Lehrerin aus Leidenschaft

Lehrerin aus Leidenschaft? Foto: Bonjourden/Flickr

Wenn Lehrer_innen in der Zeitung stehen, dann meist wegen Burnout, Inkompetenz, Überforderung oder als Opfer tätlicher Angriffe. Selten gibt es positive Schlagzeilen über diesen wichtigen Beruf. Wir haben uns deshalb mit einer jungen Lehrerin unterhalten, die ihren Job liebt.

Vor einigen Jahren mischte der neuseeländische Bildungsforscher John Hattie die Wissenschaft auf, indem er eine großangelegte Metaanalyse tausender Untersuchungen veröffentlichte, in der er postulierte: Der wichtigste Faktor für schulischen Erfolg ist: der Lehrer. Wie viel Schüler*innen lernen, wird durch nichts so stark beeinflusst wie die Person, die vor der Klasse steht. Eine irgendwie banale und gleichzeitig verblüffende Erkenntnis.

Sollten wir also alle Diskussionen um Schulformen, Reformen, Bildungsetat, kleine und große Klassen, Gemeinschaftsschulen, offenen Unterricht und selbstständiges Lernen über Bord werfen? Sicher nicht, aber ebenso sicher ist es vielleicht Zeit, Lehrerinnen und Lehrern und ihrem Beruf mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Wenn Lehrer*innen in den Medien auftauchen, dann nur zu oft als Opfer von Burnout, frustrierte Idealist*innen, faule Beamte oder unfähige Pechvögel. Das erste Referendariatsjahr wird meist als 12-monatiges Elend am steten Rande des Nervenzusammenbruchs beschrieben. Lehrer*in – ein schwieriger Beruf, ein anstrengendes Dasein. Gleichzeitig gibt es ihn ja, den Lehrer aus Leidenschaft. Jemand, der seine Arbeit als Berufung versteht und ihr gerne gefolgt ist. Wir haben uns mit einer jungen Lehrerin unterhalten, die sich gut vorbereitet und mit Freude am Unterrichten in ihre Arbeit stürzt, um herauszufinden: Wie wird man eigentlich Lehrer*in aus Leidenschaft?

Lea1 ist noch jung, sowohl in Lebens- als auch in Berufsjahren. Trotzdem merkt man ihr an, dass sie sehr konkrete und pragmatische Vorstellungen davon hat, wie guter Unterricht aussieht und was sie von ihrem Beruf zu erwarten hat. Wir haben mit ihr darüber geredet, woran man eine gute Lehrkraft erkennt.

Eine gute Lehrkraft…

liebt ihre Fächer!

WBIUE: Sollte man als Lehrer Experte auf seinem Fachgebiet sein?

Lea: Ja. Ich glaube, so kommt besserer Unterricht zustande.

WBIUE: Ja? Die Kompetenzen, die du vermittelst, sind ja nicht auf Expertenniveau. Warum muss man als Lehrer trotzdem Experte sein?

Lea: Natürlich reden wir nicht von professoralem hochwissenschaftlichem Niveau. Ich kann mich natürlich immer nur auf die nächste Schulstunde vorbereiten und dann schmalspurig zwei Seiten voraus sein. Damit kann man unterrichten, klar. Ich glaube aber, guter Unterricht entsteht dann, wenn du noch viel breiter aufgestellt bist, sodass alles, was von den Schülerinnen und Schülern kommt, auch verarbeitet werden kann. Du kannst es für sie einordnen und Verbindungen ziehen, die sie vielleicht noch gar nicht sehen. Und dieses Big Picture hast du aber nur, wenn du einen gewissen Level darüber hast.

WBIUE: Wie wichtig ist die Fächerauswahl? Könnte ein guter Lehrer auch ein Fach unterrichten, dass er gar nicht so leidenschaftlich betreibt? Oder muss man leidenschaftlicher Mathematiker sein, um ein guter Mathelehrer zu sein?

Lea: Ich würde nicht sagen, dass man ein leidenschaftlicher Mathematiker sein muss, um gut Mathe unterrichten zu können. Aber: Man sollte eine gewisse Leidenschaft für Mathematik haben!

WBIUE: Und wie äußert sich diese Leidenschaft?

Lea: Da sind wir sozusagen beim Kern. Man muss verstehen, was der Kern des eigenen Faches ist. Ich mag z.B. eben den Kern der Mathematik, das sehr Abstrakte, Logische, ein bisschen knobelige, Beweisführende, solche Sachen finde ich total gut, und ich habe diesen Teil in meinem Studium auch geliebt. Deswegen unterrichte ich das auch gerne, das ist der Kern des Faches.

WBIUE: Das ist vielleicht bei Mathematikern besonders ausgeprägt. Ich hatte auch einen Mathelehrer, der stundenlang darüber reden konnte, wie schön die Mathematik ist. Du hast schon recht, dass man das merkt, wenn ein Lehrer das auch lebt.

Lea: In Politik ist es fast noch auffälliger. Ich lese z.B. einen Artikel in der ZEIT und finde den toll und denke, dass es meine Schüler*innen interessiert, ich kopiere den und bring ihn mit. Und die merken, dass mich das interessiert, auch unabhängig davon, wo wir gerade im Unterricht sind. Und sie finden das dann auch spannend, lesen den Artikel und wollen, dass wir über den Artikel reden. So begeistert man seine Schüler*innen für das eigene Fach.

arbeitet an sich!

WBIUE: Was muss in der Ausbildung auf jeden Fall passieren, damit gute Lehrer dabei herauskommen?

Lea: Als erstes müssen die Leute zu Selbstreflexion in der Lage sein in Bezug auf ihren eigenen Unterricht.

WBIUE: Damit sie später in der Lage sind, sich selber zu analysieren?

Lea: Ich glaube, die schlechtesten Lehrkräfte, egal ob sie gut starten oder nicht, sind

beratungsresistente. Weil dann auch der Kontakt zu Schülerinnen und Schülern nicht funktioniert. Und das ist das A und O. Ich glaube, du kannst relativ schlecht starten, mit wenigen Vorkenntnissen. Sobald du in der Lage bist, deinen Unterricht einigermaßen selbst zu reflektieren, und beratungsbereit bist, kann daraus total schnell sehr viel werden. Deswegen glaube ich auch nicht, dass die Uni selbst schon gute Lehrkräfte bauen kann. Jede Phase hat ihre eigene Funktion. Und viele machen auch erst den entscheidenden Entwicklungsschritt in der zweiten Phase, also im Referendariat. Und das ist auch völlig legitim, dafür ist das Referendariat da, damit man Dinge vielleicht erst in der Praxis lernt. Das kann Uni nicht, und darum geht es da ja auch gar nicht. Also, ich glaube, das sind die zwei wichtigsten Dinge: beratungsbereit zu sein und sich selbst analysieren zu können.

WBIUE: Gibt es irgendetwas, was alle guten Lehrer gemeinsam haben?

Lea: Kompetenz. In dem, was sie machen, sind sie einfach kompetent

WBIUE: Fachkompetent?

Lea: Nein, eher analytisch-didaktisch kompetent. Die müssen noch nicht einmal besonders aufregende didaktische Methoden anwenden, sondern das machen, von dem sie wissen, warum sie es machen. Dahinter steckt die Analyse der Funktionalität, die es haben soll. Auch zu verstehen: Hat es geklappt oder nicht? Und warum? Das sind, glaube ich, die guten Lehrer, weil sie den gleichen Fehler nicht noch einmal machen. Das macht sie eben auch immer besser.

WBIUE: Das geht zurück zu dem Punkt, den du vorhin gemacht hast, dass man als guter Lehrer sich immer selbst reflektieren muss.

Lea: Man muss halt auch bereit sein, den Fehler bei sich zu suchen. Das sind viele nicht, und dann sind sie auch keine guten Lehrer.

arbeitet gerne mit Kindern und Jugendlichen!

WBIUE: Es gibt natürlich viele Berufe, die Menschen zugewandt sind. Was macht dir am Lehrersein Spaß?

Lea: Die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen natürlich. In Kombination damit, dass mich die Fächer interessieren. Es ist nicht wie Sozialarbeit. Das gehört natürlich alles mit dazu, aber es ist nicht der Hauptgegenstand – Familienhintergrund, besondere Situationen, Erziehung. Im Vordergrund stehen das Fachliche und der Umgang mit Kindern und Jugendlichen. Ich finde, es ist eine gute Kombi des Fachlichen und des Sozialen.

hat realistische Erwartungen!

WBIUE: Was, glaubst du, sind falsche Erwartungen, die viele Lehramtsstudierenden an den Lehrerberuf haben?

Lea: Man muss sich wirklich darauf einstellen, dass es unglaublich viel Arbeit ist. Wenn es gut sein soll. Und sehr viel Organisation. Vor allem Selbstorganisation. Man muss sehr, sehr gut selbst organisiert sein, sonst hat man nur Stress. Schule ist wie ein Riesenunternehmen ohne enge Führung. Es ist ein Riesengewusel. So simple Sachen wie die Termine, zu denen man erscheinen soll. Bei uns an der Schule gibt es zehn Quellen, die du checken musst, regelmäßig und am Anfang des Schuljahrs und dann noch einmal hier und noch einmal da, um alle Termine, auf die man achten muss, auch eingetragen zu haben. Und ich glaube, die Leute unterschätzen, was für ein Organisationsberuf das ist.

WBIUE: Was würdest du den Erstsemstern Lehramtsstudium raten?

Lea: Möglichst früh in die Schulen zu gehen und auch bei den Hospitationspraktika mal zu unterrichten. Zu gucken, wie sich das anfühlt. Ich finde, man merkt das schon, ob sich das richtig anfühlt oder nicht. Ob viel schief geht, ob man’s gerne macht. Wie man mit Schülerinnen und Schülern klar kommt. Man muss ganz viel mit Humor nehmen, dann ist es der lustigste Beruf der Welt. Aber wenn man es zu krampfig nimmt, dann ist es eben uranstrengend. Und ich glaube, man muss herausfinden, ob man das kann.

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