„Es geht uns Zukunft verloren“ – Interview mit Gesine Schwan (1)

Und unsere Zukunft? Foto: Dushan Hanushka/Flickr

Eine immer komplexere Welt kann nicht spurlos am Bildungswesen vorbei gehen. Ein Gespräch unseres Autors Felix Peter mit Gesine Schwan über die Bedeutung von Bildung heute für unser Leben morgen. Teil 1. 

Die Welt wird immer unüberschaubarer. Dazu trägt auch das Internet mit seinem schier unerschöpflichen und stetig expandierenden Reservoir an Informationen bei. Was bedeutet dies für die künftige Gestaltung von Bildungsprozessen?

Schwan: Grundlage ist zunächst eine Wertorientierung und diese Wertorientierung heißt, dass Menschen dann am ehesten ein gelungenes Leben führen können, wenn sie die gleiche – reale! – Chance haben auf Freiheit und darauf ihr Leben gestalten zu können. Und wenn sie dies auch in einer politischen Kultur der Gerechtigkeit und der Solidarität tun. Das ist meine normative Vorgabe.

Und wenn eine Welt unübersichtlich ist – in gewisser Weise war sie das ja immer, aber mal angenommen sie wird noch unübersichtlicher –, kommt es bei der Bildung der Individuen darauf an, sie zu befähigen, ihre Persönlichkeit so auszubilden, dass sie sich von sich aus in dieser Welt zurecht finden. Man kann ihnen nicht mehr einfach nur einen Weg weisen oder einen festen Kanon vorgeben. Die Menschen brauchen (a) eine intellektuelle, kognitive Eigenständigkeit, die Fähigkeit zur Selbstreflexion und Selbstdistanzierung, sich klar machen können, was man will, wo Partner*innen sind und wo Probleme liegen.

Mindestens ebenso wichtig ist (b) die psychische Stärke, das alles auch zu schaffen, also Selbstwertgefühl zu entwickeln und sich auf sich selbst verlassen zu können, Selbstvertrauen auszubilden und damit auch Vertrauen in andere haben zu können, mit denen man in dieser Unübersichtlichkeit kooperiert, weil man es oft alleine nicht mehr schafft. Weitere Punkte sind (c) die Beharrlichkeit, auch gegen Widerstände den eigenen Weg zu verfolgen und (e) die Flexibilität sich mit anderen zusammenzutun, eine Linie zu finden zwischen Grundorientierung und Kompromissbereitschaft.

Bildung soll demzufolge weniger die Vermittlung von Informationen, Fakten etc. in den Mittelpunkt stellen, sondern sie soll vor allem zur Emanzipation verhelfen?

Schwan: Ganz sicher ist Faktenwissen nicht das, was Bildung allein ausmacht. Fakten kann man ja ganz gut googlen. Die Einordnung der Fakten ist das Wichtige. Du kannst etwas über das Bruttosozialprodukt von Griechenland oder Portugal lesen und du kannst trotzdem nicht verstehen, weil du nicht weißt, wie du es einordnen sollst. Die Einordnungsfähigkeit und die Urteilsfähigkeit sind das, was zählt. Das heißt aber nicht, dass Fakten nicht wichtig wären weil man ja nicht einfach aus dem blauen Dunst heraus urteilen kann.

Nur ein Lehrbuch zu lesen reicht nicht

Was bedeuten Wissensexpansion und die zunehmende Unübersichtlichkeit für die Schule? Sollen alle jungen Menschen künftig weiterhin je nach Bildungsgang dieselben Dinge lernen oder bedarf es hier einer stärkeren Differenzierung bzw. Spezialisierung? Wie stark darf Schule überhaupt bei der Wissensvermittlung differenzieren?

Schwan: Zunächst einmal heißt Wissen nicht Information oder Meinung. Wissen ist nur ein Wissen, wenn es selbst reflektiert ist und wenn man auch versteht, wie es zustande gekommen ist. Wenn man eine Information einfach nur aufnimmt, dann ist das erstmal kein Wissen. Wenn wir also generell auf Wissenserwerb aus sind, dann muss in der Schule von vornherein gelernt werden, wie Wissen denn zustande kommt und wie man es prüft. Es reicht also nicht, einfach nur ein Lehrbuch zu lesen und die Fakten darin stupide auswendig zu lernen, wie auch ich das zum Teil früher auf dem Gymnasium machen musste, sondern dass man selbst quasi in Projekten und richtiggehend physisch lernen muss, wie Wissen zustande kommt und was die Bedingungen dafür sind, ob es gültig ist oder nicht.

Die nächste Frage ist dann jene der Spezialisierung. Ich habe mich in meinem Leben auf sehr verschiedenen Sektoren betätigt. In manchen Sektoren habe ich ein Spezialwissen erworben und in anderen überhaupt nicht. Über das Spezialwissen hinausgehendes Wissen ist aber wichtig, damit ich das Spezialwissen einordnen kann. Ich kann es aber nicht in eine objektive Ordnung bringen, sondern nur in eine Ordnung, die ich mir selbst herausgebildet habe und begründen kann. Und dies gilt auch für das, was in der Schule geschieht.

Ich denke, es ist wichtig, dass Kinder von sich aus lernen, dass man in die Tiefe gehen muss und sich nicht nur mit der Oberfläche begnügen darf. Und das heißt eben auch Spezialisierung. Vielleicht ist es wichtig für Kinder zu lernen, dass je mehr man bei einem Punkt stärker in die Tiefe geht, desto mehr sieht man ab von anderen Punkten und Zusammenhängen. Schule muss hier also auch vermitteln, dass es wichtig ist, eine gewisse Balance zwischen Spezialwissen und der Einordnung dieses Wissens zu halten. Und dass diese Balance auch kein objektives Maß ist, sondern dass man immer wieder selbst ausbalancieren muss.

Und letztlich kommen wir da wieder an den Ausgangspunkt: Bildung kann nicht heißen, dass etwas eingetrichtert wird. Leider ist dies auch heute noch die Idee, die vielfach vorherrscht. Bildung ist ein eigenständiger Prozess derer, die wir bilden wollen. Schüler*innen müssen sich selbst bilden können mit der Unterstützung der Lehrkräfte. Dann kann man auch mit der Motivation der Schüler*innen rechnen. Unser Wissensbildungsprozess ist in vielen Fällen nach wie vor sehr fremdbestimmt und funktioniert dann nicht, weil die jungen Menschen nicht verstehen, wozu das Ganze gut sein soll, wo sie selbst zum Akteur werden sollen.

Wenn es um ganz konkrete Änderungen im Bildungswesen geht, wäre also beispielsweise die Abkehr von der strikten Fächertrennung…

Schwan: …richtig. Projektlernen ist eigentlich das richtige Lernen. Es macht die Interdisziplinarität, die Fachvielfalt der Welt deutlich. Wenn du zum Beispiel ein Theaterprojekt machst, dann musst du auch die Beleuchtung handhaben. Damit ist die Aufteilung der Welt in einzelne Fächer, die sich alle 45 Minuten ändern und wo Fachlehrkräfte den Stoff vermitteln, also das traditionelle Lernen, ein unangemessenes Lernen. Fachlehrkräfte hätten durchaus eine wichtige Funktion, wenn sie sich zusammentäten um interdisziplinäre Zusammenhänge deutlich zu machen.

Gesine Schwan ist Politikwissenschaftlerin und war von 1999 bis 2008 Präsidentin der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder). Seit 2014 ist sie Präsidentin der von ihr mitgegründeten HUMBOLDT-VIADRINA Governance Platform in Berlin. Sie ist u.a. Schirmherrin der Stiftung Bildung.