An den Hochschulen Zukunft gestalten

Hochschulen jetzt auch nachhaltig? Foto: Kilian Dreißig/Flickr

Hochschulen jetzt auch nachhaltig? Foto: Kilian Dreißig/Flickr

Nachhaltigkeit wird erst langsam ein Thema an deutschen Hochschulen. Dabei können bereits kleine Veränderungen viel erreichen. Das netzwerk n beispielsweise berät in Wandercoachings studentische Initiativen, wie sie sich für eine zukunftsfähige Hochschule einsetzen können.

Im letzten Jahr löste der Tweet einer Schülerin eine breite Debatte darüber aus, was an Schulen gelehrt werden soll. Sie forderte: Anstatt Gedichtinterpretationen sollte man lernen, wie man eine Steuererklärung macht. Eine ähnliche Debatte schwelt seit längerem auch an vielen Hochschulen. Hier geht es allerdings weniger um Steuererklärungen als um die Anpassung von Lehre und Forschung an aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen.

Der menschengemachte Klimawandel sowie der anhaltende Biodiversitätsverlust sind Themen, mit denen Studierende vieler Fachrichtungen kaum oder sogar gar nicht in Berührung kommen. Und dass, obwohl gerade Hochschulen die Orte sind, an denen unsere Zukunft maßgeblich gestaltet wird und viele Entscheider_innen von morgen ausgebildet werden.

Hochschulen sollen Zukunftslabore werden

Das Konzept von „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ (BNE) setzt genau dort an: alle drei hochschulpolitischen Kernbereiche, sprich Forschung, Lehre und Betrieb, sollen vor dem Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung neu gedacht und transformiert werden. Damit werden Hochschulen zu Zukunftslaboren und Orten des Experimentierens, an denen Nachhaltigkeit gelebt wird. Zu den Aufgaben von Hochschulen gehören daher die Förderung kritischen Denkens, die Abwägung der Folgen des eigenen Handelns für die nächsten Generationen (hier speziell im Hinblick auf die Einhaltung der planetarischen Grenzen) sowie die Schaffung von Räumen zur Persönlichkeitsentwicklung. Ziel der BNE ist also die Schaffung einer „Hochschule der Zukunft“, welche globale ökosoziale Zusammenhänge anerkennt.

Eine besondere Rolle spielen in diesem Bereich die Studierenden. Sie stecken oft voll mit Inspirationen aus Auslandserfahrungen oder ihrem persönlichen Umfeld und sind motiviert gesellschaftliche Veränderungen voran zu treiben und an ihrer eigenen Hochschule erste politische und ehrenamtliche Erfahrungen zu machen. Und obwohl sie an einem Hochschulstandort leben, sind sie durch das Internet global vernetzt. Es wundert daher nicht, dass gerade viele studentische Initiativen von ihren Hochschulen mehr Engagement für Nachhaltigkeit fordern und selbst Projekte im Sinne von BNE initiieren und umsetzen.

Studierende als Inspirationsquellen

Die Bandbreite möglicher Projekte reicht dabei von bunten Campusgärten mit Bienenvölkern über die Einführung von Veggie-Tagen in den Mensen bis hin zur Zertifizierung des Hochschulbetriebs mit Umweltmanagement-Siegeln (EMAS). Die Nachhaltigkeitsinitiative „Cradle to Cradle“ der Universität Tübingen hat beispielsweise durch gute Argumentation und Ausdauer ihre Uni davon überzeugt, dauerhaft auf umweltschonende Reinigungsmittel umzusteigen. Bei der Größe der Universitätsgebäude und der Menge an verbrauchten Reinigungsmitteln macht das viel aus. Andere Initiativen arbeiten daran, an ihren Fakultäten mehr Lehrveranstaltungen zum Thema Nachhaltigkeit und Umweltschutz anzubieten.

Mit einigen dieser studentischen Initiativen arbeitet das netzwerk n intensiv zusammen: der gemeinnützige Verein hat sich 2012 selbst aus mehreren studentischen Initiative heraus gegründet, mit dem Ziel, eine Hochschultransformation im Sinne von BNE zu fördern. Dazu berät das Netzwerk Nachhaltigkeitsinitiativen zu ihren Projekten und identifiziert gemeinsam mit den Gruppen wichtige Ansprechpartner an den jeweiligen Hochschulen. Außerdem bringt netzwerk n unterschiedliche Akteure der nachhaltigen Hochschule aus ganz Deutschland zusammen. Die Vernetzung untereinander ist wichtig, um die Gemeinsamkeiten der Bewegung zu stärken und voneinander zu lernen. Wenn studentische Initiativen verschiedener Universitäten auf Einladung des Vereins zusammenkommen, werden oft neue Projektideen entwickelt und Kooperationen geschmiedet. Ein besonderes Highlight war dieses Jahr zum Beispiel die konferenz n, die in Berlin zum Thema „Hochschule weiter denken“ mit allen Akteuren der Hochschullandschaft ausgerichtet wurde.

Das netzwerk n will Hochschulen nachhaltiger machen

Das netzwerk n bietet jungen Menschen, vor allem Studierenden und Promovierenden, die Möglichkeit, sich für Bildung für nachhaltige Entwicklung einzusetzen. Einzelpersonen können sich genau wie studentische Initiativen beteiligen und über die gemeinsame Webseite vernetzen.

Die Online-Plattform bietet den Raum, in dem sich Interessierte über neue Projektideen wie die Gründung eines Nachhaltigkeitsbüros oder gemeinsame Aktionstage an Unis austauschen können. Ganz konkret bietet der Verein auch Seminare für studentische Initiativen, die Wandercoachings, an. Dabei besuchen zwei Coaches eine studentische Initiative an ihrer Uni und arbeiten mit ihnen an ihren Projekten und Visionen. Die Coaches sind meistens selbst Studierende mit eigenen Erfahrungen im Hochschulengagement, die an ihren Unis viele Ideen umgesetzt haben. So findet ein Austausch auf Augenhöhe statt, bei dem Studierende von anderen Studierenden lernen und sich bereits gemachte Erfahrungen zunutze machen.

Durch die Wandercoachings soll  das Potential der Studierenden freigesetzt werden, um den Wandel der Hochschulen ‚von unten‘ voranzutreiben. Die vielen kleinen Aktionen und die strukturelle Veränderung, die bereits an einigen Unis einsetzt, sind Zeichen dafür, dass BNE trotz einigen Widerstands langsam Einzug in die deutsche Hochschullandschaft erhält.

Mehr Infos: https://plattform.netzwerk-n.org

Teamfoto MarieDie Autorin: Marie Kleeschulte, 24, studiert in Berlin Environmental Policy and Planning und arbeitet nebenbei beim netzwerk n. An ihrer Uni, der TU Berlin, setzt sie sich im Nachhaltigkeitsrat für Solarzellen auf dem Dach der Bibliothek ein.