Fachwissen ohne Moral

Moral

Sich und das was man tut Hinterfragen sollte man im Studium lernen, nicht von Aufklebern. Foto: Erich FerdinandFlickr

Akademische Bildung vermittelt vor allem eines: Fachwissen. Daneben sollen die Studierenden in den Modulen ihre methodischen, sozialen und persönlichen Kompetenzen weiterentwickeln. Diese Kompetenzen haben jedoch nur wenig etwas mit einer reflektierten, über den eigenen Fachbereich hinausgehenden Wissensnutzung zu tun. Denn moralisch-ethische Fragen im Kontext des Fachgebietes werden vor allem in den Natur- und Ingenieurwissenschaften kaum gelehrt. Unsere Autorin Wera Pustlauk macht sich auf die Suche nach Orientierung im Dschungel des Fachwissens.

Von der frühesten Kindheit an werden Heranwachsende heute mit Wissen gefüttert. In der Schule geht es darum Sprachen zu beherrschen, die Grundpfeiler der hiesigen Literatur und Kunst kennenzulernen, geschichtliches Wissen zu erlernen, Formeln anzuwenden und Prozesse in der Umwelt erklären zu können. Dieses gesammelte Allgemeinwissen wird anschließend an der Hochschule in spezifischen Bereichen erweitert und vertieft. Studierende häufen dabei in ihrer Studienrichtung enormes Fachwissen an.

Methodenkompetenz als Schlüssel zum Wissen?

Die pure Anhäufung allein macht das Wissen jedoch noch nicht nutzbar. Für seine Erschließung wird daher Methodenkompetenz vermittelt. Diese umfasst Lern- und Arbeitsmethoden, wie das Verfassen von Protokollen oder Einführungen in die Laborarbeit. Damit sollen die Fähigkeiten geschult werden, sich weiteres Wissen anzueignen, Sachverhalte zu analysieren und zu erschließen und darauf aufbauend Problemlösungen zu entwickeln. Problemlösungen, die sich rein am Sachstand des jeweiligen Faches orientieren.

Doch welches Vorgehen ist das Beste, wenn verschiedene Denkrichtungen unterschiedliche Antworten und Lösungsvorschläge bereitstellen? Welche Rolle spielt es, wie Lösungen entwickelt wurden? Wie sollen unterschiedliche Ansätze gegeneinander abgewogen werden? Und wer definiert, was das Vernünftigste oder Beste für wen ist?

Darüber nachzudenken erfordert neben Zeit auch Wissen über das eigene, enge fachliche Know-how hinaus. Es braucht die Fähigkeit, größere Zusammenhänge mit in den Blick zu nehmen und den Willen, die Frage nach dem Gerechten und Guten im Kontext des Fachwissens zu stellen. Wie zum Beispiel danach, ob Tierversuche zwingend für den Erkenntnisgewinn in der Biologie und Medizin erforderlich sind oder ob das Wirtschaftssystem humaner gestaltet werden kann. Der Spielraum hierfür ist im heutigen Studiensystem gering, in dem die Studierenden durch die Pflichtkurse des vorgeschriebenen Curriculums eilen, Fachwissen akkumulieren, welches durch eine Unzahl an Prüfungen bescheinigt wird und mit diesem dicht geschnürten Paket gen Arbeitsleben rauschen. Die Reflektion des erlernten Wissens steht dabei hinten an, obwohl sie durch die Komplexität und die schnellen Entwicklungen in der heutigen Welt umso dringlicher erscheint.

Mangelnde Vermittlung von Orientierungswissen im Studium

Je nach Fachkultur gibt es große Unterschiede bei der Auseinandersetzung über die Entstehung von Wissen und Strukturen und ihren Einfluss auf die Gesellschaft. In den Geistes- und Sozialwissenschaften findet diese oft sehr stark statt, während der Anteil reflektierender Kurse in den Ingenieur- und Naturwissenschaften noch immer sehr gering ist. So findet sich z. B. im Bachelor-Studiengang „Medizinische Biotechnologie“ der Universität Rostock die Pflichtveranstaltung „Biorecht und Bioethik“. Ein vergleichbares Angebot sucht man in den Biowissenschaften derselben Universität jedoch vergeblich. Fragen zur guten wissenschaftlichen Praxis werden hier vermeintlich im Zuge der Praktika mit vermittelt. In der Erinnerung an mein eigenes Studium dort gab es jedoch nie eine konkrete Benennung dieser, geschweige denn eine Reflektion ihrer Grundlagen. Ein besonders kritisches Beispiel aus diesem Fachbereich ist ferner die oft vollkommen fehlende Reflektion der Nutzung von Tieren in der Lehre und Forschung. Die einzige kritische Stimme hierzu während meines Biologiestudiums blieb ein verlaufener Flyer einer Studierendeninitiative gegen den Einsatz von Tieren in der Lehre, der während des zoologischen Schnippelpraktikums auftauchte.

Unterschiede in (verpflichtenden) Kursen zum reflektierenden Umgang mit dem eigenen Fachhorizont finden sich auch in anderen Studiengängen. Während die TU Kaiserslautern in ihren Studiengängen des Wirtschaftsingenieurwesens das Modul „Wirtschaft, Technik und Ethik“ fest verankert hat, sieht derselbe Studiengang an der TU Berlin keine spezifische Auseinandersetzung mit der moralischen Dimension des Faches vor. Vielmehr gibt es eine Tendenz, die ethische und gesellschaftliche Auseinandersetzung mit technischen Entwicklungen in spezielle geisteswissenschaftliche Studiengänge auszulagern. So kann an der TU Berlin „Soziologie technikwissenschaftlicher Richtung“ im Bachelor und an der TU München „Wissenschafts- und Technikphilosophie“ studiert werden. Die Ausdifferenzierung eigener interdisziplinärer Fachrichtungen mag für eine vertiefte Auseinandersetzung gerechtfertigt erscheinen. Gleichermaßen dringlich erscheint es aber, dass gerade in der Ausbildung der nächsten Generation von Fachwissenschaftler*innen, diese frühzeitig auch zu einer kritischen Auseinandersetzung mit den Folgen des Handelns ihrer Profession befähigt werden.

Einige Hochschulen versuchen mit Ringvorlesungen wie „Ander(e)s Wissen: Kritische Betrachtungen globaler Wissensproduktion“  und „Mensch und Natur: Zur Ethik gesellschaftlicher Naturverhältnisse“ fachliche Grenzen zu verwischen. Diese Veranstaltungsformen mögen ein Ansatz sein, den engen Rahmen der hoch spezialisierten Fachwissenschaften zu sprengen. Doch ist er allein durch seine Unverbindlichkeit im akademischen Curriculum bei Weitem nicht ausreichend.

wera_2Wera Pustlauk (geb. 1985) studierte in Rostock, Tampere (Finnland) und Dresden Biologie auf Diplom. Aktuell knüpft sie mit einem Bachelor-Studium in Politik, Verwaltung und Organisation an der Uni Potsdam an ihr bisheriges Nebenfach Politik an. Die Umstellung der Studiengänge durch die Bologna-Reform hat sie während ihres hochschulpolitischen Engagements über viele Jahre begleitet. Die Frage danach, worin eigentlich der Sinn eines Studiums liegt beschäftigt sie politisch auch heute noch.

Vereinzelt besetzen Initiativen an den Hochschulen diese Lücke im Curriculum. In Bielefeld setzt sich die CITEC Ethics Group im Rahmen des Exzellenzclusters „Kognitive Interaktionstechnologie“ mit den ethischen Konsequenzen im technologischen Interfacebereich auseinander. An der Universität Potsdam hat sich dagegen fachübergreifend die studentische Initiative stUPs auf die Fahnen geschrieben, Wissenschaftler*innen dazu anzuregen gründlicher über die Konsequenzen ihrer Forschung jenseits ihres Forschungsgebiets nachzudenken. Und für wirtschafts- und unternehmensethische Fragen deutschlandweit aktiv ist das studentische Netzwerk „sneep“.

Die Notwendigkeit zu reflektierter Handlungsfähigkeit

Diese vereinzelten Angebote sind jedoch für die reflektierte Ausbildung von Fachexpert*innen bei Weitem nicht ausreichend. In der heutigen überkomplexen Welt erscheint eine integrierte ethische Bildung, die Orientierungswissen für das eigene Handeln im gesellschaftlichen Kontext bietet, ebenso notwendig, wie der Erwerb von Fachwissen. Diese muss als langfristiger Prozess angelegt sein, um im eigenen Denken verankert zu werden und darf sich nicht auf eine kurzfristige Thematisierung bei Problemen beschränken[1]. Auf diese Weise kann die mündige Entscheidungsfähigkeit der Professionen und jedes Einzelnen gestärkt werden. Hierfür muss Platz im akademischen Curriculum aller Fächer geschaffen werden.

[1] So Bischof Martin Hein, Mitglied des Deutschen Ethikrates, auf der Jahrestagung des Ethikrates am 22. Juni 2016 in Berlin.

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