Die allgegenwärtige Herausforderung: Bildungsqualität und -gerechtigkeit in Deutschland und der Schweiz nachhaltig sichern. Eine Bestandsaufnahme

Gerechtigkeit bedeutet nicht für jeden das Gleiche. Foto: Academia Superior/Flickr

Gerechtigkeit bedeutet nicht für jeden das Gleiche. Foto: Academia Superior/Flickr

Etwa 700 Bildungsforscher_innen, Schulleitungen und Studierende aus 55 Nationen kamen vom 02. bis zum 04. September 2015 auf dem Internationalen Bildungs- und Schulleitungssymposium in Zug (Schweiz) zusammen. Die Fragen, wie Bildungsgerechtigkeit verstärkt und eine höhere Bildungsqualität nachhaltig gesichert werden können, standen dabei im Mittelpunkt. Anne Köster fasst die Problematiken und Lösungsvorschläge, die auf dem Symposium vorgestellt und diskutiert wurden, in ihrer 2-teiligen Serie zusammen.

Chancengleichheit oder -gerechtigkeit in Deutschland: Was meint was?

Zu Beginn des Symposiums wies Prof. Dr. Hans-Günter Rolff, einer der bekanntesten Schulentwicklungsforscher Deutschlands, auf den Unterschied zwischen den Begriffen Chancengleichheit und Chancengerechtigkeit hin. Auf der einen Seite fordert der 1964 von Willy Brandt erstmals eingeführte Begriff Chancengleichheit „für alle Bürger_innen unabhängig von ihrer sozialen Herkunft das Recht auf gleiche Lebens- und Sozialchancen in Ausbildung und Beruf“. Nach Ansicht der SPD leistete das bestehende Schul- und Bildungssystem dies nicht. Mit dem Begriff Chancengleichheit positionierte sich die Partei in der bildungspolitischen Debatte als Reformer und nutzt noch heute diesen Begriff im Zusammenhang mit dem Ziel, die individuellen Ausgangsbedingungen und das Bildungsangebot so zu verändern, dass alle Menschen gleichberechtigt an Bildungsprozessen teilhaben können.

Auf der anderen Seite steht das Wort Chancengerechtigkeit, welches die CDU Anfang der 70er als Gegenbegriff zur Chancengleichheit verwendete. Gerechtigkeit ist dabei „der feste und dauernde Wille, jedem sein Recht zuzuteilen“. Jedoch gibt es keine allgemein gültige Vorstellung davon, was gerecht oder ungerecht ist. Gerechtigkeit, als zentraler Grundwert unserer modernen, westlichen Gesellschaften, begreift alle Menschen als gleich. Für das Bildungssystem ergibt sich daraus die Forderung, dass allen das gleiche Bildungsangebot zuteil werden soll. Da die CDU das bestehende Schul- und Bildungssystem schon als das in diesem Sinne gerechteste aller möglichen ansah, nahm sie in der Debatte die Position der Bewahrer ein.

Beide bis heute verwendeten Begriffe gelten als Wortfassaden, die keine konkreten Antworten auf die Frage, wie Bildungsgerechtigkeit geschaffen werden soll, enthalten.

Schüler_innen in Deutschland und der Schweiz: Wie steht’s um ihre Bildungsgerechtigkeit?

Das soziale Ungleichheit mit Bildungsbenachteiligung einhergeht, ist mittlerweile Konsens in der Debatte um Bildungsgerechtigkeit. Prof. Dr. Marlis Buchmann, eine Bildungsforscherin der Universität Zürich, machte in ihrem Vortrag darauf aufmerksam, dass in der Schweiz wie in Deutschland Kinder aus akademischen Elternhäusern eine rund 3,5 mal höhere Chance haben, ein Gymnasium zu besuchen, als Kinder aus bildungsfernen Kontexten. Im Jahresgutachten 2007 des Aktionsrates Bildung haben führende deutsche Bildungsforscher_innen dargelegt, dass in Deutschland rund 72 Prozent aller Kinder, deren Eltern viel verdienen und selbst Abitur gemacht haben, aufs Gymnasium gehen. Bei Kindern aus Familien mit weniger Einkommen und ohne höheren Bildungsabschluss ist dies jedoch lediglich bei 23 Prozent der Fall. Das liegt zum einen daran, dass Eltern je nach eigenem Bildungsgrad unterschiedliche Ansprüche an die schulischen Leistungen ihres Nachwuchses stellen. Zum anderen beeinflussen die Lernumgebungen und Lehrpläne der verschiedenen Schultypen den Bildungserfolg, denn sie fördern und fordern die Schüler_innen unterschiedlich stark. Dadurch haben sie im Laufe ihrer Schulzeit nicht die gleichen Chancen, sich und das, was sie können, weiterzuentwickeln, obwohl sie alle mit den gleichen Fähigkeiten in ihre schulische Laufbahn starten. Diese Ungleichheiten setzen sich fort, wenn die Schüler_innen von der Grund- und Orientierungsstufe in die Oberstufe wechseln. Die Lehrkräfte entscheiden sowohl in Deutschland als auch in der Schweiz ausschließlich nach den Noten über den weiteren Schulweg. Dabei beziehen sie nicht mit ein, in welcher Lebenssituation sich die Schüler_innen befinden oder ob sie eventuell unter erschwerten Bedingungen lernen. Diese ergeben sich zum Beispiel durch einen Migrationshintergrund und die Sprachkenntnisse der Lernenden oder dadurch, ob und inwieweit ihre Eltern sie auf ihrem Bildungsweg unterstützten.

Absolvent_innen ohne höhere Bildung: Warum haben sie schlechtere Chancen?

Buchmann argumentierte weiter, dass junge Menschen ohne Abitur und Universitätsabschluss sowohl in der Schweiz als auch in Deutschland als die sogenannten „Bildungsverlierer_innen“ gelten. Ungefähr ein Drittel aller Schweizer Schüler_innen erwerben eine Hochschulzugangsberechtigung. In Deutschland sind es im bundesweiten Durchschnitt knapp 40 Prozent. Die gestiegene Zahl an Abiturient_innen bedienen nach Abschluss weiterführender Bildungsangebote nicht mehr nur das oberste Segment des Arbeitsmarktes, sondern auch zunehmend das der mittleren Qualifizierungsstufe. Dadurch werden Bewerber_innen mit einem mittleren Bildungsabschluss aus diesen ihnen entsprechenden, potentiellen Stellen verdrängt. Sie konkurrieren dann in beiden Ländern stärker mit den Arbeitnehmer_innen in den unteren Arbeitsmarktsegmenten. Diese sind überdurchschnittlich häufig von Menschen mit Migrationshintergrund besetzt. Zwar variieren ihre Bildungsabschlüsse je nach Herkunft, aber eine Schweizer Studie zeigt, dass gerade diejenigen unter ihnen, die keine Staatsbürgerschaft besitzen, nicht nur bei der Teilhabe an Bildung, sondern auch bei der Arbeitsmarktintegration besonders benachteiligt sind. Unter den Menschen, die sich ohne Schweizer Pass im Land aufhalten, gelten ein Viertel als sogenannte „gering qualifizierte Bildungsabbrecher_innen“. Die Zahl unter den schweizerischen Staatsbürger_innen liegt hingegen lediglich bei ca. 2-3 Prozent. Auch in Deutschland lässt sich ein vergleichbarer Trend erkennen. Laut der IGLU-Studie ist die um 27 Prozentpunkte geringere Lesekompetenz der Viertklässler_innen mit Migrationshintergrund allein auf diesen zurückführen. Diese Leistungsunterschiede wirken sich negativ auf ihre späteren Bildungswege und Beschäftigungschancen aus.

Frauen: Gleiche Bildungschancen in allen Bereichen?

Ungleichheit zwischen den Geschlechtern ist ebenfalls ein viel diskutierter Punkt in der Debatte um Bildungsgerechtigkeit. Buchmann wies darauf hin, dass sowohl in Deutschland als auch in der Schweiz die jungen Frauen die Männer in Puncto Abitur und Hochschulabschluss bereits überholt haben. Hierbei ist jedoch zu beachten, dass Frauen auf dem Lehrstellenmarkt strukturell diskriminiert werden, weil ihnen in beiden Ländern das duale System nicht genügend Möglichkeiten bietet, eine ihren überwiegend geschlechterstereotypischen Berufsinteressen entsprechende Ausbildung zu absolvieren. Somit entscheiden sie sich zum Teil nicht nur aus Interesse häufiger für ein Studium, sondern auch aus mangelnden, von ihnen bevorzugten Ausbildungsalternativen. Eine Benachteiligung für Frauen auf dem Arbeitsmarkt ergibt sich aber auch aus ihrer Studienplatzwahl. Mittlerweile studieren zwar in beiden Ländern fast genau so viele Frauen wie Männer die Fächer BWL, Jura und Medizin. In Studienfächern wie Grundschullehramt (Frauenanteil 85 Prozent), in den Geisteswissenschaften (Frauenanteil über 60 Prozent) und in den Ingenieurswissenschaften (Frauenanteil 20 Prozent) gibt es jedoch ein erhebliches Ungleichgewicht in der Geschlechterverteilung. Für die „typischen“ Frauenstudiengänge stehen meist weitaus geringer entlohnte Arbeitsplätze zur Verfügung als nach Abschluss „typischer“ Männerstudiengänge. Der Konkurrenzdruck auf diesem engen Markt wird durch eine große Anzahl gleich gut qualifizierter Frauen weiter verschärft.

Mit Blick auf diese drei von Buchmann genannten Bereiche der Bildungsungerechtigkeit wird deutlich, dass Deutschland und die Schweiz überraschenderweise vor vergleichbaren Herausforderungen stehen. Ein Grund dafür kann sein, dass beide Länder ein ähnliches, dezentralisiertes Schul-, duales Ausbildungs- und überwiegend aus öffentlichen Mitteln finanziertes Hochschulsystem haben. Beiderorts sind noch viele bildungspolitische Baustellen zu beackern, um eine reale Chancengleichheit für alle dort lebenden Menschen zu garantieren.

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