Nur Privatschulen bringen Innovationen

Hogwarts - Bringt diese Schule Innovation ins staatliche System? Foto: Scott Smith/Flickr

Hogwarts – Bringt diese Schule Innovation ins staatliche System? Foto: Scott Smith/Flickr

Privatschulen werden oft verteufelt, weil sie als elitär und abgehoben gelten. Doch im Gegensatz zum trägen staatlichen Schulsystem bringen sie neue Ideen ins Bildungssystem. Damit beweisen sie, dass diese Ideen auch in der Realität funktionieren, schreibt unser Autor Rainald Manthe. Der erste Teil unserer Pro-Contra-Debatte.

In Hamburg-Wilhelmsburg soll eine staatliche Schule mit einer privaten Waldorfschule kooperieren – es gibt einen Aufschrei, von Esoterik und Anti-Aufklärung ist die Rede. Waldorfpädagogik ist vielen nicht geheuer. Der Staat solle keine alternative Bildung fördern, sagen die Kritiker_innen.

Privatschulen, also Schulen in nicht-staatlicher Trägerschaft, haben viele Gegner_innen. Elitär seien sie, ihr Zugang auf gut Betuchte beschränkt, ihre Vorteile würden nur einer Elite zuteil, und sie würden damit der Bildungsgerechtigkeit entgegenwirken. Es sei wichtiger, das staatliche Schulsystem zu reformieren, um die breite Masse der Schüler_innen zu erreichen.

Privatschulen sind Reformwerkstätten

So weit, so richtig. Doch Privatschulen erfüllen eine wichtige Funktion, die nicht ignoriert werden kann: Sie generieren Innovationen, sind „Reformwerkstätten“[1]. Sie zeigen, dass andere Schulkonzepte möglich sind – und in der Realität funktionieren. Damit nehmen sie Innovationsgegner_innen den Wind aus den Segeln, die behaupten, alternative Konzepte würden nur lebensunfähige Menschen hervorbringen, die für den Arbeitsmarkt unbrauchbar wären.

Zum Beispiel die Evangelische Schule Berlin Zentrum. An dieser Schule werden Unterrichtsfächer wie Verantwortung oder Herausforderung vermittelt. Wichtig ist dabei: Die Schüler_innen suchen sich selbst die Aufgaben, die sie für sich für sinnvoll halten. Dieses Prinzip zieht sich durch den gesamten Schulalltag, mit einem Ergebnis: Mündige, reflektierte junge Erwachsene, die wir unter Anderen für unseren Ganztagsschulfilm interviewt haben. Das ist ein anderer Fokus als an staatlichen Schulen, an denen es vor allem um die Vermittlung eines festgelegten Stoffkanons nach vorheriger Aufspaltung in Schulformen geht.

Schulen passen sich an Schüler_innen an

Privatschulen sind auch so erfolgreich, weil sie sich an ihre Schüler_innen anpassen müssen. Im Gegensatz zu den staatlichen konkurrieren die privaten Schulen um den Nachwuchs, zum Teil aber auch um das Schulgeld der Eltern. Sie sind also gezwungen, sich stärker auf ihre Eleven einzustellen und tun etwas, was an staatlichen Schulen noch viel zu selten vorkommt: Sie fördern individuell, gehen auf Stärken und Schwächen ein und interessieren sich für die Interessen ihrer Schüler_innen. Dabei ist es egal, ob sie konfessionell gebunden sind, demokratische oder alternative Lernkonzepte verfolgen wie etwa Waldorfschulen. Die Notwendigkeit, sich an das eigene Klientel anzupassen, produziert in dem Maße Innovationen, wie das staatliche Schulsystem mit seiner starren Struktur diese verhindert.

Dass innovative Lehr- und Lernkonzepte auch an staatlichen Schulen funktionieren können, zeigen etwa die Laborschule und das Oberstufenkolleg Bielefeld. Als Forschungseinrichtungen der Universität Bielefeld werden hier schon seit den 1970er Jahren reformpädagogische Ansätze erprobt. Hier werden viele Ideen schon lange umgesetzt: Noten erst am Ende der Schullaufbahn,  jahrgangsübergreifendes Lernen oder Lernstandsberichte.

Allerdings bildet sie eine Ausnahme, die mit Tradition und wissenschaftlicher Expertise legitimiert werden kann. Wirklich innovativ können staatliche Schulen nicht sein, solange ihre Lehrpläne in den Kultusministerien festgelegt und das Personal von Schulämtern ausgewählt und überwacht wird. Dazu sind diese Strukturen einfach zu starr.

Privatschulen haben die Freiheit, Neues auszuprobieren und Innovation empirisch abzusichern. Sie sind auch dazu gezwungen, um Schüler_innen und Geld zu konkurrieren. Das zwingt sie, gut zu sein, aber auch immer wieder Neues auszuprobieren. Starre staatliche Strukturen lassen dies nicht zu. Aber wer weiß: Vielleicht kann das staatliche Schulsystem sich hier und da etwas abschauen, was an Privatschulen gut funktioniert. Damit individuelle Förderung, Lernstandsberichte statt Noten und Lernfächer wie „Herausforderung“ irgendwann allen Schüler_innen offen stehen.

 

[1] Wie der Journalist Christian Füller sie nennt: Füller, Christian (2010) – Ausweg Privatschule? Was sie besser können, woran sie scheitern. Edition Körber-Stiftung.