Die ‚white lies’ in der US-Hochschulzulassung

Eliteunis nur für Weiße? So könnte man das Argument eines Richters in den USA verstehen. Foto: Juan Salmoral/Flickr

Eliteunis nur für Weiße? So könnte man das Argument eines Richters in den USA verstehen. Foto: Juan Salmoral/Flickr

Schwarze Studierende sollen an langsamere Colleges gehen, sagte vergangene Woche ein Richter am Obersten Gerichtshof der USA. Er stellt sich damit gegen Antidiskriminierungsmaßnahmen, die als ‚affirmative action’ bekannt geworden sind. Was ist das und warum wird in den USA so grundsätzlich darüber debattiert? Unser Autor Rainald Manthe hat sich die Hochschulzulassung dort einmal genauer angeschaut.

Schwarze US-Amerikaner sollten auf Colleges gehen, die weniger anspruchsvoll sind – mit dieser Aussage sorgte ein Richter am Obersten Gerichtshof der USA vergangene Woche für Aufsehen. Anlass ist desr Fall einer weißen Studierenden, die die University of Texas verklagt hat. Sie fühlt sich aufgrund ihrer (weißen) Hautfarbe diskriminiert, weil die Universität benachteiligte Minderheiten (z.B. schwarze Studierende) bevorzugt aufnimmt.

Durch ‚affirmative action’ sollen benachteiligte Minderheiten Chancen bekommen

Diese Aufnahmepolitik an den hochselektiven US-amerikanischen Colleges nennt sich ‚affirmative action’. Gemeint sind damit Maßnahmen, die versuchen, strukturelle  –  nicht individuelle – Ungleichheiten in einer Gesellschaft zu beseitigen. Der Begriff und seine Umsetzung begannen sich in den USA während der 1960er Jahre durchzusetzen. ‚Affirmative action’ geht über eine rein rechtliche Gleichstellung hinaus und setzt auf aktive Förderungsmaßnahmen zu Gunsten strukturell benachteiligter Bevölkerungsgruppen, z.B. durch die bevorzugte Aufnahme schwarzer oder hispanischer Studierender an Universitäten. Auch Bildungsprogramme und Sensibilisierungsworkshops, wie sie viele Universitäten anbieten, sind Teil dieser Politik.

Warum ist das alles notwendig? Um das zu verstehen, muss man wissen, dass die Zulassungspolitik von Colleges (also allen Institutionen, die einen Bachelor verleihen) in den USA einen anspruchsvollen Auswahlprozess vorsieht. Anders als in Deutschland, wo meist lediglich die Abiturnote oder Wartesemester für die Zulassung wichtig sind, gibt es in den USA viele weitere Bedingungen: bestimmte Punktzahlen im Collegezulassungstest, ein eigens für jede Bewerbung verfasstes Motivationsschreiben, Noten in Collegevorbereitungskursen an der Highschool, Ergebnisse persönlicher Gespräche oder ehrenamtliches Engagement sind nur einige Faktoren, die berücksichtigt werden.

Amerikanische Colleges sind hochselektiv

Die Collegezulassung in den USA ist somit aufwendig. Das gilt vor allem für die Eliteuniversitäten, die eine deutlich niedrigere Aufnahmeraten haben als etwa lokale Community Colleges. Um Benachteiligungen abzubauen, haben die meisten Colleges sozio-ökonomische Nachteile als ein Kriterium unter anderen eingebaut, etwa in Form eines bestimmten Anteils in einem Punktesystem. Zum Beispiel kann man an der University of Michigan bis zu 40 von 150 Punkten für sozio-ökonomische und ethnische Benachteiligungen erhalten.

Diese Politik wird in den USA noch immer kontrovers diskutiert. Befürworter_innen, wie etwa Bürgerrechtsorganisationen in den USA, sehen affirmative action als funktionierende Maßnahmen zum Ausgleich Jahrhunderte bestehender Diskriminierung. So könnten Benachteiligungen schrittweise abgebaut werden bis hin zu einem Zustand, in dem man keine Antidiskriminierungsmaßnahmen mehr brauche.

Gegner_innen verweisen darauf, dass die positive Diskriminierung der einen Gruppe eine Benachteiligung einer anderen mit sich bringt. Eine weitere Behauptung der Gegner_innen ist, dass mehr Benachteiligte an Colleges zu höheren Misserfolgsraten führen. Sie argumentieren auch – wie etwa der Richter Scalia am Supreme Court – mit der Mismatch-Theorie. Diese Theorie besagt, dass Studierende aufgrund ihrer nicht „leistungsbezogenen“ Bevorzugung nicht unbedingt mit der Leistung und dem Tempo eines Colleges mithalten können: Sie würden nicht an diese Einrichtung „passen“, weil sie zu langsam oder zu schlecht vorbereitet seien.

Ein Urteil vom Obersten Gerichtshof der USA könnte große Auswirkungen haben

So argumentiert auch Antonin Scalia: Diese Politik würde schwarzen Studierenden schaden, weil die Wahrscheinlichkeit, dass sie das College ohne Abschluss verlassen, durch die Aufnahme an ihnen „unangemessenen“ Universitäten größer würde.[1] Wenn der Fall „Fisher vs. University of Texas“ vor dem Obersten Gerichtshof der USA entschieden wird (was noch nicht sicher ist), kann das Auswirkungen auf Antidiskriminierungspolitiken im gesamten Land haben.

‚Affirmative Action’ wird in den USA weiter diskutiert. Sie scheint die richtige Politik zu sein, um strukturelle Diskriminierungen in der höheren Bildung zu nivellieren. Doch Hochschulzulassung ist nicht alles: In der Debatte kommt kaum zur Sprache, dass nicht die Selektion der Studierenden über ihren Studienerfolg entscheidet, sondern vor allem die Förderung während des Studiums. Dabei haben bereits viele Universitäten in den USA erkannt, dass nicht nur Selektion, sondern auch Lehrqualität und Beratungsangebote für verschiedene Zielgruppen wichtig für den Erfolg ihrer Studierenden sind.

 

[1]          „There are those who contend that it does not benefit African-Americans to get them into the University of Texas where they do not do well, as opposed to having them go to a less-advanced school, a slower-track school where they do well,“ Quelle: http://www.politifact.com/truth-o-meter/statements/2015/dec/11/antonin-scalia/scalia-says-most-black-scientists-went-lesser-coll/

Das könnte dich auch interessieren