Mutige Bildungspolitik 2029

Bildungspolitik_Mut

Mehr Mut braucht das Land. Foto: Gerhard Rauchwetter/picture-alliance/dpa Collage: Johannes Beck

Mit dieser fiktiven Rede von Bundesministerin Gülbahar Yilmaz bei der Amtsübergabe im Bundesministerium für Bildung und Forschung am 17. Dezember 2029, zeigt unser Autor Lukas Daubner, was in der (sozialdemokratischen) Bildungspolitik jetzt passieren muss, damit Chancengleichheit endlich Realität wird.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich möchte das Ziel meiner Amtszeit mit den Worten Willy Brandts benennen: Bildungspolitik muss wieder an die Spitze der Reformen gestellt werden. Das bedeutet Mut zu Veränderungen. Seit sechzig Jahren sagt uns die Pädagogik, wie Schule besser und gerechter sein könnte. Seit dreißig Jahren kommt die Neurowissenschaft hinzu. Wir hängen diesen Erkenntnissen hinterher! Die politischen Antworten auf die drängende Frage der Ungleichheit und Innovationslosigkeit des Bildungssystems sind bisher unbefriedigend.

Ein erster Schritt meiner Amtszeit wird das ‚Gemeinschaftsschulen-Gesetz‘ sein, das in Kürze zur Abstimmung kommen wird. Damit wird endlich umgesetzt, was wir Sozialdemokraten seit jeher einfordern: Das Recht aller Kinder auf gute Bildung. Ich erzähle nichts Neues, wenn ich sage, dass Bildungsungleichheit und hohe Selektivität im Bildungssystem stark miteinander zusammenhängen. Deshalb müssen wir endlich die Selektivität des Schulsystems verringern – und das wird nur gelingen, wenn es neben der Gemeinschaftsschule keine weitere Schulform mehr gibt. Die Einführung einer Schule für alle rüttelt, darüber bin ich mir im Klaren, an einer fast heiligen Bastion: dem Gymnasium.

Und dennoch: In vielen Bundesländern hat sich schon vor Jahren die Gemeinschaftsschule als zweite Säule etabliert. Das Gymnasium hat vielerorts bereits an Bedeutung verloren. Eltern erkennen, dass die Gemeinschaftsschulen die besseren Konzepte nicht nur für individuelle Förderung bieten. Sie hat auch innovativere Antworten auf gesellschaftliche sowie didaktische Herausforderungen. Unser Ziel der nächsten Jahre wird es sein, das Erfolgsmodell Gemeinschaftsschule flächendeckend einzuführen. Dass das keine verrückte Utopie ist, machen uns die skandinavischen Länder oder die USA schon lange vor.

Grundlegende Reformen für mehr Chancengleichheit

Ich möchte hier betonen, dass es bei der Gemeinschaftsschule nicht darum geht – wie einige Kritiker_innen konstruieren –, den Familien die Kinder wegzunehmen und alle nach einem Schema F zu beschulen. Ganz im Gegenteil soll jeder und jede nach seinen und ihren Fähigkeiten individuell unterrichtet werden – diese Art des zieldifferenten Lernens hat sich an Gymnasien bislang nicht durchsetzen können. Starke Schüler_innen lösen schwierigere Aufgaben, und solche, die mehr Zeit brauchen, können sich diese auch nehmen. Außerdem können sie auf die Unterstützung ihrer Lehrer_innen und Mitschüler_innen zählen.

Die Verlängerung der Grundschulzeit auf sechs Jahre hat gezeigt, dass das gemeinsame Lernen von Kindern mit unterschiedlichen Stärken und Schwächen gut funktioniert. Ich bin meinem Vorgänger dankbar, dass er diesen klugen und wichtigen Schritt bereits gegangen ist. Denn es zeigt sich: Trotz anfänglicher Kritik sind viele Eltern nunmehr sehr zufrieden. Und auch die Rückmeldungen aus Forschung und Praxis geben uns recht: Kinder profitieren in ihrer gesamten Entwicklung davon, mit Altersgenossen unterschiedlicher Hintergründe und Fähigkeiten zusammen zu lernen. Mit der Gemeinschaftsschule wird dieses Prinzip auf die ganze Schullaufbahn erweitert.

Ein anderer wichtiger Baustein hin zu dieser großen Reform ist die bereits abgeschlossene Neuverteilung der Bund-Länderkompetenzen. Erst dadurch ist die Harmonisierung und Modernisierung der Bildungslandschaft endlich möglich geworden. Die Zentralisierung einiger bildungspolitischer Bereiche war notwendig – ich denke, da werden Sie mir alle zustimmen –, denn das Klein-Klein föderalistischer Bildungspolitik hat sich nicht bewährt.

Die Grundlage ist also geschaffen, um Schulpolitik in Deutschland endlich gerecht zu gestalten. Mit den didaktischen Konzepten der Gemeinschaftsschule kommen große Teile des hiesigen Schulwesens endlich im 21. Jahrhundert an. Mir ist klar, dass ich vielen Eltern und, das dürfen wir nicht vergessen, vielen Lehrkräften einiges abverlange. Reformen sind nie einfach. Das allerdings kann kein Argument dafür sein, es beim Status quo zu belassen.

Mutige Politik auch gegen Widerstände

Bei allem Reformeifer und der Überzeugung, das Richtige zu tun, gilt es dabei, alle Menschen mitzunehmen. Wir müssen bereit sein, dieses Risiko einzugehen: Gelingt uns die Reform, wird sie hinterher als selbstverständlich wahrgenommen. Niemand wundert sich heute darüber, dass Mädchen Abitur machen, dass Kinder von Arbeiter_innen oder mit Migrationsgeschichte studieren oder dass Schüler_innen mit Beeinträchtigungen gemeinsam mit allen anderen in der allgemeinen Schule lernen. Scheitern wir, müssen wir die Schelte ertragen.

Aber, und das möchte ich unmissverständlich klarstellen, hören wir bei unseren politischen Entscheidungen immer nur auf die Zweifler und die Bedenkenträger, dann ist es um Innovation und Fortschritt in der Welt schlecht bestellt. Für die Bildungspolitik hätte ein Einknicken vor den Protestierern, das sollten wir uns immer wieder vor Augen führen, bedeutet, dass die größten bildungspolitischen Erfolgsgeschichten der jüngsten Zeit nicht realisiert worden wären: Neben der Gemeinschaftsschule sind die Inklusion und der Kitaausbau zu nennen. Diese Erfolge sollten uns immer daran erinnern, dass es nur mit politischem Mut bessere und gerechtere Bildung geben kann.

Ich habe vor einigen Jahren erkannt, dass die Klagen und Widerstände insbesondere von Besitzstandswahrung getrieben sind. Menschen wollen Privilegien nicht aufgeben. Aber warum sollten wir es uns weiterhin leisten, einen Teil unseres Nachwuchses zurückzulassen und im schlimmsten Fall ein Leben lang wohlfahrtsstaatlich zu betreuen? Hier hilft der bürgerlich-konservative Zynismus wenig. Der fordert immer mehr Einsatz und Leistung der Benachteiligten, tut aber strukturell nichts daran, dass die Betroffenen tatsächlich erfolgreich sein können. Bieten wir allen Kindern die gleiche Chance, stärken wir den gesellschaftlichen Zusammenhalt und nicht zuletzt die Wirtschaft!

Mit den jetzt einsetzbaren Bundesmitteln werden wir in Absprache mit dem Finanzminister Ressourcen bereitstellen, um endlich ausreichend Lehrkräfte einstellen zu können. Denn es schadet nicht, selbstkritisch einzugestehen, dass wir lange über tolle Konzepte geredet haben, ohne den Mut aufzubringen, sie auch wirklich mit genügend Mitteln zur Umsetzung zu bringen!

Meine Amtszeit, meine Damen und Herren, stelle ich unter das Motto ‚Mut zu gerechter Bildung‘. Die Föderalismusreform und die Verlängerung der Grundschulzeit auf sechs Jahre waren mutige Schritte in diese Richtung. Ich werde diesen Weg weiter gehen.

Dieser Beitrag ist zu erst im Lesebuch „Gerechtigkeit fängt bei der Bildung an – Eine sozialdemokratische Erzählung“ der Friedrich-Ebert-Stiftung erschienen. Das Buch kann hier heruntergeladen oder bei Marion Stichler bestellt werden. Das Copyright liegt bei der FES.

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