Vier Fragen an das deutsche Schulsystem

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Die vorgebliche Funktion der Schule liegt in der Vorbereitung der Schüler_innen auf das Leben (als würde dies erst mit 16 oder 18 Jahren beginnen). Der Beitrag hinterfragt die Benotung, den Zwang zum Stillsitzen und zum Auswendiglernen sowie die fehlende demokratische Partizipation in der Schule. Ein solches Schulsystem verfehlt seinen Bildungsauftrag.

Eine zentrale Fähigkeit für das Leben in der modernen Gesellschaft besteht darin, sich in verschiedenen sozialen Kontexten angemessen zu verhalten. Was zunächst so trocken klingt, hat höchste Relevanz dafür, wie Gemeinschaft und das konkrete einzelne Leben gelingen kann. Wie knüpfe ich Freundschaften oder gehe Liebesbeziehungen ein? Was ist eine angemessene Verhaltensweise im Supermarkt, beim Vorstellungsgespräch oder im Schwimmbad? Wie gehe ich mit Geld um? Welchen Umgang pflege ich mit Medien, welches Konsumverhalten praktiziere ich und wie bediene ich diese ganzen technischen Apparate? Was ist mein Verhältnis zu Politik, Religion und Wissenschaft? Wie sehr und wie genau kümmere ich mich um mich selber, um meine Gesundheit, meine Ernährung, meine Bildung und meine Seele? Welchen Beruf soll ich wählen? Wie kann ich am besten lernen, studieren und arbeiten? Wie knüpfe ich Kontakte und unterhalte berufliche Netzwerke? Wie funktioniert politische Partizipation und wie praktiziere ich sie? Um sich in verschieden Kontexten angemessen verhalten zu können, braucht es ein feines Gespür für Situationen, die Fähigkeit sich in andere Menschen hinein zu versetzen und ein Wissen über sich selbst und die eigenen Bedürfnisse. Es erfordert eine fein austarierte Affektregulation und die Fähigkeit sich des eigenen Verstandes zu bedienen, mithin ein hohes Maß an Mündigkeit und Selbstwirksamkeit. In einer Welt mit rasantem technologischen und sozialen Wandel, brauchen wir zudem die Fähigkeit uns schnell auf neue Situationen einstellen zu können.

Jeden Tag legen sich die Lehrer_innen ins Zeug, um ihre Schüler_innen auch für diese Anforderungen zu befähigen. Doch es gibt in der Schule eine ganze Reihe von institutionellen Rahmenbedingungen, die dieses Vorhaben erschweren und mitunter vereiteln. Seit dem 19. Jahrhundert halten sich einige zentrale Strukturbedingungen der Schule relativ stabil, die den heutigen Anforderungen schon lange nicht mehr gerecht werden. Dazu zählen neben anderen das Altersklassensystem, der Einheitsunterricht, die Benotung und das stundenlange Stillsitzen. Es ist überfällig, dass wir diese tradierten Formen der Schul- und Unterrichtsgestaltung einmal mehr hinterfragen.

(1) Warum müssen die Schüler_innen stundenlang stillsitzen?          

Als Maria Montessori 1909 das freie Schulgestühl einführte und damit die Schulbank ablöste, war das ein Skandal. Inzwischen gibt es viele Schulen in Deutschland, in denen es nicht mehr üblich ist, dass schon die Schulanfänger über längere Zeiträume auf einem Stuhl still sitzen müssen, aber in den höheren Jahrgängen sitzen nach wie vor fast alle Schüler mehrere Stunden am Tag still. Über neun Stunden am Tag verbringen die Menschen in Deutschland im Schnitt sitzend: auf der Arbeit, in der Schule, in den Transportmitteln und zu Hause vor elektrischen Geräten. Dreiviertel der britischen Kinder spielen weniger als 60 Minuten am Tag außerhalb geschlossener Räume. Selbst Gefangene verbringen mehr Zeit an der frischen Luft. Das Bundesministerium für Gesundheit spricht in einem Ratgeber zur gesundheitlichen Prävention von einer „Volkskrankheit“ Bewegungsmangel. „Sitzen ist die ungesündeste Haltung beim Lernen“, heißt es da. Doch Bildung gilt scheinbar weiterhin als der Vorgang, bei dem kognitive Inhalte in stillgestellte Köpfe verfüllt werden. Der stillgehaltene Körper zeigt so die rechte Teilnahme am Lehrstoff an, während der bewegte Körper stört, tobt oder bestenfalls „nur“ spielt.

Wer aus der Stuhlreihe tanzt, wird pharmazeutisch stillgestellt. Inzwischen wird bei 5-7% aller Kinder ADHS diagnostiziert. Die Verordnung von Methylphenidat (Ritalin u.a.) ist in den vergangenen 25 Jahren um den Faktor 54 (also um 5400%) gestiegen. Wer sich in die enge Zeittaktung, den steigenden Anforderungsdruck und den Bewegungsmangel nicht störungsfrei einordnet, dem wird eine angeblich zerebral bedingte Verhaltensstörung diagnostiziert, die psychotherapeutisch und pharmazeutisch korrigiert werden soll.

Wollen wir wirklich, dass die Schule der Ort ist, wo Kindern die Bewegung systematisch abtrainiert wird?

Steven Sello

Foto: Steven Sello

Steven Sello (geb. 1979) war viele Jahre im IT-Bereich berufstätig und studiert seit 2011 Sozialwissenschaften (zurzeit im Master). Sein Bachelorarbeit schrieb er zur Soziogenese des Stillsitzens in der Schule. In den 1990er Jahren war er bei der Kinderrechtsgruppe K.R.Ä.T.Z.Ä. aktiv, die sich kritisch mit Schule und Erziehung auseinandersetzte. Gelegentlich schreibt er Beiträge für seinen Blog (seinswandel).

(2) Warum gibt es immer noch Schulnoten?

50 Jahre empirische Forschung zu Zensuren haben gezeigt, dass diese weder objektiv, noch valide, noch reliabel sind. In die Benotung fließen systematisch fachfremde Merkmale mit ein. Dieselbe Leistung wird von verschiedenen Lehrer_innen und auch von denselben Lehrer_innen zu verschiedenen Zeitpunkten unterschiedlich bewertet. Zensuren sind überdies nicht vergleichbar, denn je nach Niveau der Klasse werden unterschiedliche Noten vergeben. Schulnoten messen also nicht, was sie vorgeblich messen sollen. Die auf eine Ziffer reduzierte Aussage ist wenig informativ und auf Dauer demotivierend. Schon die Erwartung von Bewertung hemmt die Kreativität – ein bekanntes Problem von vielen Anreizsystemen. „Das Denken der Schüler konzentriert sich auf die Bedrohung“, schreibt der Psychologe Peter Gray: „Wie bewältige ich diesen Test? Wie stelle ich diesen Lehrer zufrieden? Es ist schwer, unter diesen Bedingungen kreativ zu sein.“ Anstatt sie individuell zu unterstützen und zu begleiten, führen Noten vor allem zur Unterteilung in gute und schlechte Schüler und zur Aussortierung der angeblich weniger tauglichen.

(3) Warum besteht die Schule auf Bildungseinheitsbrei mit Esszwang?

Auf 45 Minuten Mathe folgen 45 Minuten Deutsch folgen 45 Minuten Biologie. Für den Nachmittag gibt es Hausaufgaben auf. Rund 1,1 Millionen Schüler_innen nehmen regelmäßig Nachhilfeunterricht. Die Eltern geben dafür jährlich über 800 Millionen Euro aus. Alle sollen nach Alter sortiert, zur selben Zeit, bei derselben Lehrerin, nach derselben Methode denselben Stoff pauken. Von dieser Stofffülle bleibt am Ende nur ein Bruchteil im Gedächtnis haften. Wer erinnert sich heute noch an die Allgemeine Summenformel der Alkane? Und wofür ist das nützlich? Die Summe verfügbaren Wissens nimmt in rasantem Tempo zu. Gleichermaßen werden alte Wissensbestände hinfällig. Welches Wissen in 10 oder 20 Jahren für wen relevant sein wird, lässt sich nur schwer prognostizieren. Dass der überwiegende Teil des heute vermittelten Fachwissens für fast alle Schulabsolventen irrelevant ist, lässt sich jedoch bereits heute feststellen.

Was sich hingegen tief einprägt, ist das Gefühl, was sich beim Lernen einstellt. Für viele Schüler_innen wird so die Freude am Lernen, Entdecken und Erforschen nachhaltig gestört. Nach vielen Jahren in diesem Bildungssystem sind wir so sehr daran gewöhnt, dass uns der Widerspruch kaum noch auffällt, dass durch permanente Entmündigung und Bevormundung schwerlich Mündigkeit erzielt werden kann.

Die zukünftigen Generationen stehen vor gewaltigen sozialen, politischen und ökologischen Herausforderungen. Doch die Schule beharrt darauf, unseren Kindern weitestgehend eine konforme Standard(welt)anschauung einzutrichtern, anstatt Spielraum für eigene Entdeckungen und Einsichten zu lassen.

(4) Warum wird an der Schule keine Demokratie praktiziert?

Diese Gesellschaft beruft sich auf Werte wie Demokratie, Gleichberechtigung, Meinungsfreiheit und auf die freie Entfaltung der Persönlichkeit. Die Schüler_innen sollen von der Schule als mündige Bürger in die Gesellschaft entlassen werden. Doch an der Schule wird zwar viel über Demokratie geredet, aber wenig Demokratie praktiziert. Es gibt immer mal wieder Kongresse und Diskussionsveranstaltungen mit Schüler_innen, bei denen Mitbestimmung simuliert wird, aber ernsthafte Mitbestimmung ist weiterhin die Ausnahme. Dabei wäre die Schule der Ort, an dem die Schüler_innen lernen könnten, dass ihre Interessen ernst genommen werden, und dass sie durch Engagement etwas bewirken können. Was könnte einprägsamer sein als gelebte Erfahrung von Partizipation und Selbstwirksamkeit als Fundament für eine demokratische Ordnung? Vorgelebt wird dies bereits seit einigen Jahrzehnten im Modell der Demokratischen Schulen.

Die Benotung, das Sitz-Regime, das Altersklassensystem, das stumpfsinnige Auswendiglernen und die mangelnde demokratische Partizipation sind Altlasten einer Gesellschaftsvorstellung des 19. Jahrhunderts. Zugespitzt ausgedrückt geht es dabei um eine Trivialisierung von Zöglingen, damit die Schulabsolventen die Erwartungen von bürokratischen Organisationen erfüllen. Auch das ist ein Training darin, in bestimmten Kontexten ordnungsgemäß zu funktionieren. Doch der Preis dafür ist hoch. Das beinhaltet die Zurückstellung der eigenen Bedürfnisse bis hin zur Verleugnung, die Unterwerfung unter ein Regime permanenter Anordnungen, das Verlernen von Bewegung sowie den Verlust von Lern- und Lebensfreude. Es ist an der Zeit, die Schule neu zu gestalten, sie an eine offene und menschenfreundliche Gesellschaft anzupassen und das dabei hinderliche und unnötige Disziplinar-Regime endlich zu verwerfen.