Mit der AfD zurück in die Vergangenheit

Bildung am Ende? Foto: any.user/Flickr

Bildung am Ende? Foto: any.user/Flickr

Was die AfD zum Thema Bildung zu sagen hat, verrät viel darüber, was sich die Partei für unsere Gesellschaft als Ganzes wünscht. Nach dem Blick auf Kita und Schule widmen wir uns im zweiten Teil unserer Serie den Plänen der AfD für Berufsausbildung und Hochschulen.

Wollte man dem bildungspolitischen Wahlprogramm der AfD ein Motto geben, wäre dies: „Früher war alles besser“. Das will man der Partei fast nicht vorwerfen. Nostalgie nach einem verlorenen Paradies und die Romantisierung der Vergangenheit sind weitverbreitete Impulse, die in jedem politischen Lager zu finden sind. Die entscheidende Frage ist, welchen Aspekt der Vergangenheit man idealisiert und aus welchen Gründen man dies tut. Die AfD rühmt am alten deutschen Bildungssystem, so wie sie es in Erinnerung hat, die Orientierung an Leistung, Fachkompetenz und Disziplin. Dass dieses System seine Ziele – selbst wenn man ihnen zustimmen wollte – nie wirklich erreicht hat, wird geflissentlicht übersehen. Soziale Selektion? Will die AfD nicht bemerkt haben. Diskriminierung von Minderheiten? Wird bei der AfD zu einer Klage über die „einseitige Hervorhebung von Homo- und Transsexualität im Unterricht“. Und das Bekenntnis zum Leistungsprinzip, das sich die AfD zurückwünscht? Eine Partei, die das alte deutsche Bildungssystem in so verklärter Erinnerung hat, muss den Pisa-Schock vergessen haben.

So wie die AfD die Schulen wieder „dreigliedern“ und Kinder nach der Grundschule gemäß ihrer Begabung auf Haupt-, Realschule und Gymnasium aufteilen möchte, ebenso hält sie es mit Berufsschulen und Universitäten. Denn auch was die (Aus-)Bildung nach Ende der Schulzeit angeht, würde die AfD am liebsten vergangene Zustände wiederherstellen und gefährdete Traditionen bewahren.

Berufliche Ausbildung: „Meister statt Master“

Der Stellenwert beruflicher gegenüber akademischer Bildung ist seit Jahren ein Politikum. Während die OECD in ihrem Bildungsbericht für Deutschland regelmäßig eine höhere Rate von Hochschulabsolvent_innen anmahnt, wird in Deutschland von verschiedenen Seiten auf die Bedeutung der dualen Berufsausbildung hierzulande hingewiesen – unter anderem auch von uns.

Auch in den Augen der AfD ist die klassische duale Berufsausbildung ein Erfolgsmodell, das durch das Streben nach immer höheren Akademikerquoten gefährdet werde. Berufsausbildung solle deswegen unbedingt gefördert werden. “Eine berufliche Ausbildung mit Anschlussqualifikationen und Weiterbildungen ist oft der goldene Weg zum Erfolg”, findet zum Beispiel die AfD Rheinland-Pfalz. Sie fordert deswegen, dass neben dem Studium auch die Meisterausbildung kostenfrei möglich sein sollte. Schüler_innen und Eltern sollte nicht der Eindruck vermittelt werden, dass nur der Bildungsweg, der zur Hochschule führt, ein erfolgreicher sei.

Den Erhalt des dualen Ausbildungssystem kann man aus verschiedenen Gründen unterstützen: Für die AfD ist dieses System in erster Linie ein weiterer Anlass für nationalistischen Dünkel und eine Abwehrhaltung gegenüber jedem Einfluss von außen. Man dürfe „diesen Schatz nicht auf dem Altar des EU-Regulierungswahns opfern“, heißt es bei der AfD Sachsen-Anhalt. „Eher sollten sich unsere europäischen Nachbarländer, die an hoher Jugendarbeitslosigkeit leiden, an uns orientieren.“

Hochschule: Zurück zu Magister und Diplom

Der Verlust nationaler Eigenheit wird auch in der Hochschulpolitik beklagt. Nicht nur droht durch das Angebot von Studiengängen auf Englisch der Verlust von „Deutsch als Wissenschaftssprache“; Die AfD sieht auch die Bologna-Reform als gescheitert an und würde sie am liebsten rückgängig machen. Dank der EU verlassen in ihren Augen Absolvent_innen mit einem Bachelor- oder Master-Abschluss die Universität, “deren ungenügende Qualifikation die Arbeitgeber nicht zufriedenstellt”; darüber hinaus leidet unter der Überregulierung und Verschulung auch die akademische Freiheit. In mehreren Bundesländern fordern AfD-Verbände daher ein Ausscheren aus dem Bologna-System und eine Rückkehr zu den Diplom- und Magisterabschlüssen.

Grundsätzlich ist die AfD eine Verfechterin der Hochschulatonomie. Die Universitäten sollen möglichst selbständig entscheiden können, welche Fächer sie anbieten, wie sie Posten besetzen oder Studierende auswählen. Die Grundfinanzierung ist durch den Staat zu sichern und die Abhängigkeit der Universitäten von Drittmitteln zu bekämpfen.

Ähnlich wie für die Schulen gilt auch für die Hochschulen das Argument der Stärke durch Differenzierung: Die Universitäten sollen einer kleinen, theoretisch interessierten Minderheit vorbehalten bleiben, während die Fachhochschulen und Berufsakademien für die Ausbildung in praktisch ausgelegten Fächern zuständig sind. Darum soll z.B. das Promotionsrecht nur bei den Universitäten liegen.

Die Freiheit der Wissenschaft muss vor “ideologischen Zwängen” geschützt werden, “z.B. vor einer durch ‘Gender Mainstreaming’ erzwungenen Aufnahme feministischer Inhalte oder vor ‘Zivilklauseln’ gegen potentiell militärisch relevante Forschung”. Über Genderforschung hat die AfD erwartungsgemäß wenig Gutes zu sagen. “Die Gender-Forschung erfüllt nicht den Anspruch, der an seriöse Forschung gestellt werden muss. Ihre Methoden genügen nicht den Kriterien der Wissenschaft, da ihre Zielsetzung primär politisch motiviert ist. Bund und Länder dürfen daher keine Sondermittel für die Gender-Forschung mehr bereitstellen.” Ganz so ernst nimmt es die AfD mit der Souveränität der Hochschulen also doch nicht.

Was uns die bildungspolitischen Positionen der AfD über ihren Gesellschaftsentwurf verraten

Der durchschnittliche AfD-Politiker – ebenso wie seine Wähler_innen – fühlt sich grundsätzlich entweder furchtbar missverstanden und/oder verfolgt und benachteiligt durch die Lügenpresse/Altparteien/linken Zecken. Tun wir der AfD etwa alle Unrecht? Ist es Sensationalismus, an dieser Stelle die extremen Positionen herauszuarbeiten, die sich in manchen AfD-Programmen finden? Muss man (nicht) vor einer Partei warnen, die findet, dass zur Erziehung von Staatsbürgern „ein grundsätzlich positiver Bezug zum eigenen Land und eine gefestigte Nationalidentität“ gehören?

Selbst wenn man – nach bestem Wissen und Gewissen – unvoreingenommen an die von der AfD verfassten, diskutierten, abgestimmten und veröffentlichten Texte geht; selbst wenn man besonders reißerische Programmpunkte einzelner Landesverbände außen vorlässt, wird man dennoch zu recht eindeutigen Schlüssen kommen:

Die AfD will zurück in die Vergangenheit. Ein bedeutender Anteil der Programmpunkte spricht von „Wiedereinführung“, „rückgängig machen“ und „zurück zu“… ja, zu was eigentlich? Einem besseren Schulsystem, in dem eine fachkompetente Lehrkraft, deren Autorität nie angezweifelt wurde, vor einer disziplinierten leistungsbereiten Klasse stand und Fakten unterrichtet hat. In dem Grundschullehrer_innen zweifelsfrei bestimmen konnten, welche 10-Jährige das Zeug zum Abitur hatte und welcher das Zeug zum Schreiner oder Elektriker hatte. In der Sexualkunde sich nur mit zwei Geschlechtern und nur einer sexuellen Orientierung befassen musste. In dem berufliche und akademische Bildung das gleiche Ansehen genossen. Kurz, ein System, das so nie existiert hat. Und in der Form, in der es existierte, nicht besonders großartig war.

Dass vieles schief läuft im deutschen Bildungssystem – geschenkt. Wir bei WBIUE verbringen unsere Zeit schließlich mit der Kritik an ihm. Aber vorwärts in die Vergangenheit kann es nicht gehen. Die AfD will unser Bildungssystem in die 50er Jahre schicken – wenn nicht sogar noch weiter zurück.