Wir mussten immer Stöcke sammeln, damit die Lehrer_innen uns damit schlagen konnten

Cindy, Stacey und Carol sprechen mit unserer Autorin Ruth über ihre Schulzeit. Foto: (c) Ruth Asan

Cindy, Stacey und Carol sprechen mit unserer Autorin Ruth über ihre Schulzeit. Foto: (c) Ruth Asan

Wie ist es, in anderen Ländern zur Schule zu gehen? Was machen Schüler_innen und Lehrer_innen in anderen Ländern? Unsere Autorin Ruth Asan hat Cindy, Stacey und Carol aus Kenia befragt.  

Seien wir mal ehrlich, wir alle hatten unsere kleinen Tragödien in der Schulzeit. Akne, unfaire Klassenlehrer_innen, schlechte Chemienoten. Das alles ist ein Klacks gegen das, was meine Altersgenossinnen in Kenia erlebt haben.

Irgendwo in Nairobi, früher Nachmittag. Satt und zufrieden sitze ich mit Carol, Cindy und Stacey nach dem Mittagessen zusammen. Meine drei kenianischen Freundinnen und ich arbeiten im gleichen Nachhaltigkeitsprojekt. Wir haben vieles gemeinsam: Wir sind etwa im gleichen Alter, haben studiert und lachen über die Witze der gleichen Blogger (Bikozulu).

Im Schatten immergrüner Bäume unterhalten wir uns, tauschen Geschichten von „Zuhause“ aus. Da, wo wir über die Weihnachtstage Leute getroffen haben, die wir aus der Schulzeit kennen. Wir geraten ins Schwärmen – über die gute alte Zeit, als man noch keine Verpflichtungen kannte. Kein Job, keine Steuern, keine Formulare.

„Alles war aber auch nicht gut“, sage ich. „Wir verdrängen nur gerne die schlechten Sachen aus dieser Zeit.“ Zum Beispiel, dass man immer von jemandem abhängig war.

„Stimmt“, sagt Cindy. „Und das Gehänsel. Wenn du eine Frau wirst und Brüste bekommst, da hören die blöden Sprüche gar nicht mehr auf. Vor allem, wenn du ein Spätzünder bist. Oder ein Frühzünder.“ „So wie die, die sitzen geblieben sind“, sagt Stacey. „Manche haben so oft eine Klasse wiederholt, die gingen schon auf die 20 zu und waren immer noch in der siebten oder achten.“

„Die Mädchen wurden immer auf die Waden oder die Handflächen geschlagen, die Jungs auf den Hintern.“

„Das waren fast immer auch die, die am meisten geschlagen wurden“, sagt Carol. „Erinnert ihr euch an die Prügel?“ Energisches Nicken. „Die Mädchen wurden immer auf die Waden oder die Handflächen geschlagen, die Jungs auf den Hintern. Manchmal hatte ich schlimme Striemen an den Beinen, die haben tagelang weh getan.“

Spätestens jetzt wird mit klar, dass ich bei allen Gemeinsamkeiten keine Ahnung habe, wie meine Freundinnen aufgewachsen sind. Zu dieser Unterhaltung habe ich nicht viel beizutragen. Ich denke an meine größten Probleme während der Schulzeit zurück. Vermutlich Gewichtsprobleme. Und, dass meine Haare immer so schnell fettig wurden.

Bildung in Kenia

Von den etwa 46 Millionen kenianischen Einwohnern sind viele noch im Schulalter. 60 Prozent der Bevölkerung ist jünger als 24 Jahre, 42 Prozent jünger als 14 Jahre. Das durchschnittliche Alter liegt damit bei 19,4 Jahren (Deutschland: 46,5 Jahre).

Etwa drei Viertel der kenianischen Bevölkerung lebt auf dem Land. Die Alphabetisierungsrate liegt bei 78 Prozent (Männer 81,1 Prozent, Frauen 74,9 Prozent) – dieser Anteil der Bevölkerung kann lesen und schreiben.

Kenia investiert 6,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Bildung und liegt damit auf Platz 28 der weltweiten Statistik (Deutschland: 5 Prozent, Platz 74). Die Schullaufbahn dauert im Durchschnitt elf Jahre.

61 Prozent aller kenianischen Mädchen bleiben während ihrer Periode dem Unterricht fern. Im Verlauf der vierjährigen Highschool-Zeit fehlen sie im Durchschnitt etwa 24 Wochen, weil sie keinen Zugang zu Hygieneprodukten haben.

Hilfsorganisationen und soziale Unternehmen wie Afripads helfen afrikanischen Frauen, Zugang zu nachhaltigen Lösungen für ihre Periode zu bekommen.

Quellen:

„Da war dieser Junge, der so oft sitzen geblieben war. Der war echt groß und schon lange aus dem Stimmbruch raus. Einmal hat ihn der Lehrer so schlimm verprügelt, dass er aus dem Klassenzimmer gekrochen ist, den ganzen Weg bis nach Hause. Seine Eltern haben ihn ins Krankenhaus gebracht. Der Fall kam sogar vor Gericht, aber die Anklage wurde fallen gelassen. Und dieser Lehrer hatte schon zwei Kinder tot geprügelt.“

„Und die Stöcke mit denen sie uns geschlagen haben? Wir mussten immer ein paar Stöcke sammeln und sie in die Schule mitbringen, damit die Lehrer uns schlagen konnten. Wenn wir keine dabei hatten, bekamen wir dafür Schläge.“ „Wir mussten immer draußen welche sammeln und sie in die Schule tragen.“

„Wir mussten den ganzen Kram tragen, viele Kilometer weit, durch den Regen, die Sonne, die Dunkelheit.“ „Und manche Kinder hatten nicht mal Schuhe.“ „Wohl eher die meisten, mindestens 80 Prozent bei uns.“ „Ich habe meine Schuhe immer in meinem Rucksack versteckt, damit ich nicht geärgert werde. Was glaubst du, wer du bist, du mit deinen Schuhen?“

„Eines morgens wurden meine Schwester und ich auf dem Schulweg von Hunden gejagt. Pitbulls.“

„Wir mussten um 5 raus, weil die Schule um 6 Uhr anfing. Wer nicht um 6 im Klassenzimmer war, bekam Prügel. Eines morgens wurden meine Schwester und ich auf dem Schulweg von Hunden gejagt. Pitbulls. Wir konnten gerade noch in einen Laden flüchten.“

„Und wenn du was für’s Mittagessen dabei hattest, dann wurdest du dafür gehänselt. Oooh, du hast also Brot? Glaubst du, du bist was besonderes?“

„Manchmal haben wir in der Schule Essen aus Hilfslieferungen bekommen. Da kamen dann immer alle zur Schule. Auch, wenn es nur Maisgrieß war.“

„Wir mussten den ganzen Kram tragen, viele Kilometer weit, durch den Regen, die Sonne, die Dunkelheit.“

„Sind bei euch auch so Leute in die Schule gekommen und haben euch was von Binden erzählt?“ „Die sind gekommen, haben uns ein paar gratis Binden gegeben und uns gezeigt, wie man sie benutzt. Die Mädchen, die schon ihre Periode hatten, haben immer darum gebettelt.“

„Weil niemand Geld für Binden hatte! Unsere Lehrer haben uns gezeigt, wie man das Blut mit alten Lappen auffängt.“ „Und die sind immer ausgelaufen.“ „Jedes Mal! Wir hatten blaue Kleider aus dünnem Stoff. Die hatten immer Flecken, da wo es ausgelaufen war.“ „Dann hast du dir einen Pullover um die Hüften gebunden, aber alle wussten natürlich, was los war. Haha, die hat ihre Tage!“

Ruth_asan

Ruth Meral Asan (geb. 1988) hat Kommunikations- und Politikwissenschaft in Würzburg, Münster, Málaga und Berlin studiert. Sie hat unter anderem in der taz.die tageszeitung und bei bento veröffentlicht und arbeitet derzeit in Nairobi als freie Web- und Textredakteurin. Mehr auf ihrem Blog.

„Viele Mädchen sind deswegen einfach zu Hause geblieben, wenn sie ihre Tage hatten.“ „Und manche sind wegen der Fehlzeiten sogar von der Schule geflogen.“

Ich denke zurück an meine erste Periode. Klar, ein großer Einschnitt, wie wohl bei jedem Mädchen. Aber ich hätte nie gedacht, dass ihre Menstruation andere junge Frauen die Chance auf Bildung kosten kann (Artikel zum wissenschaftlichen Hintergrund bei The Thomson Reuters Foundation).

„Aber wie man hört, wird es langsam besser. Die dürfen jetzt keine Kinder mehr schlagen, auch wenn sie es ganz sicher noch machen. Und die meisten Schulen haben mittlerweile Strom.“

Ich denke an die Grundschule, an der ich in Nairobi jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit vorbeilaufe. Vor dem Eingangstor steht ein Wachmann, ein Askari, wie es in Kenia vor jedem öffentlichen Gebäude und vor vielen Privathäusern üblich ist. Manchmal lehnt er sich an ein Schild, auf dem das Motto der Schule steht: „Self discipline promotes excellence.“ Selbstdisziplin fördert Exzellenz.

Hoffentlich liegt die Betonung inzwischen weniger auf der Disziplin und mehr auf dem Selbst.

Der Beitrag erschien zuerst auf bento: http://www.bento.de/politik/bildung-in-kenia-drei-junge-frauen-berichten-von-ihrem-schulalltag-242376/

 

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