Solidarität? Fehlanzeige.

Kampala

Gähnende Leere: An der Makerere Universität wird zurzeit gestreikt. Foto: OER Africa/Flickr

Ausnahmezustand an der Makerere University in Ugandas Hauptstadt Kampala: Hier herrscht ein universitätsweiter Streik. Unser Autor Lukas Daubner berichtet von diesem für deutsche Verhältnisse unvorstellbaren Vorgehen und diskutiert, warum eine solche Solidarität unter den deutschen Universitätsangestellten momentan kaum denkbar ist.

Über Uganda hört man hierzulande wenig. Wenn doch, geht es meistens um die vorbildliche Bekämpfung von HIV und AIDS, ihre einzigartige Flüchtlingspolitik oder ehemalige Kindersoldaten im Norden des Landes. Doch über Bildung in dem Land mit der durchschnittlich jüngsten Bevölkerung der Welt liest man hierzulande nur wenig.

Eine Nachricht ging in den vergangenen Tagen daher nahezu komplett unter: An Ugandas größter Universität herrscht derzeit Stillstand. Grund ist ein Streik der gesamten Uni. Die Journalistin Simone Schlindwein berichtet in der taz davon, dass – obwohl vergangene Woche das Semester angefangen hat – gähnende Leere auf dem Campus herrscht. Gerade die Studierenden sind besonders betroffen vom Streik. Sie bringen die rund 400€ Studiengebühren pro Semester unter teils großen Anstrengungen auf, um sich weiterzubilden und bessere Jobchancen zu bekommen, und können jetzt trotzdem nicht studieren. Ihre Wut scheint sich aber eher gegen die unfähige Regierung zu lenken als gegen die streikenden Universitätsangestellten.

Solidarität und Streik als Druckmittel

Der Hintergrund des Streiks ist, dass der seit 30 Jahren herrschende Präsident Yoweri Museveni und seine Bildungsministerin (und Ehefrau) Janet Museveni eine grundlegende Reform des Bildungssystems versprochen haben. Damit einhergehend sollte es Lohnerhöhungen für alle Universitätsangestellten geben. Aber bisher hat nur das Lehrpersonal davon profitiert. Die restlichen Gelder sind dem taz Bericht nach in den für seine Korruption verrufenen Straßenbau geflossen. Verwaltungsangestellte, Bibliothekar_innen und Reinigungskräfte gehen dagegen leer aus. Der Streik ist also ein Druckmittel, um die Lohnerhöhungen bei allen Universitätsangehörigen durchzusetzen. Ein universitätsweiter Streik allein ist schon bemerkenswert, wirklich spannend daran ist aber die Solidarität unter den verschiedenen Angestellten. Professor_innen die für Gärtner_innen, Putzkräfte und den Sicherheitsdienst streiken?

Uganda als Vorbild

Ein vergleichbares Vorgehen ist in Deutschland nicht vorstellbar: Lehrende, die oft selbst prekär beschäftigt sind, würden sich kaum mit anderen Universitätsangestellten solidarisch stellen. Die Realität ist eher, dass Lehrende um die wenigen festen Stellen kämpfen oder Professor_innen sich höchstens für seine oder ihre Sekretärin einsetzen. Die schlechte Bezahlung von Reinigungs- oder Sicherheitskräften wird (vielleicht mit einem etwas schlechten Gewissen) hingenommen – oder verdrängt. Was kann man schon dagegen tun? Sie sind ja in der Regel outgesourced, also keine Universitätsangehörigen. Gewerkschaften wie Ver.di oder GEW versuchen zwar seit einiger Zeit in den Universitäten Fuß zu fassen, ihr Erfolg ist aber weiterhin überschaubar.

Einen anderen Weg will die sich in Gründung befindende Uni-Gewerkschaft unter_bau (siehe auch hier) an der Goethe-Universität Frankfurt gehen. Sie hat das Ziel, alle an der Universität Angestellten zu vertreten: Sicherheits- und Reinigungspersonal, Sekretär_innen, Lehrbeauftragte etc. Sie wollen eine Solidarität etablieren, wie sie an der Makerere Universität gerade gelebt wird. Dass sie die Professor_innenschaft als wichtige Akteursgruppe nicht berücksichtigen wollen, widerspricht dem allerdings etwas.

Der Erfolg des Vorhabens steht in den Sternen. Vielleicht erreicht der Vorstoß aber, dass in Frankfurt und anderswo mehr darüber diskutiert wird, wer eigentlich alles für das Aufrechterhalten des Universitätsbetriebs wichtig ist. Was wären Lehre und Forschung ohne die ganzen Serviceangestellten? Würden diese streiken, würde der Lehr- und Forschungsbetrieb schnell zum Stillstand kommen.

Konkurrenz um jeden Preis?

Auch ob der Streik in Kampala erfolgreich ausgeht und die Studierenden ihr Studium bald wieder aufnehmen können, ist ungewiss. Das solidarische Verhalten der Angestellten kann aber als Vorbild für deutsche Universitäten genommen werden. In den vergangenen Jahren wurden Wettbewerb und Konkurrenz um jeden Preis propagiert, um die Universitäten „konkurrenzfähig“ zu machen. Die zur Zeit in die nächste Runde gehende Exzellenzinitiative ist eine Ausprägung von diesem Denken. Gegen die trotz oder wegen der „Exzellenzmittel“ schlechten Arbeitsbedingungen und niedrigen Gehälter der nichtwissenschaftlichen aber auch der wissenschaftlichen Angestellten wäre eine stärkere Solidarisierung der unterschiedlichen Statusgruppen sinnvoll. Dahin ist es aber, zumindest in Deutschland, noch ein langer Weg.