Medienkonsum: Neue Lebenswelt & alte Vorwürfe

Internet

Nicht immer leicht zu verstehen, und auf manche bedrohlich wirkend: das Internet. Foto Dan GovanFlickr

Sind junge Menschen mit ihrem hohen Medienkonsum schuld daran, dass politische Bewegungen in Deutschland schwächeln? Diesen Eindruck macht der emeritierte Politikwissenschaftsprofessor Peter Grottian in einem taz-Beitrag über Nachwuchsschwierigkeiten beim kapitalismuskritischen Netzwerk Attac. Unser Autor Lukas Daubner findet, dass es eher das fehlende Verständnis vieler älteren Menschen für die Lebenswelten junger Menschen ist, welches diese davon abhält, in den etablierten Formen politisch aktiv zu sein – ein Kommentar.

Der böse Medienkonsum also. Fehlt eine Erklärung für schwierige Zusammenhänge ist dieser schwammige Begriff schnell als Grund allen Übels gefunden: Amokläufe, Politikverdrossenheit, verlernen von Handschrift und so weiter und so fort. In diesem Fall beschreibt Peter Grottian in seinem taz-Beitrag „Erstarte Bewegung“, dass Attac Schwierigkeiten hat, jungen Nachwuchs zu erreichen. Eine von Grottians Erklärung dafür ist diese: „So spannend scheint Attac bei den jungen Leuten nicht mehr zu sein: kein Wunder bei einem Medienkonsum von täglich 8 bis 10 Stunden der 16- bis 29-Jährigen.“ Seine andere Beobachtung ist – und hier würde ich ihm zustimmen -, dass es ein verbreitetes Misstrauen junger Menschen gegenüber jeglicher politischer Organisation gibt. Unsere Generation ist kaum noch Mitglied in Parteien, etablierten Institutionen stehen viele kritisch gegenüber. Ich möchte hier nicht falsch verstanden werden. Wenn Attac niedergeht, ist das ein Verlust für die linke Gegenöffentlichkeit. Und was Grottian als Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats sagt, ist auch nicht automatisch die öffentliche Position von Attac. Doch drückt seine Haltung etwas aus, was wir oft in der Politik und in politischen Organisationen finden: ein Misstrauen gegenüber jungen Menschen und ihrer Lebenswelt.

Desinteressiert durchs Internet?

Allerdings ist Grottians Zitat ein Indiz dafür, warum das so ist: Warum sollte die junge Generation mit alten Männern die sie nicht verstehen diskutieren, wenn sie im und mit dem Internet viel mehr bewegen können? Mit einem Internet, welches von der ‚alten Garde‘ augenscheinlich nicht verstanden wird und als Grund für das ratlose Hockenbleiben (so Grottian) vieler angesehen wird. Wenn diese alten Männer und Frauen, die in den verschiedenen politischen Organisationen das Sagen haben, so große Schwierigkeiten mit der Lebenswelt des potentiellen Nachwuchses haben, ist es eben kein Wunder, dass dieser im besten Fall andere Protestformen findet oder sich im schlechtesten Fall enttäuscht von der Politik abwendet.

Hinzu kommt, dass der Vorwurf, „die jungen Leute“ würden nur ratlos rumhocken schlichtweg falsch ist: Was ist mit den Protesten gegen TTIP, Datenschutzabkommen und dem so genannte Arabische Frühling? Das sind alles Beispiele, wo auch junge Menschen mit Unterstützung des Internets ihren Protest artikuliert haben. Bei der Kritik am Medienkonsum scheint schnell vergessen zu werden, dass über diese „Medien“ eben vor allem eins getan wird: kommuniziert. Ob jetzt über Katzenbilder oder Politisches sei mal dahingestellt.

Nehmt die Lebenswelten ernst

Erst in dem Moment, wo die Lebenswelten junger Menschen – und damit eben auch unser Medienkonsum – von den Machthalter_innen anerkannt und verstanden werden, haben die traditionellen Organisationen und Bewegungen eine Chance auf Erhalt. Denn, die Formen des Protests ändern sich, was bleibt sind alte Männer, die sich über junge Menschen ärgern.