Beteiligung schafft Innovativität

Kann ein Bildungsrat helfen? Foto: Alan Levine/Flickr

Kann ein Bildungsrat helfen? Foto: Alan Levine/Flickr

In der Bildung bestimmen selten die mit, die von ihr betroffen sind. Das muss nicht so sein. Eine Möglichkeit zu stärkerer Beteiligung ist die Einrichtung eines nationalen Bildungsrates mit paritätischer Besetzung durch Bildungsbetroffene. Dieses Beratungsgremium wäre ein erster Schritt, Bildung besser, innovativer und gerechter zu  machen. Vielmehr noch: Ein Bildungsrat kann unsere Demokratie stärken, indem es immer wieder neue Demokrat_innen hervorbringen würde.[1]

Deutschland verändert sich. Waren bis vor kurzem noch demografischer Wandel und wirtschaftliche Globalisierung Großthemen, steht heute der Zuzug von Menschen aus aller Welt nach Europa im Zentrum vieler Debatten. Das stellt die Gesellschaft vor Herausforderungen. Da alle Bürger_innen im Verlauf ihres Lebens mit dem Bildungssystem in Kontakt kommen, ist Bildungspolitik immer auch Demokratiepolitik.

Eine stärkere Beteiligung Bildungsbetroffener an der Gestaltung des Bildungssystems macht dieses nicht nur demokratischer, sondern auch innovativer. Diese Innovativität braucht es, um gesellschaftlichen Herausforderungen zu begegnen.

Die Defizite des deutschen Bildungssystems

Das deutsche Bildungssystem hat viele Mängel. Es leidet an einem Leistungsdefizit, d.h. es schafft es nicht in ausreichendem Maße, grundlegende Kompetenzen zu vermitteln. Das Bildungssystem ist aber auch massiv ungerecht: Herkunft und einmal getroffene Bildungsentscheidungen bestimmen den Lebensverlauf von Menschen maßgeblich. Das Bildungssystem ist kaum durchlässig, vom meritokratischen Ideal weit entfernt. Daneben ist es außerdem wenig innovativ. Trotz lange bekannter Defizite und der Tatsache, dass Bildung Deutschlands wichtigster Rohstoff ist, hat es sich vergleichbar wenig gewandelt.

Während diese drei Defizite von den meisten Bildungsinteressierten gesehen werden, wird ein Beteiligungsdefizit nur von einigen Akteur_innen ausgemacht. Obschon vor allem junge Menschen in den Genuss institutioneller Bildung gelangen, werden sie kaum bis gar nicht gefragt, wie sie sich ihre Bildung vorstellen. Bildungspolitik wird von anderen gemacht. Dabei sind es gerade Schüler_innen, Auszubildende und Studierende, deren Leben oft maßgeblich von Institutionen der Bildung bestimmt werden.

In mehreren Projekten, etwa einem Film mit jungen Stimmen zu Ganztagsschulen, dem Jungen Bildungskongress oder der Veranstaltung „Ausbildung und Mitbestimmung“ hat Was bildet ihr uns ein? e.V. gezeigt, dass junge Menschen sehr wohl reflektieren, wie Bildung sie beeinflusst. Mehr noch: Sie haben oft sehr konkrete Vorstellungen davon, was gut läuft und was verändert werden sollte und Ideen, wie die Veränderungen konkret aussehen könnten.

Diesen Schatz an Ideen nicht zu heben, indem junge Menschen systematisch nicht an Bildungsentscheidungen beteiligt werden, ist Verschwendung. Diese fühlen sich nicht ernst genommen. Das muss sich ändern: Bildungsbetroffene müssen durchweg an der Ausgestaltung von Bildung beteiligt werden.

Der Bildungsrat ist ein Anfang

Beteiligung sollte bis ins Klassenzimmer und den Hörsaal hinein umgesetzt werden. Bis dahin ist es ein langer Weg. Neben institutionellen Veränderungen ist vor allem ein Kulturwandel notwendig.

Wo also beginnen? Ein Anfang könnte ein nationaler Bildungsrat sein. Diese Idee ist nicht neu, bereits in den 1970er Jahren gab es ein solches Gremium und auch heute wird es – etwa von der Robert-Bosch-Stiftung – gefordert.

Doch Deutschland braucht nicht einfach ein weiteres Beratungsgremium etablierter Stimmen, sondern eines, das systematisch junge Stimmen berücksichtigt. Ein mindestens paritätisch mit Bildungsbetroffenen besetzter Bildungsrat mit einem besonderen Fokus auf Schüler_innen kann frische Impulse für die deutsche Bildungspolitik liefern. Der Bildungsrat sollte Regierungen, Parlamente und Ministerien sowohl befragen als auch beraten und öffentlich Impulse setzen, etwa durch Stellungnahmen und Konzeptpapiere. Diese letzte Funktion scheint uns sogar wichtiger zu sein als die Beratung: So kann der Bildungsrat zu einem Impulsgeber werden, der Debatten anstößt und aus bestehenden Grabenkämpfen herausführt.

Die jungen Mitglieder werden schon durch ihre Funktion im Bildungsrat in der Öffentlichkeit ernster genommen und können  neue Ideen in den Dialog einbringen. Damit nicht nur die üblichen Verdächtigen junge Bildungsbetroffene repräsentieren, könnten Zufallsbürger_innen im Alter von 10-25 Jahren gezogen und gefragt werden, ob sie im Bildungsrat mitarbeiten möchten. Diese Arbeit bedarf der institutionellen Unterstützung durch eine gut ausgestattete, unabhängige Geschäftsstelle und Empowermentangeboten für die Mitglieder, etwa in Form von Workshops und Trainings. So können Hemmschwellen gesenkt und Bildungsbetroffene fit gemacht werden für Debatten mit Politik.

Gewiss darf es nicht dabei bleiben, dass wenige, handverlesene Menschen sich in die Bildungspolitik einmischen dürfen, während der Großteil ungehört bleibt. Dabei darf der Bildungsrat nicht zu einer Alibiveranstaltung werden. Er kann nur ein Anfang sein.

Mehr Beteiligung hilft der ganzen Gesellschaft

Die Beteiligung Bildungsbetroffener an ihrer Bildung verändert unsere Demokratie: Zuallererst, indem sie Bildung besser macht. Sie macht Lösungen realitätsnäher, Reaktionen schneller. Werden junge Menschen ernst genommen und vor Ort sowie in größeren Zusammenhängen beteiligt, kommen Probleme schneller zur Sprache – oft gemeinsam mit möglichen Lösungen.

Das frühe Lernen von Beteiligung hat noch einen weiteren, wichtigen Effekt: Es stellt das Erlernen von Demokratie von der Pike auf dar – inklusive aller Aushandlungsnotwendigkeiten, Frustrationen und der Unzufriedenheit mit gefundenen Lösungen.

Es ist Zeit für eine stärkere Beteiligung Bildungsbetroffener an der Ausgestaltung ihrer Bildung. Denn unsere Demokratie hat sich weiterentwickelt: Neben der formalen Beteiligung an Wahlen und den Bürgerrechten für breitere Bevölkerungsschichten gibt es immer mehr Initiativen direkter Demokratie.

Ein paritätisch besetzter Bildungsrat ist nur ein Beispiel, wie Beteiligung Bildungsbetroffener verwirklicht werden kann. Er kann ein Anfang sein, um einen langfristigen Kulturwandel herbeizuführen, hin zu einer Gesellschaft, in der jede Stimme gleich wichtig ist –  ob jung oder alt, hier geboren oder zugewandert, Muslim_a, Christ_in oder Atheist_in.

Durch Beteiligung schafft es eine demokratische Gesellschaft auch, ihr wichtigstes Gut immer wieder neu hervorzubringen: Menschen, die von Demokratie überzeugt sind und sich nicht einfachen Losungen und Lösungen hingeben, sondern Interessen aushandeln – und vielleicht sogar  Spaß daran haben.

[1] Der Beitrag erschien zuerst im Band „Gerechtigkeit fängt bei der Bildung an“, Friedrich-Ebert-Stiftung 2016.