Willkommensklassen: Was jetzt zu tun ist

Willkommensklasse

Reicht das? In Berliner Willkommensklassen steht bisher für Geflüchtete nur Deutsch auf dem Lehrplan. Foto: Anne Köster

Dreißig Prozent der Asylsuchenden in Deutschland sind minderjährig. Die Integration dieser Kinder und Jugendlichen stellt die Schulen vor besondere Herausforderungen. Was jetzt zu tun ist, zeigt sich mit Blick auf die kulturelle Vielfalt in unseren Klassenzimmern. In diesem ersten Beitrag der zweiteiligen Serie gibt Anne Köster einen Überblick über die Situation in Berliner Willkommensklassen.

Laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge stellten im vergangenen Jahr 137 479 minderjährige Geflüchtete einen Asylantrag in Deutschland. Genau wie alle anderen 6 bis 16-Jährigen sind auch diese Kinder und Jugendlichen hierzulande schulpflichtig. Ab wann sie eine Schule besuchen müssen, legt jedes Bundesland individuell fest: In Thüringen beginnt die Schulpflicht drei Monate nach Ankunft, in Baden-Württemberg erst nach einem halben Jahr und in anderen Ländern bereits sofort nach der Ankunft. Angesichts dieser massiven Neuzugänge stehen Schulleitungen wie Lehrende vor vielen offenen Fragen: Wie sollen sie die Willkommensklassen strukturell und inhaltlich gestalten? Wie können sie bestmöglich zur Arbeitsmarktintegration der Jugendlichen beitragen? Wie sollen sie mit traumatisierten Geflüchteten umgehen? Und wie können sie die kulturelle Vielfalt im Klassenzimmer zum Vorteil aller nutzen?

Willkommensunterricht als Brücke in die regulären Schulklassen

Das Konzept der Deutschlern-, oder auch der sogenannten Willkommensklassen, ist nicht neu. Bereits im Jahr 1971 führte der Berliner Senat sie ein. Die überwiegend türkischstämmigen Zuwanderer_innen sollten innerhalb von ein bis zwei Jahren Deutsch lernen. 2007 gab der Senat dieses Konzept jedoch mit der Begründung auf, dass die Kinder und Jugendlichen besser integriert würden, wenn sie direkt in das reguläre Schulsystem einträten und ergänzenden Deutschunterricht an den Nachmittagen erhielten. Vier Jahre später führte der Senat die Willkommensklassen jedoch wieder ein, um die überforderten Lehrer_innen zu entlasten. Bis zum vergangenen Sommer war die Zahl der Deutschlernklassen bereits auf das Vierfache gestiegen; aktuell sind es 670 allein in Berlin. Die rund 7 380 Schüler_innen wechseln spätestens nach anderthalb Jahren in den regulären Schulbetrieb.

Für die Lehrenden ist die größte Herausforderung die Vielfalt der Schüler_innen. Die Unterschiede betreffen nicht allein ihren kulturellen und sprachlichen Hintergrund; auch ihr Alter und Bildungsstand unterscheiden sich. Manche Schüler_innen verfügen über sehr gute Vorkenntnisse, andere sind nicht einmal alphabetisiert, weil sie bisher keinen Zugang zu Bildung hatten.

Viel Verantwortung bei geringer Unterstützung

Ein Beispiel aus der Praxis: Vor einem knappen Jahr übernahm die Lehrkraft Nissren Schäfer eine neu gegründete Willkommensklasse in einer Berliner Schule. Sie setzt vor allem auf Binnendifferenzierung und kleine Lerngruppen, um den Bedürfnissen der zwölf Lernenden gerecht zu werden. Damit die Schüler_innen sich nicht über- oder unterfordert fühlen, passt Schäfer die Aufgaben ihrem individuellen Kenntnisstand an. Zusätzlich werden Teams mit Schüler_innen unterschiedlicher Leistungsstufen gebildet. Diese erarbeiten sich gemeinsam neue Inhalte und festigen den Unterrichtsstoff.

Das Problem: Die Unterrichtsgestaltung und die Suche nach geeigneten Unterrichtsmaterialien liegt allein in der Verantwortung der befristet angestellten Lehrkräfte. Die Berliner Senatsverwaltung stellt lediglich Hinweise zur Feststellung der Deutschkenntnisse und einen Leitfaden zur Verfügung, der Themen festlegt, die im Unterreicht nicht behandelt werden sollen – etwa Religion, Politik, Biografien und Familie. Bislang gibt es jedoch keine konkreten Vorgaben – und damit keinen Orientierungsrahmen, den die Lehrkräfte gerade zu Beginn ihrer Tätigkeit benötigen. Um ihnen die pädagogische Arbeit zu erleichtern, verteilte der Berliner Senat ab Februar diesen Jahres Starterpakete in allen Schulen mit Willkommensklassen. Diese enthalten Informationen zum Thema Sprachunterricht und Geflüchtete, einen Film, der das Berliner Schulsystem in verschiedenen Sprachen erklärt, sowie Arbeitsmaterialien, die sich bereits in Willkommensklassen bewährt haben. Darüber hinaus bedarf es neben einem Rahmenlehrplan jedoch auch eines Lehrbuches, das speziell auf diese Zielgruppe abgestimmt ist und Inhalte bis zum Sprachniveau B1 abdeckt.

Nur Deutsch lernen reicht nicht

In den Berliner Willkommensklassen ist es zudem üblich, dass die Schüler­_innen ausschließlich Deutschunterricht erhalten. Nur in vereinzelten Fällen dürfen sie am Regelunterricht in den Fächern Sport, Musik oder Kunst teilnehmen. Der Unterricht ist demnach sehr einseitig; Wissen, das sie später für den Einstieg in den anderen Fächern benötigen, wird nicht vermittelt. Um mehr Abwechslung in den Schulalltag zu bringen und um den Übergang in reguläre Klassen zu erleichtern, dürfen die Kinder und Jugendlichen in Schäfers Schule mittlerweile zu 30 Prozent am regulären Unterricht teilnehmen, wahlweise in Mathe, Englisch, Physik und Chemie. So kommen sie vermehrt mit deutschen Muttersprachlern in Kontakt und lernen neue Inhalte. Zusätzlich organisieren die Lehrer_innen gemeinsame Aktivitäten am Nachmittag, um beide Seiten zusammenzubringen: Die Schüler_innen kochen zusammen oder unternehmen Ausflüge. Dies erfordert zum einen offene und kooperationsfreudige Lehrer und Schulleitungen. Zum anderen sind entsprechende personelle und finanzielle Ressourcen in den Willkommensklassen notwendig.

(Dieser Text ist am 3. Februar 2016 als Online-Spezial-Beitrag der Berliner Republik erschienen.)

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