„Es geht uns Zukunft verloren“ – Interview mit Gesine Schwan (2)

Und unsere Zukunft? Foto: Dushan Hanushka/Flickr

Eine immer komplexere Welt kann nicht spurlos am Bildungswesen vorbei gehen. Ein Gespräch unseres Autors Felix Peter mit Gesine Schwan über die Bedeutung von Bildung heute für unser Leben morgen. Teil 2. 

Sie hatten Chancengleichheit als Aspekt von Gerechtigkeit schon angesprochen. Wenn wir uns mal das aktuelle ökonomische System mit seinem rücksichtslosen Wettbewerb und starken sozialen Ungleichheiten anschauen: Inwiefern kann das aktuelle Bildungssystem das Aufstiegsversprechen der Politik überhaupt leisten?

Schwan: Dass es das faktisch nicht tut, ist ja Erkenntnis inzwischen, und zwar ganz besonders in Deutschland. Wenn wir uns mal vergleichen mit Skandinavien, dann gibt es sicher einen fundamentalen Unterschied: In Skandinavien gibt es im Allgemeinen die Grundannahme in der Bevölkerung, dass die Menschen gleich sind im Sinne eines gleichen Rechts auf Freiheit. Gleichzeitig wird aber auch akzeptiert, dass sie sehr verschieden sind und Bildung demzufolge individualisiert werden muss. Das hat man mittlerweile in Deutschland auch verstanden. Aber wenn man das wirklich umsetzen will, dann braucht man schon rein quantitativ ein sehr viel besseres Verhältnis von Lehrenden bzw. Unterstützenden und Lernenden. Und das kostet Geld. Was hier in Deutschland passiert, ist vielfach eine Individualisierung, die keine ist. Individualisierung bedeutet Eingehen auf die verschiedenen Eigenheiten und Besonderheiten, auf Geschick und Fähigkeiten. Das alles würde einen Schlüssel bedeuten, den die Deutschen überhaupt nicht finanzieren wollen. Das Prinzip der Individualisierung ist wichtig und richtig, wird bei uns aber vielfach nur oberflächlich praktiziert. Und damit wird auch die Chancengleichheit stark unterminiert.

Es kommt hinzu, dass nach wie vor Wettbewerb sehr stark als Motivationsmotor und Kriterium für Qualität eine Rolle im Bildungssystem spielt. Also die jungen Leute sollen ganz schnell die Besten werden wollen und lernen, dass sich Qualität daran bemisst, ob sie irgendwo die Besten waren. Davon haben sehr viele Nachteile und das führt zu Chancenungleichheit. Wettbewerb ist für normale Lernprozesse gar nicht sinnvoll. Wir wissen inzwischen, dass sich die Arbeitgeber*innen immer weniger für die Noten interessieren, da sie wissen, dass die besten Arbeitskräfte für sie jene sind, die eine eigene Motivation mitbringen und mit Verlässlichkeit und Fantasie Aufgaben übernehmen. Das lernt man aber nicht, indem man Wettbewerbsanforderungen möglichst gut erfüllt. Vielmehr schwächt Wettbewerb das Selbstwertgefühl, weil die meisten im Wettbewerb schlichtweg verlieren. Dieses Selbstwertgefühl ist aber wiederum Voraussetzung für konstruktives Lernen.

Kurzum: Dass das Wettbewerbsprinzip in der Bildung historisch, kulturell und auch gendermäßig stark verankert ist (Männer wollen immer eher Wettbewerb als Frauen), ist sehr destruktiv, nicht zuletzt auch für die Chancengleichheit der Menschen.

Zumal sich in Deutschland ja beobachten lässt, dass die Kluft zwischen Menschen, die in relativer Armut leben, und solchen, denen es finanziell sehr gut geht, nicht kleiner geworden ist, es dem Bildungssystem also nicht gelungen ist, dem etwas entgegenzusetzen…

Schwan: Nein, im Gegenteil. Es ist ja schlechter geworden. Wenn du auf der einen Seite aus Bildungsmilieus kommst, wo die Eltern hinter dir stehen und dir helfen und auf der anderen Seite aus einem Milieu, wo die Eltern nicht in der Lage sind dich zu unterstützen, dann ist es doch klar, dass hier ganz unterschiedliche Voraussetzungen für Lernen vorliegen.

Inklusion zu Ende denken

Das heißt, Inklusion darf sich nicht mehr nur auf jene beziehen, die in irgendeiner Weise eine körperliche oder seelische Behinderung haben, sondern sie muss auch junge Menschen mit einbeziehen, denen aufgrund von sozialer Benachteiligung gesellschaftliche Teilhabe verwehrt wird oder zumindest erschwert ist?

Schwan: Ganz richtig. Und wenn man den Begriff der Inklusion zu Ende denkt, dann geht es tatsächlich um soziale, um psychologische Probleme. Inklusion heißt eben auch, dass zur Entwicklung eines Menschen viele Dimensionen gehören. Ich habe mal viele Jahre nach dem Abitur eine Mitschülerin getroffen, die sich noch daran erinnern konnte, dass sie damals nachträglich in unsere Klasse gekommen ist, und dass ich sie damals bei der Hand genommen und in unseren Kreis von Kindern mitgenommen habe. Das hatte mir meine Mutter so beigebracht und das war für sie eine große Hilfe, da sie so von Anfang an nicht am Rand stand. Und solche Dinge sind für das Gelingen von Inklusion ganz entscheidend.

Zusammengefasst sollte also die Forderung an Bildungspolitik sein, dass Lehrkräfte künftig nicht mehr nur Fachlehrkräfte sind, sondern vor allem Förderlehrkräfte.

Schwan: Ja, sie müssen gute Kenntnisse in Psychologie und Soziologie haben, denn sie müssen wissen was der jeweilige soziale Lebenskontext bedeutet. Das lernt man nicht mal nebenbei in ein, zwei Kursen. Sie brauchen auch Hilfe von Sozialarbeiter*innen, denn alleine können Lehrkräfte heute die Herausforderungen in der Schule nicht mehr bewältigen. Wir brauchen hier unterschiedliche Professionen in der Schule und einen besseren Einblick in die Zusammenhänge.

Ein Beispiel: Ein Schüler, den ich kenne, hat immer wieder erhebliche Probleme gehabt mit dem Lesen und auch damit, Diktate zu schreiben. Er hat versucht mitzuschreiben, hat dann gestockt und ist unter den Tisch gekrochen und hat geweint. Die Lehrkräfte waren völlig hilflos und wussten nicht mehr weiter. Da hat eine Sozialarbeiterin der Mutter empfohlen, den Jungen auf bestimmte Funktionsweisen des Gehirns hin überprüfen zu lassen. Und es stellte sich heraus, dass bestimmte Verbindungen zwischen Handmotorik und Gehirn verlangsamt waren. Er bekam es zwar wunderbar und ganz sorgfältig hin, aber eben langsamer. Das heißt, wenn er fertig war, waren die anderen immer schon weiter. Er wollte es also richtig machen, war aber total hilflos, weil er immer merken musste, dass er es nicht schafft. Wenn man so etwas weiß, dann kann man ganz anders damit umgehen und versucht nicht einfach nur, ihn zu trimmen. Das hat eine unheimliche Entlastung gebracht, bis in die Familie.

Das ist ein Beispiel für (a) eine zunehmende Individualisierung in der Schule, und (b) dass man zusätzliche Hilfe braucht in dieser komplexen Welt. Es geht ja nicht nur darum, dass die Kinder auf eine komplexe Welt vorbereitet werden, sondern sie kommen ja schon in eine komplexe Welt. Und sie müssen mit der ja irgendwie umgehen können. Und die Eltern müssen damit umgehen können und stehen unter Druck. Dies alles in Ruhe zu sehen, die Zusammenhänge zu erkennen und zu verstehen, ist aus meiner Sicht Grundkurs für jede Lehrkraft. So lässt sich auch Stigmatisierung vermeiden im Sinne von „der ist ja nur faul“, was aber vielfach aus Hilflosigkeit geschieht, weil man keine andere Erklärung hat.

Orientierung auf kurzfristige Effekte gefährdet Zukunft

Abschließend noch eine Frage zur Hochschulbildung: Wir haben bundesweit einen enormen Kürzungsdruck im Bildungssektor, auch an den Hochschulen. Wissenschaft, Forschung und Lehre werden immer stärker auf Anwendungs- und Wirtschaftsbezug geeicht. Was geht uns hier verloren, auch vor dem Hintergrund, dass wir heute noch gar nicht wissen, was wir morgen brauchen?

Schwan: In einem Satz gesagt: Es geht uns Zukunft verloren! Für diese Zukunft brauchen wir viele Menschen, die eigenständig und kreativ und mit Umwegen denken. Die nicht einfach nur das akzeptieren, was sie vorgesetzt bekommen, sondern überlegen, ob es nicht auch ganz anders sein kann. Und diese Vielfalt ist entscheidend für Zukunft. Diese ganz kurzfristig gedachte Anwendungs- und Umsetzungsfähigkeit für die Wirtschaft kappt all diese Fähigkeiten, die wir Menschen brauchen.

Das betrifft nicht nur technische oder wirtschaftliche Innovationen, sondern auch soziale. Ganz viele Probleme, vor denen wir stehen, bspw. das Thema Geflüchtete, betreffen Fragen des menschlichen Zusammenlebens. Wenn es zum Beispiel gelänge, in Afrika zu einer besseren Governance zu kommen – und das ist nicht nur eine Frage des Geldes, sondern auch eine Frage des sozialen Umgangs miteinander und des Trainierens, wie man mit Konflikten umgeht –, wäre das ein wichtiger Beitrag. Alle diese Zukunftsherausforderungen werden durch eine stromlinienförmige Indienststellung der Bildung für kurzfristige, sich aus dem Markt ergebende, ökonomische Interessen völlig unterminiert. Das ist ganz kurzsichtig.

Wissenschaft soll durchaus auch für die Wirtschaft da sein, damit habe ich kein Problem. Aber der Markt hat keinen weiten Überblick. Man muss also selbst schauen: Wie könnte sich ein Markt entwickeln und wie wollen wir vielleicht auch einen Markt entwickeln. Die Entscheidung für die Erneuerbaren Energien ist ja zum Beispiel ein politischer Akt gewesen, vorbereitet durch sehr viele gesellschaftliche Prozesse.

Solche langfristigen Entwicklungsfähigkeiten würden wir uns durch den derzeitigen Blick auf die kurzfristigen Effekte kaputt machen. Das ist leider eine negative Wirkung des aktuellen Politikverständnisses: Politische Entscheidungsträger*innen meinen fast immer, dass sie gegenüber der Bevölkerung schnelle Erfolge belegen müssen, die mit öffentlichen Geldern erzielt werden. Es muss also am besten gleich übermorgen die nächste technische Innovation auf dem Markt sein, sonst wurde das Geld verschwendet.

Mein Eindruck ist überhaupt, dass noch während meiner Studentinnen- und frühen Professorinnenzeit sehr grundsätzlich über Bildung nachgedacht wurde. Hingegen hat sich in den letzten 30 Jahren die Auseinandersetzung mit der Frage, was grundsätzlich Bildung eigentlich ist und soll, wie sie zusammenhängt mit unseren Vorstellungen von unserem menschlichen Zusammenleben, zugunsten einer wirklich kruden Ökonomisierung der Beurteilungskriterien und der Ergebnisse reduziert. Aber das wird sich rächen. Das kann auf die Dauer so nicht weitergehen.

 

Gesine Schwan ist Politikwissenschaftlerin und war von 1999 bis 2008 Präsidentin der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder). Seit 2014 ist sie Präsidentin der von ihr mitgegründeten HUMBOLDT-VIADRINA Governance Platform in Berlin. Sie ist u.a. Schirmherrin der Stiftung Bildung. 

 

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