Große Tage nur für Ausnahmetalente?

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Eine der vier Orte an denen der Film spielt: Havana. Foto scaturchio/Flickr

Wie verlaufen Bildungswege talentierter Jugendlicher in verschiedenen Ländern, auf verschiedenen Kontinenten? Unser Autor Alexander Konrad hat sich den Dokumentarfilm Le grand jour – Der große Tag des Pariser Regisseurs Pascal Plisson angesehen, der vier (hoch-)begabte Jugendliche auf ihrem Weg begleitet und im Dezember 2015 mit der Unterstützung der Organisation SOS Kinderdörfer in den deutschen Kinos anlief.

Schillernde Beispiele hat sich der Pariser Regisseur Pascal Plisson für seinen neuen Dokumentarfilm ausgesucht: unter anderem das indische Mädchen Nidhi, das sich auf einen Auswahltest für ein Stipendium zum Studium der Ingenieurswissenschaft vorbereitet, oder den jungen Mann Tom aus Uganda, der die Ausbildung zum Ranger im Nationalpark absolviert. Nach dem erfolgreichen Debut „Auf dem Weg zur Schule“ aus dem Jahr 2012 widmet sich Plisson willensstarken, talentierten Jugendlichen aus finanziell schwachen Familien.

Von Boxern und Schlangenmenschen

Zwei weitere der vier Geschichten spielen auf Kuba und in der Mongolei. Der Junge Albert aus Havanna will seinen Traum vom Profi-Boxer verwirklichen. Hierfür muss er einen Kampf gegen einen anderen Jungen gewinnen, um an einer renommierten Sportakademie Havannas aufgenommen zu werden. Auf diesem Weg wird Albert von seinem besten Freund begleitet. Deren Freundschaft wird durch Alberts Ambitionen auf eine harte Probe gestellt. Seine Eltern unterstützen ihn mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln. Sein Vater, der Kfz-Mechaniker ist, sieht sich teils selbst in seinem Sohn, da er früher selbst Profi-Boxer werden wollte. Seine Mutter ermutigt ihn auch zum Training, erlaubt es ihm jedoch nur, wenn er gute Leistungen in der Schule erbringt. Untermalt wird die Darstellung mit Stadtaufnahmen von Havannas Armut und verblassender Schönheit.

Deegii aus Ulan Bator bemüht sich um eine Aufnahme an einer renommierten Artistinnenschule für „Schlangenmenschen“. Hartes Training und Disziplin erfordern ihre komplette Aufmerksamkeit. Ihre Familie unterstützt sie nach Möglichkeit und ist von dem Talent ihrer Tochter überzeugt. So ist der Vater fast noch aufgeregter als die Tochter, als die Entscheidung zur Aufnahme in der Artistinnenschule bevorsteht. Kontrastiert wird die Darstellung des fokussierten Lebens Deegiis durch die urban nomadische Stadtlandschaft Ulan Bators: So wohnt ihre Großmutter in einer Jurte im Herzen der Stadt.

Ausnahmetalente ohne gesellschaftliche Repräsentanz

Technisch wirkt der Film zurückhaltend und versucht sensibel die Lebensumstände und Charaktereigenschaften der Hauptakteure in den Vordergrund zu stellen. So werden das Familienleben zuhause – ohne Voyeurismus anheim zu fallen – und die Lern- bzw. Trainingsbedingungen der Jugendlichen unkommentiert eingefangen. Verstärkt wird dies durch zahlreiche Szenen, in denen Akteur_innen direkt zu den Ereignissen zu Wort kommen. In manchen Einstellungen, vorrangig in der Darstellung von Alberts Box-Training und Kämpfen, scheint der Film dramaturgisch überformt, stellenweise sogar inszeniert. Dies überschattet den Film jedoch nicht. Die Aufnahmen der Stadtatmosphären sowie Landschaften Ugandas und am Ganges prägen stärker.

Zur thematischen Stärke und zugleich Schwäche trägt die Auswahl der Jugendlichen bei. Es ist sehr lobenswert, dass Plisson nicht stereotyp schwache Kinder aus der „dritten Welt“ darstellt, um viktimisierende Rollenbilder zu verstetigen. Dennoch wirken die Lebensläufe der vier Jugendlichen etwas zu erlesen. Hier kann man ihm vorwerfen, lediglich Ausnahmetalente zu portraitieren, die sich jedem Anspruch auf Repräsentativität ihrer jeweiligen Länder verwehren. Über die institutionellen Hintergründe der jeweiligen Bildungssysteme erfahren die Zuschauer_innen wenig. Die Kinder bzw. Jugendlichen kommen ihren Träumen nur durch eisernen Willen und die teils selbstaufgebende Unterstützung der Familien näher.

Der Film denkt global – und exklusiv

Der global gedachte Dokumentarfilm Der große Tag von Pascal Plisson ist zweifelsohne sehenswert, jedoch nicht wegen einer etwaigen Darstellung einer kreativen Bildungsutopie, sondern aufgrund der feinfühligen Skizzierung der jugendlichen Charaktere. Dass einige Szenen nachgespielt wirken, hinterlässt jedoch einen schalen Nachgeschmack.

Dass eiserner Wille und individuelle Förderungsmöglichkeiten Jugendlichen auf der ganzen Welt ermöglichen können, ihren Traum und Berufswunsch zu verwirklichen, ist allerdings nur eine (exklusive) Möglichkeit. Echte Chancengleichheit kann nur durch für alle zugängliche Bildungssysteme erreicht werden. Diese Voraussetzung beleuchtet Le grand jour – Der große Tag nahezu gar nicht.