Privatschulen: der Ausverkauf des Bildungssystems

Privatschule

Geschlossene Gesellschaft: Private Schulen vermehren sich überall in Deutschland. Foto: W***/Flickr

In den vergangenen Jahren gab es Zeiten, in denen wöchentlich zwei neue Privatschulen die Pforten für den Nachwuchs öffneten. Warum die Privatisierung des Schulwesens gefährlich für die Gesellschaft ist und man den Versprechungen der Verfechter_innen nicht allzu viel Glauben schenken sollte, erklärt unser Autor Lukas Daubner in dieser Antwort auf den pro-Artikel von letzter Woche.

Privatschulen werden in der Diskussion oft gleichgesetzt mit exzellenter Betreuung, innovativen Lehrkonzepten und super Ausstattung: Bei staatlichen Schulen kommen diese Assoziationen selten. Die grundlegende Diagnose ist auch richtig: das staatliche Schulwesen ist träge. Und, es ist marode. Beides zusammen ergibt eine schlechte Mischung. An nicht wenig Schulen ist der größte Wunsch der Kinder – in Berlin ist das Problem mehr als bekannt –, auf saubere und heile Toiletten gehen zu können. Warum auch wir dem Rat von Kirkes an Odysseus und seine Mannschaft folgen und uns die Ohren mit Wachs verstopfen sollten, um den Verheißungen der Sirenen Privatschullobby nicht zu folgen, zeige ich auf den folgenden Zeilen. Ähnlich wie in der antiken griechischen Sage, sind auch die Versprechen der Privatschulverfechter_innen verheißungsvoll. Sie werden als Inseln des perfekten Lernens in einem Meer von staatlicher Tristesse dargestellt.

Privat gleich effizient?

Aber folgen wir Odysseus‘ Beispiel, verkleben wir uns nicht die Ohren, sondern binden uns am Schreibtischstuhl fest, und lauschen den Versprechen. Was wir hören, ist: private Akteure können besser mit Ressourcen umgehen und sind flexibler als staatliche Schulen. Wegen der Konkurrenz mit anderen Anbietern, sind sie immer darauf bedacht, besser zu werden. Dass die Grundannahme nicht stimmt, hat unlängst James Meek in seinem Buch über Privatisierungsexzesse in England beschrieben. Dort oder in den USA wurde die Privatisierung von öffentlichen Gütern pervertiert. Die Folge davon sind horrende Gebühren für Bildung, die immer mehr junge Menschen mit einem riesigen Schuldenberg ins Leben einsteigen lassen. Jetzt geht es da vorrangig um Hochschulbildung, und in Deutschland sind wir zum Glück noch weit davon entfernt, dass hohe Gebühren für Bildung genommen werden können. Doch auch von besserer Bildung kann nicht per se die Rede sein. Es gibt keine Leistungsunterschiede zwischen staatlichen und privaten Gymnasien, zeigen bisherige Studien.

Reich unter sich, und der Rest

Aufgrund gesetzlicher Beschränkungen, dürfen Schulen in Deutschland Schüler_innen nicht nach dem Portemonnaie der Eltern auswählen. Umgehen dürfen diese Regelungen so genannte Ergänzungsschulen, die etwa Kinder beschulen, deren Eltern jobbedingt einige Zeit in Deutschland wohnen. Verschiedene Kultusverwaltungen weichen die Beschränkung auf: An der International School of Hamburg, wo bis zu 20.000€ Schulgeld pro Jahr fällig werden, sind mittlerweile ein Drittel der Schüler_innen Deutsche, so Engartner und Heinbach (2015) in den »Blättern«. Andere private Schulanbieter, etwa die Swiss International School1, stoßen in die Lücke. Im Fall der Hamburger Schule, wird diese sogar noch mit knapp zwei Millionen Euro staatlich gefördert. Mittel, die das staatliche Schulwesen sicherlich gut gebrauchen könnte.

Sollte die geschilderte Entwicklung so weitergehen, gehen Kinder von reichen Eltern in ein paar Jahren auf schicke private Schulen und der Rest bleibt im staatlichen Schulsystem. Vielen wohlhabenden Eltern reicht für ihre Kinder nicht mehr das »Standardprogramm« (Engartner & Heinbach 2015). Je mehr ‚Normalos‘ an die Gymnasien drängen, desto höher ist die vermeintliche Not, den eigenen Kindern eine noch bessere Bildung zu ermöglichen. Das weitere Auseinanderklaffen des Bildungssystems und somit auch der Gesellschaft wäre vorprogrammiert.

Warum staatliche Kontrolle wichtig ist

Jetzt wäre es unfair, sämtliche privaten Schulen über einen Kamm zu scheren. Natürlich stecken nicht hinter allen Trägern gewinnorientierte Unternehmen. Die kürzlich in Berlin gegründete Quinoa-Schule ermöglicht es allen Kindern, dort zur Schule zu gehen, subventioniert Schulgelder und ermöglicht Kindern und Jugendlichen aus »Problembezirken« gute Bildung. Bei diesem und ähnlichen Beispielen fällt es tatsächlich schwer, gute Gründe gegen das Engagement der Träger zu finden. Schaut man sich aber die Gesamtheit der Privatschulen an, gibt es neben diesen tollen Initiativen, eine große Zahl von Trägern, die für die Gesamtgesellschaft zweifelhafte Motive antreibt, Schulen zu betreiben. Neben den Eliteprivatschulen, die nur Gutbetuchten offen stehen, gibt es in Deutschland zur Zeit knapp 100 freikirchliche Bekenntnisschulen. Hier ist, neben den staatlichen Lehrplänen, die Bibel die Grundlage des Unterrichts. Die Erschaffung der Erde durch Gott vor ein paar tausend Jahren wird dort ebenso selbstverständlich gelehrt, wie die Idee, dass Homosexualität eine heilbare Krankheit ist. Kritiker_innen beobachten ähnliche Tendenzen auch bei muslimischen Schulträgern, etwa der Hizmet-Bewegung. Die notwendige staatliche Kontrolle der Lehrinhalte ist bei diesen Schulen nicht im ausreichenden Maße gegeben.

Was bleibt?

Nun, das Argument, dass viele private Schulen eine bessere Ausstattung und auch innovativere Lehr- und Lernkonzepte haben, als die staatlichen Gegenstücke, ist vielfach richtig. Dies ist aber jeweils nur möglich, weil wohlhabende Eltern, und manchmal auch Gönner_innen, das benötigte Geld zuwenden. Oder – wie bei der Quinoa-Schule, großer Idealismus Einzelner die Schule vorantreibt. Private Schulen sind nicht automatisch besser als staatliche. Denkt man die Forderung nach mehr privater Bildung zu Ende, steht man vor dem Problem, dass die Unternehmen – die in Deutschland auf den Markt drängen und für ihre Sache massiv Lobbyarbeit in den Ländern und beim Bund betreiben – gewinnorientiert sind. Sie vertreiben auf einem Weg ihre eigenen Schulbücher (siehe Fußnote 1), bieten Nachmittagsbetreuung und Nachhilfe an oder verkaufen die benötigte Schulkleidung. Im schlimmsten Fall ebnen sie den Weg für den Ausverkauf des Bildungssystems – mit allen negativen Folgen, die wir aus den angelsächsischen Ländern kennen – und traumhaften Gewinnen für die Investoren.

Privatisierung ist eine Flucht des Staates vor seiner Verantwortung, daher muss die Forderung an die Politik weiterhin und mit viel Nachdruck sein: nehmt die Verantwortung wahr und finanziert das Schulwesen ausreichend. Es muss daran gearbeitet werden, dass Schulen kreativer werden und ihre Schülerinnen und Schüler individuell und angemessen beschulen! Eine schleichende Privatisierung des Schulwesens kann nicht die Lösung sein. Bildung ist – wie Wasser – keine Ware, die auf einem freien Markt veräußert werden darf. Sie ist ein staatlich (!) verbrieftes Grundrecht. Damit das so bleibt, ist es – und hier bleiben wir bei Odysseus – wichtig, den Verheißungen der verschiedenen Privatschulakteure zuzuhören, ihnen aber nicht blind zu folgen.

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