Akademisierungswahn – Das missverstandene Schlagwort

Sieht so der Wahn aus? Männchen mit Abschluss. Foto: Tim Ellis/Flickr

Ist „Akademisierungswahn“ ein missverstandenes Schlagwort? Das lässt zumindest der „CHANCEN Brief“ vermuten, ein neuer und lesenswerter Newsletter der ZEIT Onlineredaktion zu Neuigkeiten aus der Hochschulpolitik und Wissenschaft. Jüngst wurde darin eine kontroverse Kommentierung der Rede vom „Akademisierungswahn“ unternommen und dieser mit Ressentiments begegnet. Dass der Begriff auch anders verstanden werden kann, blieb dabei unerkannt. 

Noch nie gab es mehr Studierende in Deutschland. Mit 2,8 Millionen ist ein neuer Höchststand erreicht. Dass sich immer mehr junge Menschen an Hochschulen einschreiben, ist Ausdruck des sogenannten „Akademisierungswahns“ – ein Begriff, der unterschiedlich (miss-)verstanden werden kann. Jenen Personen, die vom Akademisierungswahn reden, wird schnell vorgeworfen, sie wollten ein Studium nur einer kleinen Elite vorbehalten und nicht der breiten Masse ermöglichen.

Im vergangenen Jahr äußerte Anna-Lena Scholz in einem der ersten CHANCEN Briefe Kritik dieser Art. Die Rede vom Akademisierungswahn, die der Philosoph Julian Nida-Rümelin in die bildungspolitische Diskussion eingeführt hat, polemisiere gegen die Öffnung der Hochschulen und damit auch gegen die Ideale der Bildungsgerechtigkeit und -emanzipation, so Scholz. Dass Nida-Rümelin bekennender Sozialdemokrat ist, sei dabei ein besonders pikantes Detail.

Dabei ist der vielfach als Schlagwort eingesetzte Begriff einmal mehr missverstanden worden. Mit dem Begriff Akademisierungswahn drückt Nida-Rümelin nämlich keineswegs eine „Angst vor Distinktionsverlust“ aus, wie Frau Scholz es nahe legt. Es geht ihm gerade nicht darum, zu verhindern, dass immer mehr junge Menschen nach einem Studium streben, weil damit die akademische Bildung als Massenphänomen entwertet werden würde. Vielmehr möchte er aufzeigen, wie es an der Wahrnehmung und vor allem der gesellschaftlichen Anerkennung von nicht-akademischen Ausbildungswegen mangelt.

Es geht um die Anerkennung beruflicher Bildung

Es geht Nida-Rümelin mit der These vom Akademisierungswahn um dreierlei: Zunächst ist kritikwürdig, dass Studienberechtigte, also etwa Abiturient_innen, schief angeschaut werden, wenn sie sich für einen Ausbildungsberuf statt für ein Studium entscheiden. Es ist falsch jungen Menschen zu suggerieren, ihr Bildungsweg wäre nur dann erfolgreich, wenn er in der Hochschulreife und einem Studium münde.

Zum zweiten ist die Akademisierung der beruflichen Bildung problematisch, wenn damit vorrangig das Umbilden von Berufsausbildungsgängen zu Hochschulstudiengängen gemeint ist. Es ist sicherlich richtig, dass viele Berufe immer stärker von wissenschaftlichen Erkenntnissen durchdrungen werden. Deshalb muss die Ausbildung zu diesen Berufen aber noch längst nicht die Klärung von wissenschaftlichen (Erkenntnis-)Fragen in ihr Zentrum stellen, was Akademia im engeren Sinne meint. Viel eher scheint es doch lohnenswert, sich zu überlegen, wie die Qualität der beruflichen Ausbildung zu einer besseren Anerkennung fände.

Drittens hebt die These des Akademisierungswahns die Problematik hervor, dass es schon heute an nicht-akademischen Arbeitskräften mangelt. Dem wird nicht geholfen, wenn mit der Akademisierung soziale Aufstiegsmöglichkeiten suggeriert werden, die einer Abkehr von Berufsausbildungsgängen gleichkommen. Auch hier müsste es vorrangig um die höhere Anerkennung der beruflichen Bildung gehen. Insbesondere, da das frühere Versprechen nach höheren Löhnen durch ein Hochschulstudium vielfach nicht mehr eingehalten wird.

Die Gründe des Akademisierungswahns

Diesem Verständnis des Akademisierungswahns folgend, stellt sich die Frage, was überhaupt erst die Gründe für die übermäßige Betonung der akademischen Bildung sowie der Forderung nach einer immer höheren Studierendenquote sind. Einen Hinweis darauf liefert die nordrhein-westfälische Ministerin Svenja Schulze, ebenfalls in einem CHANCEN Brief: „Wenn wir uns bei der Balance zwischen akademischer und beruflicher Ausbildung weiter verbessern, wenn es uns gelingt, die Durchlässigkeit stetig zu steigern, dann werden wir auch in künftigen OECD-Bildungsberichten hervorragende Plätze belegen“.

Es sind unter anderem jene, von der OECD initiierten internationalen Vergleiche, die die Balance zwischen beruflicher und akademischer Bildung aus der Balance bringen. Weil z.B. Akademikerquoten von Ländern in Bezüge und Rankings gesetzt werden, ohne dass die unterschiedlichen Bildungssysteme tatsächlich vergleichbar wären. Kaum ein Land hat ein so differenziertes und leistungsfähiges Ausbildungssystem wie Deutschland. Dieses zu Gunsten schlecht konzipierter und unglücklich machender Bachelorstudiengänge auszutauschen, nur um in einem Ranking weiter oben zu stehen, ist verrückt. Die These vom Akademisierungswahn als Anerkennung beruflicher Ausbildungswege ist daher aktueller und notwendiger denn je.

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