Willkommensklassen: Die nächsten Schritte

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Tische und Stühle alleine reichen nicht für eine gelingende Integration. Foto: Allison Meier/Flickr

In diesem zweiten Beitrag der zweiteiligen Serie stellt Anne Köster außercurriculare Angebote vor, die die Integration der geflüchteten Schüler_innen aus den so genannten Willkommensklassen in die Regelklassen und in die Berufswelt in Deutschland erleichtert.

Die Lehrkräfte übernehmen eine Schlüsselfunktion, wenn es um die Integration der jugendlichen Migrant_innen in weiterführende Bildungsangebote und den Arbeitsmarkt geht. Neben dem allgemeinen Bewerbungstraining brauchen sie individuelle Studien- und Berufsberatungen. Coaching kann den jungen Erwachsenen dabei helfen, gezielt nach Ausbildungs- oder Studienplätzen zu suchen, mit potenziellen Arbeitgeber_innen oder einem Immatrikulationsamt in Kontakt zu treten, sowie ihre Stärken und Schwächen zu analysieren. Im Rahmen von Workshops können sich die Jugendlichen von Personaler_innen Feedback zu ihren Bewerbungsunterlagen und ihrer Außenwirkung einholen.

Da gute Noten bei der Bewerbung auf einen Ausbildungs- oder Studienplatz wichtig sind, wirbt Sara Appelhagen vom Netzwerk Integration dafür, dass Schulen sich vermehrt um Kooperationen mit Bildungsträgern bemühen. Diese bieten Unterstützung bei der Erledigung von Hausaufgaben und der Prüfungsvorbereitung sowie Übungs- und Nachhilfestunden an. Zudem könnte man die Jugendlichen zu Jugendleitern ausbilden. Die ehrenamtliche Jugendarbeit würde ihnen die Gelegenheit geben, Zusatzqualifikationen zu erwerben, die ihnen bei späteren Bewerbungen zugutekommen. An Projektschulen im niedersächsischen Landkreis Diepholz wurden diese Maßnahmen bereits eingeführt – mit großem Erfolg.

Traumatisierten Kindern und Jugendlichen Halt geben

Nicht selten sind die geflüchteten Kinder und Jugendlichen traumatisiert. Laut einer Studie der Universität Konstanz zeigte in einer Gemeinschaftsunterkunft fast jede_r fünfte Minderjährige Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung. Ursache für diese Traumata sind erhebliche Verluste: der Verlust oder die räumliche Trennung von Familienmitgliedern, Freunden und einer vertrauten Umgebung sowie der Verlust ihres sozialen Satus und Orientierung stiftender soziokultureller und religiöser Praktiken. Zusätzlich mangelt es diesen jungen Menschen an persönlichen Zukunftsperspektiven, einem Sicherheitsgefühl und an Selbstidentifikation. Kinder und Jugendliche sind besonders von solchen seelischen Beeinträchtigungen betroffen, weil sie in einem Alter sind, in dem ihre Persönlichkeit auf der biologischen und psychischen Ebene noch nicht vollständig entwickelt ist. Außerdem machen sie in Deutschland Erfahrungen, die ihre Traumata verstärken können: etwa Anfeindungen durch Anwohner, Diskriminierungen in der Schule oder die Angst vor der Abschiebung. Oftmals leiden auch ihre Eltern und Geschwister unter psychischen Erkrankungen. In solch einem dysfunktionalen familiären Umfeld haben sie kaum eine Möglichkeit, ihre Traumata zu verarbeiten. Häufig üben die Angehörigen zusätzlichen Druck auf sie aus, da die Integration in Schule und Beruf oftmals die Grundlage für die weitere Aufenthaltserlaubnis der Familie ist.

David Zimmermann, Wissenschaftler am Berliner Institut für Traumapädagogik, hat herausgefunden, dass traumatisierte Kinder und Jugendliche in der Schule oft unruhig, unkonzentriert und aggressiv auftreten – oder aber ein introvertiertes, depressives und selbstzerstörerisches Verhalten an den Tag legen. Um die traumatischen Störungen nicht zu verstärken, müssen die Pädagogen die psychosoziale Situation und die individuellen Bedürfnisse ihrer Schüler_innen verstehen. Sie müssen bereit und in der Lage sein, den traumatisierten Schüler_innen Interesse an ihrer Lebensgeschichte entgegenzubringen, ihnen Halt zu geben, und einen sicheren Raum zu schaffen. Es bedarf außerdem einer sensiblen Erinnerungskultur in der Klasse. Qualifizierungsmaßnahmen können helfen, die Lehrkräfte für dieses Thema zu sensibilisieren und theoretische Grundkenntnisse der Traumapsychologie zu vermitteln. Zudem lernen sie, wie sie traumapädagogische Ansätze in die tägliche Praxis einbinden können. Um dies zu leisten, so Zimmermann, sind außerdem professionelle Reflexionsräume für die Lehrenden vonnöten. Zudem sollte das Lehramtsstudium um ein entsprechendes Lernmodul ergänzt werden. Und schließlich müssten die Schulen etwas von ihrer Leistungsfixierung abrücken.

Gleichberechtigte Teilhabe am Unterricht garantieren

Bereits seit den siebziger Jahren stehen Lehrer_innen vor der wichtigen Aufgabe, Schüler_innen, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, in die Regelklassen zu integrieren. Mit der steigenden Zahl der Zugewanderten ergeben sich jedoch neue Herausforderungen. Im Jahr 2014 hatte hierzulande jede dritte Person im Alter von 5 bis 15 Jahren einen Migrationshintergrund im engeren Sinne. Das bedeutet, dass entweder die Großeltern, die Eltern oder sie selbst nach 1949 in das heutige Gebiet der Bundesrepublik eingewandert sind. Die Kultusministerkonferenz empfiehlt den Schulen daher, interkulturelle Bildung als Teil des allgemeinen Erziehungsauftrags zu verstehen. Das heißt, dass alle Schüler_innen zu Humanität, Freiheit, Verantwortung, Solidarität, Völkerverständigung, Demokratie und Toleranz erzogen werden und interkulturelle Kompetenzen erwerben sollen. Idealerweise sollten die Lehrkräfte interkulturelles Lernen als Querschnittsaufgabe der pädagogischen Arbeit verstehen, und Interkulturalität nicht anhand einzelner Themen und isolierter Fächer vermitteln. Wichtig ist, dass alle Kinder und Jugendlichen lernen, ihre eigenen Sichtweisen zu hinterfragen. Um dies zu leisten, muss der Unterricht laut Regine Hartung, Leiterin der Beratungsstelle für Interkulturelle Erziehung in Hamburg, Raum für den Wechsel von Perspektiven und unterschiedliche Sichtweisen auf Unterrichtsgegenstände bieten. Inhalte, Methoden sowie Lehr- und Unterrichtspläne müssen der kulturellen und sprachlichen Vielfalt in den Klassen angepasst und die Schüler_innen individuell gefördert werden. Daher sollten Unterrichtsmaterialien verwendet werden, die auf die Reproduktion von Stereotypen verzichten und stattdessen eine tiefergehende Auseinandersetzung mit Vielfalt anregen. Jede_r Einzelne soll die Möglichkeit erhalten, seinen oder ihren kulturellen und sprachlichen Hintergrund in das Schulleben einbringen zu können – und zwar auf Augenhöhe mit der Mehrheit. Auf diese Weise können die Schüler_innen eine integrative, multiperspektivische Lernkultur aktiv mitgestalten; und Schulen werden zu Lernorten des sozialen Zusammenhalts und der gleichberechtigten Teilhabe.

Die nächsten Schritte

Wie können Lehrer_innen und Schulleitungen also den Herausforderungen gerecht werden, die sich aus der steigenden Zahl an geflüchteten Kindern und Jugendlichen ergeben? Dies erfordert erstens, dass die Schüler_innen in den Willkommensklassen fit für die Regelklassen gemacht werden. Die Lehrer_innen sollten den Kontakt zu deutschen Muttersprachlern fördern, indem sie ihnen frühzeitig die Teilnahme am regulären Unterricht in Schlüsselfächern wie Englisch, Mathe oder Physik ermöglichen und gemeinsame Freizeit- und Projektaktivitäten an den Nachmittagen ausbauen. Damit die Geflüchteten erfolgreich in den Arbeitsmarkt integriert werden können, bedarf es zweitens Unterstützungsangebote wie Bewerbungstrainings, Hausaufgabenhilfe und individuelle Berufs- und Studienberatungen. Dringend notwendig ist drittens, dass in Kooperation mit einem Unterstützernetzwerk sichere Räume an den Schulen geschaffen werden, die den traumatisierten Kindern und Jugendlichen Halt geben und es ihnen ermöglichen, ihre Traumata aufzuarbeiten. Darüber hinaus müssen die Lehrer_innen viertens interkulturelle Unterrichtskonzepte in ihrer pädagogischen Praxis anwenden, die die gleichberechtigte Teilhabe der Zugewanderten an Bildungsprozessen ermöglichen. Mithilfe dieses Maßnahmesets können die Schulen einen entscheidenden Beitrag zur erfolgreichen Integration der jungen Menschen mit Migrationsgeschichte in unsere Gesellschaft leisten.

(Dieser Text ist am 3. Februar 2016 als Online-Spezial-Beitrag der Berliner Republik erschienen.)

 

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