Achtsamkeit mit sich und Kindern

Achtsamkeit malt nicht nur schöne(re) Bilder. Foto: Meriwether Lewis Elementary School/Flickr

Achtsamkeit malt nicht nur schöne(re) Bilder. Foto: Meriwether Lewis Elementary School/Flickr

Wer beruflich oder privat mit Kindern zu tun hat, wird früher oder später vor große Herausforderungen gestellt: Kinder sind Personen mit eigenem Willen und haben Ideen, die sich von denen der Erwachsenen unterschieden. Das stellt einen auf so manche Geduldsprobe.  Wie wir diese Proben meistern können, zeigt unser Autor Björn Winkler.  

Tom Sawyers Oma lacht

Neulich bei meinen Eltern griff ich ins Bücherregal und zog Tom Sawyers Abenteuer von Mark Twain heraus. Ich weiß gar nicht mehr, ob meine Mutter uns daraus vorgelesen hat. Irgendwie kam es mir aber bekannt vor.

Tom Sawyer ist Waise und wohnt mit seiner Großmutter zusammen, die ihn großzieht. Seine Großmutter läuft gerade aufgebracht durch das Haus und sucht Tom. Er versteckt sich im Wandschrank. Sie findet ihn bei den Marmeladenvorräten, an denen er sich soeben vergangen hat. Nun will sie ihm das Fell über die Ohren ziehen. Tom lenkt sie mit dem alten Trick ab: „Guck mal ein Vogel!“ Er entkommt dem großmütterlichen Zorn. Die muss über Toms Ablenkungsmanöver erst einmal lachen. Dann wird sie ganz ernst. Eine innere Stimme meldet sich zu Wort:

„…ich muß doch wenigstens einigermaßen meine Pflicht an ihm tun, sonst bin ich dem Kind sein Verderben.“

Die Freude über Toms Klugheit ist verflogen und irgendein Verantwortungsgefühl stellt sich ein.  Nein, das muss Folgen haben, sonst wird nichts aus dem Jungen. 1876 erschienen Mark Twains „Tom Sawyers Abenteuer“ in den USA. Doch der Zwiespalt, in dem sich Toms Oma befindet, ist brandaktuell. Ihn kennen auch heutige Eltern und alle die irgendwie Verantwortung für Kinder übernehmen. Auch ich kenne ihn.

Das Herz zieht sich zusammen

Während meines Pädagogik-Studiums habe ich Kinder begleitet. Seit drei Jahren arbeite ich in Kindertagesstätten. Und so lange wie ich in diesem Bereich arbeite, so lange gibt es diese Tage. Tage, an denen Kinder sich gegen einen verschworen haben. Und Tage an denen man auf der Harmonie, die sich zwischen uns ausbreitet fast ausrutschen kann. Dazwischen scheint es nichts zu geben.

Es gibt Tage, an denen zieht sich mein Herz zusammen. Ich bin überwältigt von den unzähligen Aufgaben, die vor mir liegen. Zwei Kinder klettern die Fensterbank hinauf, drei andere fassen sich an den Händen und rennen wie wild im Kreis auf dem Bauteppich. Ich bekomme es mit der Angst zu tun. Da kommt ein Kind auf mich zu. Von weitem erkenne ich bereits, dass die Hose an einer Stelle dunkler ist als der restliche Stoff. Zwei schreien im Chor „Ich hab Hunger!“ als jemand an meinem Hosenbein zupft und zu mir aufschaut: „Weißt du… die ärgern mich.“

Ich weiß nicht wo ich zuerst anfangen soll.  Authentisch und empathisch soll man sein. Die Beziehung zum Kind steht immer im Mittelpunkt. Das Kind ist immer unschuldig. Ich zweifle manchmal an letzterem. Und manchmal spricht eine Stimme: „Wenn du nicht…!“, „Oh, Mann!“ , sagt eine andere. Die Stimme gehört mir.

So äußert sich der gestresste Geist. Die Verbindung zu den Kindern und zu sich selbst ist unterbrochen. In dieser Situation agiert man nur noch mechanisch. Weit jenseits eigener Ideale und Bilder, die man von sich und seiner Tätigkeit hat.

Genau hier sind die Antworten und Lösungen zu finden. Das ganze Geschehen hat mehr mit einem selbst zu tun als man sich eingestehen möchte. Kinder können sehr gut zwischen den Zeilen lesen. Für Zwischentöne haben sie ein sehr feines Gespür. Kinder wollen – nein, sie müssen – geliebt werden und sie zeigen einem erbarmungslos, wenn sie merken, dass das gerade nicht der Fall ist.

„Kann-Ich –Nicht“ wohnt in der „Will-Nicht-Straße“ 

Verhalten hat immer einen Sinn. Es entsteht in einem sozialen System (Familie oder Kita-Gruppe), in das sich ein Kind integriert. Es sucht sich seinen Platz in dem Beziehungsgeflecht. Das scheint zunächst kompliziert und man hört sich, Kolleginnen oder Eltern Sätze sagen: „Ich kann mir dieses Verhalten nicht erklären.“

„Kann-ich-nicht“, wohnt aber leider in der „Will-nicht-Straße“. Das ist auch verständlich. Denn es tut weh genau hinzugucken und sich einzugestehen, dass man im Vorfeld vielleicht schon einige Zeichen nicht erkannt, fehlinterpretiert und somit auch unangemessen reagiert hat. Unangemessen in dem Sinne, dass man einem Bedürfnis des Kindes nicht nachgegangen ist, sich diesem nicht gestellt und mit ihm verhandelt hat

Doch was kann man tun? Man ist ja auch schließlich nur ein Mensch. Warum entwickelt sich so eine Kette von Ereignissen, die in manchen Tagen solche Teufelskreise bilden?

Interessanter und konstruktiver ist es sich die Tage der Engelskreise anzusehen. Engelskreise sind Ergebnisse positiver Rückkopplungen. Bleiben wir im Bild der Klänge, Töne und Schwingungen. Wenn wir uns selbst als einen Resonanzkörper in einem für Schwingungen sensiblen Gebilde vorstellen, dann beeinflussen unsere Schwingungen, den Klang der anderen Körper und umgekehrt. Alles schwingt und hört nicht auf, bis wir das Konstrukt verlassen.

Nun sind die Schwingungen nicht irgendwelche energetischen Wellen, sondern Kommunikation. Erwachsene können wir eventuell täuschen und unsere Gefühlswelt vor ihnen verstecken. Bei Kindern scheitert man mit diesem Vorhaben.

Wenn wir eine Atmosphäre bevorzugen, in der sich Kinder entwickeln und lernen können, dann müssen wir bei uns anfangen. Da wir also nicht so tun können als ob, müssen wir unsere Stimmung wirklich beeinflussen.

„If you wanna play the big simphonies you gotta tune!“ (Jon Kabat-Zinn)

Es ist nicht schlimm, sein wahres Ich zu verbergen. Auf Dauer ist das aber nicht gesund. Es führt zur Entfremdung. Man spielt nur noch irgendwelche Rollen und das ist anstrengend. Man ist leichter gestresst und die Gedanken schweifen ab.

Spätestens dann ist es an der Zeit, inne zu halten und sich selbst (wieder) zu finden. In den letzten Jahren sind dazu fernöstliche Meditationspraktiken in den westlichen Alltag eingeströmt. Eine davon ist die Achtsamkeitsmeditation , die auch „Mindfulness-Based Stress Reduction“  genannt wird (https://de.wikipedia.org/wiki/Achtsamkeitsbasierte_Stressreduktion).

Sie ist eine Mixtur aus Lebenshaltung und psychologischem Know-How.

Grundlegend ist die Idee, dass man nur Mitgefühl mit anderen Menschen entwickeln kann, wenn man dies zunächst mit sich selbst hat. Der Selbstwert speist sich in hiesigen Breitengraden aus der eigenen Leistung (vor allem im Beruf). Die lässt sich immer unterschiedlich bewerten. Ein zu großer Perfektionismus beispielsweise, lässt viele nie zufrieden sein mit dem eigenen Tun. Das führt zu einer Unzufriedenheit mit sich selbst. Den daraus entstehenden Teufelskreis kann man aber unterbrechen. Und zwar,  indem man mehrmals am Tag seine Augen schließt, sich auf seinen Atem konzentriert und sich zuhört, während man sich fragt: „Wie geht’s mir eigentlich gerade?“

Das Ziel dieser Übung ist klar und wach zu werden. Und es gibt viele Wege dieses Ziel zu erreichen. Auch Joggen, Musizieren oder Lesen können meditativ wirken, solange man sich nur darauf konzentriert und einlässt.

Kinder sind mit ihrer Aufmerksamkeit stets in der Gegenwart. Daraus speist sich ihre unfassbare Fähigkeit zur Freude. Für sie existieren nur Momente. Erwachsene rufen dieses menschliche Potenzial nicht ab. Der Verstand bläht sich auf und wandert umher. Sie grübeln über Vergangenes oder schmieden fantastische Pläne für die Zukunft.

Dabei verpassen wir aber vieles in der Gegenwart. Wir werden handlungsunfähig und gefühlsarm.  Es lohnt sich also das Gedankenkarussel anzuhalten und die Umwelt zu erfahren ohne sie zu bewerten. Das schafft man, indem man überzogene Erwartungen und alte Angewohnheiten loslässt und sie realistisch betrachtet.

Tom Sawyers Schicksal hängt nicht davon ab, ob und welche Strafe ihm seine Oma aufbrummt. Es würde reichen, wenn sie einfach nur da ist. Und zwar vollkommen in jedem Augenblick, den sie mit ihm verbringt. In dem Lachen der Großmutter zeigt sich ihr menschliches Herz. Und das braucht man um Kinder zu erziehen.