Homos in den Sturm!

Dürfen wirklich alle mitspielen? Homosexualität im Fußball Foto: (c) Jan Duensing

Dürfen wirklich alle mitspielen? Foto: (c) Jan Duensing

Homo- und transphobe Sprüche sind immer noch Alltag auf deutschen Fußballplätzen. Aber langsam tut sich was: Vielerorts entstehen Initiativen gegen Homo-, Bi- und Transphobie im Sport und Politische Bildungsarbeit spielt dabei eine zentrale Rolle. Unser Autor Jan Duensing ist daran beteiligt ein solches Projekt in Dresden aufzubauen.

Schwuchtel“, „Schwule Sau!“, „Tucke“, „Warmduscher“ – die Liste der Beleidigungen, die ich während meiner fast 13jährigen Zeit als aktiver Fußballer auf Sportplätzen zu hören bekam, ließe sich beliebig erweitern. Zugegeben: Nicht immer war ich direkt gemeint, und doch hörte ich wahrscheinlich ein bisschen genauer hin als meine Mitspieler, seit mir im Teenageralter langsam klar geworden war, dass ich wohl „nicht so richtig hetero“ war. Die Zeit danach war für mich ein immerwährendes Versteckspiel, immer mit der Frage im Hinterkopf: Kann jemand etwas gemerkt haben? Denn ein Coming-Out, ein öffentliches Bekenntnis zu meiner sexuellen Orientierung, kam für mich nicht in Frage. Ich hatte einfach zu viel Angst vor den Reaktionen der anderen Menschen im Fußballverein.

Das Versteckspiel im Verein

Wie mir geht es wie vielen LGBT*IA (kurz für: Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Intersexual, Asexual) im Fußball. Sie fühlen sich gefangen in einer Endlosschleife zwischen Schweigen, Verstecken und Verleugnen der eigenen Identität. Das beginnt bei vermeintlich banalen Fragen, etwa, wen ich zur Weihnachtsfeier als „Plus1“ mitbringe, und reicht bis zu Vorbehalten vor dem gemeinsamen Duschen nach dem Spiel.

Der Sportjournalist Ronny Blaschke hat anhand der Geschichte des Ex-DDR-Oberligaprofis Marcus Urban ein bewegendes Buch darüber geschrieben. Darin schildert Urban, wie er auf dem Platz besonders häufig überhart und unfair zu Werke ging, um nicht den Eindruck zu erwecken „verweichlicht“ zu sein.

Heute sitzt Urban im Vorstand des von ihm mitgegründeten „Verein für Vielfalt in Sport und Gesellschaft“. In dieser Funktion tourt er durch Vereine und Schulen, gestaltet Bildungsprojekte, in denen er über Vorurteile und verschiedene L(i)ebensweisen aufklärt. Ähnliches, allerdings zumeist in Profivereinen, macht die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld aus Berlin mit ihrem Projekt „Fußball für Vielfalt“. Und bereits seit über sechs Jahren existiert „Soccer Sound“, eine Kooperation des Berliner Fußballverbandes und des LSVD Berlin-Brandenburg, wo gezielte Aktionen gegen Homo-, Bi- und Transphobie geplant und durchgeführt werden, wie z.B. eigens für den Fußballbereich konzipierte Diversity-Workshops.

Leider sieht es außerhalb der großen Metropolen immer noch vergleichsweise schlecht aus. Genau das soll jetzt geändert werden. In Dresden wird dazu ein Anfang gemacht. Unter dem Dach des „Gerede – homo, bi und trans e.V.“, der seit über 25 Jahren erfolgreiche Antidiskriminierungsarbeit leistet, entwickeln wir derzeit das Projekt „Feiner Fußball“. Dieses soll ein kostenloses Angebot für Multiplikator_innen (Trainer_innen, Schiedsrichter_innen, Vorstände, etc.) und auch ganze Mannschaften sein, sich zu den Fragen rund um nicht-heterosexuelle Lebensweisen zu sensibilisieren. Das Besondere: Zielgruppe sind Amateurvereine in Dresden und Ostsachsen, also der Region, die besonders in Verruf steht fremdenfeindliche Ressentiments zu beherbergen.

Niemand will vorneweg gehen

Die ersten Schritte sind erwartungsgemäß schwer: Kaum ein Verein will bei dem Thema aktiv vorneweg gehen. Dahinter steht die Angst mit einem solchen Workshop-Angebot die Botschaft auszusenden: „Bei uns gibt es ein Problem! Wir holen uns Hilfe!“ Die meisten Vereinsverantwortlichen sind daher zurückhaltend, verweisen darauf, dass es in ihren Vereinen keien Outings gebe. In der Ansprache ist es wichtig diese Ängste zu nehmen und deutlich zu machen, dass lediglich darum geht ein Umfeld zu schaffen in dem alle dem Sport nachgehen können, den sie lieben. Letztlich können davon auch die Vereine profitieren – sie erweitern das Spektrum an potenziellen Spielern, die sich zugleich wohl in ihrer Haut und im Verein fühlen können.

Bei all diesen Bemühungen steht vor allen Dingen eins im Vordergrund: Endlich raus zu kommen aus der Unsichtbarkeit! Denn solange LGBT*IA-Menschen in der Fußball-Welt keine Rolle spielen, wird sich auch nichts verändern. Erst wenn sie nicht mehr zu übersehen sind, werden sich Denkweisen ändern und offene Diskriminierungen abbauen. Es gilt also, ganz im fußballerischen Sinne, offensiv zu handeln . Also: Homos in den Sturm!

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