Rassismus an US-Hochschulen: Bringen neue Proteste die Wende?

Black Lives Matter - auch in der Bildung. Foto: Nick Normal/Flickr

Black Lives Matter – auch in der Bildung. Foto: Nick Normal/Flickr

US-Universitätspräsidenten treten zurück, Studierende demonstrieren, campieren auf dem Campus und hungern, es gibt Solidaritätskundgebungen im ganzen Land. Eine neue Welle von Anklagen rassistischer Diskriminierung erschüttert Hochschulen in den gesamten USA. Doch die Debatte thematisiert nicht nur Diskriminierung, es geht auch um Presse- und Meinungsfreiheit.

Rassismus ist in den USA ein beinahe alltägliches Problem. Oft wird es nicht ausgesprochen, bleibt subkutan, doch spätestens seit der Erschießung von Freddie Gray – einem unbewaffneten Schwarzen [1] – durch die Polizei in Baltimore im April diesen Jahres und die anschließende Gründung der Bewegung Black Lives Matter ist das Thema in der öffentlichen Debatte präsent.

Etwas ist in Bewegung gekommen, auch an den Universitäten in den USA. Seit einigen Wochen werden dort vermehrt Klagen über rassistische Diskriminierungen vor allem schwarzer Studierender laut.

Missouri war nur der Anfang

Begonnen hat die jüngste Bewegung der Rassismuskritik in Missouri, einem Bundesstaat im mittleren Westen. Seit 2014 gab es unter anderem anonyme Drohungen im Internet, Bilder von gelynchten schwarzen Menschen in Studierendenunterkünften und Hakenkreuze in Wohnheimen. Die Universitätsleitung der University of Missouri reagierte lange nicht darauf, auch als es Proteste und sogar einen Hungerstreik gab. Erst als die Footballmannschaft sich dem Protest anschloss und sich weigerte zu spielen (und damit die Uni ca. 1 Mio. $ kostete), kam die Sache ins Rollen. Der Uni-Präsident trat zurück, der Kanzler wurde versetzt. Eine landesweite Debatte war geboren, die Proteste breiten sich von Campus zu Campus aus.

Auch die „Ivy League“ Unis bleiben nicht verschont. In Princeton diskutiert man gerade darüber, ob ein Teil des Campus nach Woodrow Wilson, dem vormaligen Präsidenten der USA, benannt sein sollten. Er – vor allem bekannt für die Gründung des Völkerbundes – hatte klare Ansichten: Segregation sei gut für alle Beteiligten. Die Debatte in Princeton dauert an. An anderen Hochschulen gibt es Vorfälle mit rassistischen Halloweenkostümen, Mobbing im Wohnheim und Diskriminierung in den (in den USA so wichtigen) Sportmannschaften. Selbst Professor_innen berichten, dass sie beschimpft wurden.

Gegner nicht nur unter weißen Studierenden

An einigen Universitäten bilden sich (vor allem weiße) Gegenbewegungen. An der University of Illinois etwa wurde eine Facebookseite der „Illini White Students Union“ geschaltet.  Dort wird Black Live Matters als Terrorismus[2] bezeichnet. Die Seitenmacher fühlen sich durch den Protest gestört, sie argumentieren mit Meinungsfreiheit und fühlen sich darin eingeschränkt wenn sie Bemerkungen machen, die andere als diskriminierend bezeichnen.

Die Konflikte verlaufen jedoch nicht nur zwischen diskriminierten Minderheiten und diskriminierender Mehrheit. Auch unter den Protestierenden gibt es Unstimmigkeiten darüber, wie protestiert werden soll. So wuchs sich der Protest schnell zu einer Debatte über Pressefreiheit aus, als schwarze Studierende an der University of Missouri pressefreie Räume forderten, in denen sie sich abstimmen können. Die Presse möchte den Protest jedoch dokumentieren – zwei Grundrechte prallen aufeinander. Als Journalistikprofessorin Melissa Click daraufhin einen studentischen Fotografen rabiat des Platzes verwies, kam es zu ersten Spaltungen.

Wie stark rechtfertigt das Ziel der Gleichstellung Einschränkungen der Presse- und Meinungsfreiheit? Darüber sind sich viele Studierende uneins. Einige empfinden die Methoden der schwarzen Bewegung als zu radikal, zu wenig auf Versöhnung ausgerichtet. Demonstrationen, Debatten und Campusbesetzungen, die den Unterricht stören, gehen ihnen zu weit. Dass sich die Debatte dabei als eine zwischen zwei als gut empfundenen Werten – Meinungsfreiheit und Nichtdiskriminierung – entspinnt, ist spannend, aber für alle Beteiligten unbefriedigend.   

Wie wird der Protest weitergehen? Die Bewegung Black Lives Matter verstetigt sich zunehmend, wird von einer Internetbewegung zu einer Organisation mit Lokalgruppen und finanzstarken Sponsoren. An immer mehr Hochschulen gibt es Proteste. Rassismus an US-Hochschulen ist alt und sitzt tief. Er wurde lange verschwiegen und toleriert. Vielleicht besteht jetzt die Möglichkeit, die Probleme zu benennen und Lösungen zu finden.

[1] Der Artikel verwendet die Bezeichnung „Schwarze_r“, da es sich hierbei um eine Selbstbeschreibung in den USA handelt, welche inklusiver ist als african americans.

[2] „…for white students of University of Illinois to be able to form a community and discuss our own issues as well as be able to organize against the terrorism we have been facing from Black Lives Matter activists on campus…“

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