innen aus der Mittelschicht in ländlichen oder kleinstädtischen Kontexten mit niedrigem Bildungsniveau für ihn stimmten.

  1. Das Ungerechtigkeitsgefühl, basierend auf der Annahme, dass den Immigrant_innen etwas zugutekommt, was Ihnen selbst vergönnt war, verstärkte ihre fremdenfeindliche Grundhaltung gegenüber ihren zugewanderten Mitmenschen.
  2. Sie entwickelten falsche Grundannahmen gegenüber nicht-weißen Menschen, was zu Angst vor dem Unbekannten und einer höheren Empfänglichkeit für und Reproduktion von populistischen Diskursen führte.
  3. Um sich selbst in Zeiten der wirtschaftlichen Unsicherheit abzusichern, sympathisierten sie mit Trumps Versprechen, Amerika wieder groß zu machen und ihre üblichen weißen Privilegien und gesicherten Machtpositionen zurückzuerlangen.
  4. Nach acht Jahren minderheitenfreundlicher Politik von Obama bekamen sie Angst, dass ihre weiße Wertebasis mit einer demokratischen Präsidentin weiter verwässert oder sogar verloren geht, weshalb sie Trump – die Verkörperung der weißen Überlegenheit – unterstützten.
  5. Sie nutzen die Zugewanderten als Sündenböcke für ihre persönlichen finanziellen Probleme, anstatt sie als ein Resultat der nationalen und globalen wirtschaftlichen Entwicklung zu sehen und wählten Trump, weil sie glaubten, dass seine restriktive Migrationspolitik zu einer Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Lage beitragen wird.

Fünf Strategien für eine Entradikalisierung 

Um einer weiteren Radikalisierung der weißen US-amerikanischen Schüler_innen vorzubeugen, schlägt das Southern Poverty Law Center fünf mögliche Maßnahmen vor, die vom Schulpersonal umgesetzt werden können.

  1. Eine klare Stellung beziehen: Die Werte der Schule, sowie die Erwartungen und Visionen in Bezug auf Inklusion und den respektvollen Umgang miteinander sollten in der gesamten Schulgemeinschaft kommuniziert werden, z.B. mithilfe von Statements auf der Internetseite der Schule, Elternbriefen, Rundmails, Ansprachen der Lehrkräfte im Unterricht und Aushängen in der Schule.
  2. Die Betroffenen unterstützen: Es sollte vonseiten der Schulleitung sichergestellt werden, dass das Lehrpersonal darauf vorbereitet ist, mit den Ängsten, der Niedergeschlagenheit und den Traumata der von Mobbing und Exklusion betroffenen Schüler_innen professionell umzugehen. Die Schulgemeinschaft sollte darüber informiert werden, dass in der Schule Strategien und die nötigen Ressourcen zu ihrer Umsetzung vorhanden sind, um den besonderen Bedürfnissen der Schülerschaft infolge des Trump-Effekts gerecht zu werden.
  3. Maßnahmen gegen Mobbing intensivieren: Die gesamte Schulgemeinsacht sollte in besonderer Alarmbereitschaft sein und in Situationen, in denen sie Mobbing, Belästigungen und die Reproduktion von Stereotypen bemerken, die Involvierten an die verschriftlichten Schulregeln zum respektvollen Umgang miteinander erinnern.
  4. Alle zum Handeln animieren: Die Schulleitung sollte ganz klar kommunizieren, dass sie vom Lehrpersonal und den Schüler_innen erwartet, zu handeln, sobald sie eine alarmierende Situation beobachten oder miterleben. Dazu zählen beispielsweise Maßnahmen wie jemanden zu unterbrechen, der/die etwas stereotypisierendes sagt und ihm/ihr in einem ruhigen Ton Fragen stellen, die er/sie zum Nachdenken anregt oder falsche Informationen korrigieren. Außerdem sollten sie andere in ihren Schlichtungsbemühungen unterstützen.
  5. Sich auf die Krise vorbereiten: Die gesamte Schulgemeinschaft sollte lernen, wie sie mit krisenhaften Situationen, also verbaler und physischer Gewalt, umgehen können, um die Sicherheit und das friedvolle Zusammenleben aller zu gewährleisten.

Es bleibt: die Hoffnung

In diesem Beitrag wurden die Formen und tieferliegenden Ursachen für die Radikalisierung der weißen US-amerikanischen Schülerschaft während Trumps Aufstieg analysiert und veranschaulicht, sowie Strategien genannt, dieser Tendenz in den Schulen entgegen zu wirken. Dieser Radikalisierungsprozess der weißen Schüler_innen findet ihren Ursprung in der Annahme und Reproduktion der Einstellungen ihrer Eltern, die Trump unterstützen, weil sie ein Interesse daran haben, ihre weißen Privilegien zurück zu erhalten.

Es bleibt zu hoffen, dass die radikalisierten Einstellungen und Äußerungen vonseiten der weißen Schülerschaft genauso schnell wieder verschwinden, wie es mit der Islamophobie in den Schulen nach den Terroranschlägen vom 09.11.2001 der Fall war. Das Pew Research Center gibt an, dass das FBI 93 Gewalttaten infolge des Anschlages in Jahr 2001 registriert hat. Im nächsten Jahr sanken sie auf 34 Fälle.

Jedoch ist es jetzt wichtig, dass sich die Schulen – und insbesondere ihr Führungspersonal und die Lehrkräfte – darauf vorbereiten, die aufgrund des Trump-Effekts entstehenden Konfliktsituationen gewaltfrei zu lösen und den Bedürfnissen der Betroffenen gerecht zu werden.