Religiöser Umbau türkischer Bildung?

Junge Menschen dürfen nicht wählen, dafür aber auch nicht mitreden. Foto: ya href="https://www.flickr.com/photos/71829982@N00/">Nodigio/Flickr

Religion oder Moderne – in der Türkei herrscht ein Machtkampf. Foto: Comyper /Flickr

 Seit dem Putschversuch im Sommer diesen Jahres hat sich in der Türkei einiges geändert: Zehntausende haben ihr Arbeit verloren oder sitzen im Gefängnis. Die AKP-Regierung strebt einen radikalen Umbau der Gesellschaft an, die natürlich auch das Bildungssystem betrifft. Unser Autor Lukas Daubner berichtet von der Lage in der Türkei und weist darauf hin, dass nicht nur Erwachsene von der Situation betroffen sind, sondern auch Kinder und Jugendliche.

Der Strom negativer Nachrichten aus der Türkei reißt nicht ab: die geplante Wiedereinführung der Todesstrafe, das Verbot kritischer Medien, die Verhaftung tausender Beamt_innen, Journalist_innen sowie Lehrer_innen. Seit dem gescheiterten Putsch im Juli dieses Jahres greift die amtierende islamisch-konservative AKP-Regierung von Recep Tayyip Erdogan hart  gegen wahre und vermeintliche Gegner_innen durch. Kritik aus dem Ausland darüber verbittet sich die Regierung. Im Inland wird Kritik durch die genannten Maßnahmen immer schwerer.

Die türkische Gesellschaft steckt inmitten eines radikalen Umbaus. Dabei verlieren die eher prowestliche und weltliche Istanbuler Eliten große Teile ihres Einflusses. Die Machtverschiebung geschieht zu Gunsten einer neuen, wachsenden, religiösen und Erdogan verehrenden Mittelschicht. Diese hat vielfach von dem durch Erdogans Regierung initiierten wirtschaftlichen Aufschwung der Türkei profitiert. Der nationalistisch-religiöse Sound von Erdogan ist auch ein Signal an diesen Teil der Mittelschicht, dass er sie nicht vergisst. Somit kann die AKP-Regierung sich ihrer Machtbasis sicher sein. Neben dem Militär, dem Verwaltungsapparat und den Medien ist von dem gesellschaftlichen Umbau außerdem das Bildungssystem betroffen.

Jobs nur noch für konforme Lehrkräfte

Die linke Lehrergewerkschaft Egitim Sen (Gewerkschaft für Bildung und Bildungswerktätige) schätzt, dass seit dem Putschversuch ca. 50.000 Lehrer_innen suspendiert oder entlassen wurden. Dabei wurden alle Einrichtungen der Gülen-Bewegung geschlossen. Die Bewegung um den Prediger Fethullah Gülen wird von der AKP Regierung für den Putsch verantwortlich gemacht. In einer zweiten Welle wurden tausende kritische Lehrkräfte suspendiert. Ihnen wird vorgeworfen, die militante kurdische PKK zu unterstützen. In vielen Fällen ist das wahrscheinlich ein Vorwand: Durch diesen harten Eingriff, können all die Lehrer_innen, die der Regierung kritisch eingestellt sind, wenn nicht entlassen, so doch eingeschüchtert werden.

Eine unmittelbare Folge der Entlassungen und Suspensionen ist, dass die übriggeblieben Lehrkräfte mehr Kinder unterrichten müssen. So sitzen insbesondere in kurdischen Gebieten in manchen Klassen bis zu 60 Kinder. Anfängliche Elternproteste gegen diese Zustände wurden von der Polizei unterbunden. Auch Lehrkräfte beteidigten sich an den Protesten und Demonstrationen gegen die Festnahmen ihrer Kolleg_innen. Ihnen wurde gedroht, ebenfalls entlassen zu werden, wenn sie sich weiter daran beteiligen. Vertreter_innen der Lehrergewerkschaft äußern die Vermutung, dass auf diese Weise die aktivistischen und regierungskritischen Lehrkräfte ‚ausgesiebt‘ werden sollen.

Ausbau religiöser Schulen

Gewerkschaftsaktivist_innen mutmaßen des Weiteren, dass die AKP-Regierung das Ziel verfolgt, das bisher säkulare Bildungssystem umzubauen. Hierfür wird der Ausbau der bereits in einer Schulreform 2012 gestärkten Imam-Hatip-Schulen weiter vorangetrieben. Bisher war Religion ein Nebenfach neben anderen. Das soll sich jetzt flächendeckend ändern. In der taz heißt es: „In Imam-Hatip-Schulen werden die Geschlechter getrennt und Mädchen müssen Kopftuch tragen. Religiöse Fächer nehmen einen großen Stellenwert ein, trotzdem erlaubt der Abschluss einer Imam-Hatip-Highschool den Besuch der Universität.“ Bisher besuchen ungefähr eine Millionen Kinder eine der religiösen Schulen. Diese Zahl wird jetzt wohl steigen. Kritiker_innen nehmen an, dass die bei vielen Eltern unbeliebten religiösen Schulen notgedrungen mehr Zulauf erhalten werden. Denn die Suspendierungen haben einen künstlichen Lehrer_innenmangel an säkularen Schulen geschaffen. Neben den oben beschriebenen Maßnahmen gegen Erwachsene, mit dem Ziel, die Normen und Werte der Gesellschaft zu ändern, ist damit auch der Nachwuchs Ziel des gesellschaftlichen Umbaus.

Religiöse Bildung wider Willen

In der von der Regierung diktierten religiösen Schulreform wird offensichtlich nicht danach gefragt, was für eine Bildung sich die Kinder und Jugendlichen wünschen. Die bisher mögliche Wahl zwischen religiösen und weltlichen Schulen wird mit den Maßnahmen der vergangenen Jahre, aber auch insbesondere der letzten Monate, zunehmend schwierig. Für nichtreligiöse Mädchen bedeutet das zum Beispiel den Zwang ein Kopftuch tragen zu müssen. Für die Kinder und Jugendlichen gilt des Weiteren, Inhalte lernen zu müssen, die sie vielleicht ablehnen, und die sie nicht einmal kritisieren dürfen. Diese religionshörige, unkritische Bildung ist schon für sich ein Problem. Aber auch als Ausbildung für einen späteren Job oder zum Verwirklichen der eigenen Interessen taugt diese Art von Bildung nichts. 

Fest steht, dass der teils aggressiv betriebene Wandel der türkischen Gesellschaft nicht nur für die betroffenen Erwachsenen ein großes Problem ist. Auch auf die Kinder und Jugendlichen, die sich der religiösen Norm nicht hingeben wollen, kommen schwere Zeiten zu.