Das Fundament der sozialen Schere

Dass hier nicht alle hin kommen, liegt auch an der Gruppendynamik nach dem Schulwechsel. Foto: Ben Murray/Flickr

Dass hier nicht alle hin kommen, liegt auch an der Gruppendynamik nach dem Schulwechsel. Foto: Ben Murray/Flickr

Akademikerkinder haben es leichter, an die Uni zu kommen. Das ist bekannt, aber es liegt nicht nur an ihren Leistungen oder daran, wie ihre Eltern sie unterstützen. Auch die Gruppendynamik in Schulen begünstigt diese Entwicklung, schreibt unser Gastautor Sven Schenk.

Der Studienzugang wird durch die Schulen bestimmt

Akademikerkinder haben es leichter zu studieren. Das zeigte Prof. Dr. Andrä Wolter bei einer Tagung zum Thema soziale Durchlässigkeit im Mai diesen Jahres einmal mehr. Anhand zahlreicher Statistiken belegte er, dass die Selektion für den Studienzugang stärker über die Schulen als durch die Hochschulen erfolgt. Der Gymnasialbesuch ist bei gleicher Kompetenz für Kinder aus der oberen Dienstklasse zwei- bis dreimal höher als für Arbeiterkinder. Die Studierwahrscheinlichkeit für Jugendliche aus einem Akademikerhaushalt sechsmal so hoch, wie für Jugendliche, deren Eltern höchstens einen Hauptschulabschluss haben. Dass nur 2,6% der Studienanfänger auf nicht-traditionellem Weg zum Studium gelangen, zeigt welche Auswirkungen bereits die Schulwahl hat. Doch warum muss überhaupt eine Wahl getroffen werden?

Ich habe selbst eine Erzieherausbildung gemacht. Dabei habe ich durch ein Praktikum in einem Jugendclub einen Einblick in die Phase des Schulwechsels bekommen. Dort habe ich mit Hilfe des dortigen Sozialarbeiters ein Projekt der Schulsozialarbeit entwickelt. Der Austausch mit den Lehrern hat mir das Problem verdeutlich, welche sich hinter der Zahl verbirgt, dass fast die Hälfte aller Schüler der 8.Klasse in Deutschland das Gymnasium besucht.

Der Schulwechsel ist ein gruppendynamisches Desaster 

Was ist das Problem? Dafür muss man sich die typische Gruppendynamik einer Klasse verdeutlichen. Vor dem Schulwechsel von der Grund- auf eine weiterführende Schule entsteht dabei ein gewisses Gleichgewicht. Die leistungsstarken Schüler_innen genießen die Anerkennung der Lehrer_innen durch gute Noten. Sie werden dadurch zum Vorbild für die meisten anderen Schüler_innen. Die leistungsschwächeren Schüler_innen hingegen erfahren diese Anerkennung durch die Lehrer_innen kaum. Je schwerer es erscheint auch einmal zu den Leistungsstärkeren zu gehören, desto wahrscheinlicher holen sich diese Schüler_innen ihre Anerkennung von der Gruppe durch auffälliges Verhalten – und nicht von den Lehrer_innen. Sie sind die Coolen oder die Klassenclowns. Was passiert nun, wenn man diese Gruppe anhand der Noten relativ mittig teilt und ans Gymnasium oder an die Oberschule schickt?

lissabon

 Sven Schenk (geb. 1986) ist staatlich anerkannter Erzieher, studierte und studiert Wirtschaftskommunikation in Berlin und Kinder- und Jugendmedien in Erfurt. Als Erzieher fokussierte er sich insbesondere auf die Arbeit mit Jugendlichen, er entwickelte ein Projekt der Schulsozialarbeit und war als Einzelfallhelfer tätig. Außerdem gestaltet er das Programm der JugendFeiern des Humanistischen Regionalverband Ostbrandenburg e.V. mit. 

Am Gymnasium bleiben die Leistungsstarken. Sie genießen weiterhin die Anerkennung der Lehrer_innen. Die Anderen werden sich weiterhin an den Leistungsstarken orientieren und es entwickelt sich wieder eine ähnliche Gruppendynamik. An der Oberschule (ISS oder wie die Schulform jeweils heißt, die in den meisten Bundesländern aus Haupt- und Realschulen geschustert wurde) jedoch fehlen die Leistungsstarken, die durch die Lehrer_innen als Vorbilder definiert werden können. Die neuen Leistungsstarken, sind gewohnt sich an Anderen zu Orientieren und sind ihrer neuen Rolle meist nicht gewachsen. Es fehlt der Gegenpol zu den Coolen und den Klassenclowns, die weiterhin die Anerkennung der Gruppe genießen. Ihre Selbstdarstellung wird somit der neue Orientierungspunkt der Klasse. Mit einsetzen der Pubertät wird dieser Effekt zusätzlich verstärkt und den Lehrer_innen fehlt der Hebel, um den Fokus auf die schulische Leistung zu legen. Die Leistung in den Klassen sackt teilweise so stark ab, dass manche Lehrkräfte an Oberschulen zu Förderschulmaterial greifen, um noch irgendwie Wissen zu vermitteln.

Der verwehrte Bildungsaufstieg

Sechs Jahre nach diesem Projekt scheinen die Zahlen, die Wolter auf der Tagung präsentierte zu bestätigen, was ich damals bereits im Austausch mit den Lehrern erfahren habe: Durch diese Praxis driftet die soziale Schere auseinander, wird die Chance auf gegenseitiges Verständnis unterbunden und mehr als jedem/r zweiten Schüler_in wird die Möglichkeit eines einfachen Bildungsaufstiegs verwehrt. Somit stellt sich die Frage, wie stark die Erfahrungen der Lehrer_innen in der Entwicklung des Bildungssystems überhaupt berücksichtigt werden und ob die Logik des mehrgliedrigen Schulsystems nicht längst überholt ist.

Das könnte dich auch interessieren

  • Wenn Chancenungleichheit erwachsen wirdWenn Chancenungleichheit erwachsen wird Zum ersten Mal mussten nicht Schüler, sondern Erwachsene ab 16 Jahren zeigen, wie es um ihr Wissen steht. Statt Pisa wurde am Dienstag die lang erwartete PIAAC-Studie vorgestellt, die […]
  • Schulabbrecher_innen sind keine VorbilderSchulabbrecher_innen sind keine Vorbilder Prominente Schulabbrecher_innen werden oft als Vorbilder genannt. Jede_r kann es schaffen, das ist die Botschaft. Das ist gefährlich, weil es davon ablenkt, dass das deutsche Schulsystem […]
  • „Es geht uns Zukunft verloren“ – Interview mit Gesine Schwan (1)„Es geht uns Zukunft verloren“ – Interview mit Gesine Schwan (1) Eine immer komplexere Welt kann nicht spurlos am Bildungswesen vorbei gehen. Ein Gespräch unseres Autors Felix Peter mit Gesine Schwan über die Bedeutung von Bildung heute für unser Leben morgen.
  • Für die Bildungsgerechtigkeit rocken Für die Bildungsgerechtigkeit rocken „Was will ich mit meinem Leben machen?“ ist eine Frage, die wir uns alle einmal stellen. Doch nicht allen stehen die gleichen Türen offen. Die Hoffnungstäter von ROCK YOUR LIFE! schlagen […]