Studieren statt warten – Die Kiron University

warten ohne sinn

Warum sinnlos warten, wenn man auch hürdenfrei studieren kann? Foto: fly/Flickr

Bildung ist der Schlüssel zur Integration. Oft wird dieses Mantra von Politiker_innen wiederholt. Die deutschen Bildungsinstitutionen und die politischen Entscheider_innen passen sich allerdings nur langsam an die Situation an. Für viele Geflüchtete bedeutet das vor allem sinnloses und zermürbendes Warten. Lukas Daubner stellt hier die Kiron University vor, die Geflüchteten Studieren ohne große Hürden ermöglicht.

Auch die Bildungspolitik kommt am Thema Flüchtlinge zur Zeit (und auch in mittelfristiger Zukunft) nicht vorbei. Erste kleine Erfolge gibt es bereits. So werden überall im Land sogenannte Willkommensklassen eingerichtet. Dort lernen Geflüchtete Deutsch und werden auf Unterricht in einer normalen Klasse vorbereitet. Oft entstehen sie durch die Initiative von Eltern und Lehrkräften. Bei vielen politischen Entscheider_innen lassen Entschlossenheit und der nötige Pragmatismus hingegen zu wünschen übrig.

Genau das gleiche Bild begegnet uns in der Hochschulpolitik. Die Zugangsregelungen für Geflüchtete sind – wie so oft bei Bildungsfragen in Deutschland – ein Flickenteppich. Wie eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung vor kurzem gezeigt hat, sind die Zugangsvoraussetzungen sehr unterschiedlich: In Nordrhein-Westfalen wird es Geflüchteten relativ einfach gemacht, ein Studium aufzunehmen, auch wenn durch die Fluchtumstände Nachweise über Qualifikationen etc. verlorengegangen sind. In Mecklenburg-Vorpommern hingegen gibt es keine Nachsicht bezüglich verlorener Nachweise oder andere sinnvolle Erleichterungen. Hinzu kommen Unterschiede hinsichtlich des Status‘ der Betroffenen: In einigen Bundesländern muss ein Aufenthaltstitel vorliegen, um ein Studium aufzunehmen, in anderen können auch während des Asylverfahrens Veranstaltungen besucht werden.

Dort wo bürokratische Hürden den Studienwilligen Steine in den sowieso schon steinigen Weg legen, bedeuten die zum Teil sehr langen Wartezeiten sinnloses und niederschmetterndes Nichtstun.

Soziales Unternehmertum gegen bürokratische Hürden

Solange die staatlichen Institutionen noch dabei sind, Mittel und Wege zu finden um die Bildungssituation von Geflüchteten zu verbessern, schafft zum Beispiel die Kiron University Abhilfe. Die Kiron Univeristy ist eine Onlineplattform, die von einer Gruppe Freiwilliger gegründet wurde. Sie setzt dort an, wo das größte Problem bei Bildung für Geflüchtete besteht: den hohen bürokratischer Hürden und langen Wartezeiten.

In einem virtuellen Grundstudium, welches sich aus Online-Kursen 15 deutscher und internationaler Universitäten zusammensetzt (u.a. die Leuphana Universität Lüneburg, die Hochschule Heilbronn und die University of Westafrica), können die Studierenden überall und zu jeder Zeit studieren. Das letzte Jahr kann dann per Fern-Uni oder auch an einer „richtigen“ Universität gelernt werden. So können die Betroffenen die deprimierende Wartezeit im Asylverfahren nicht nur überbrücken, sie können sie auch sinnvoll füllen. Um einen Abschluss an der Kiron University zu erlangen, muss der Aufenthaltsstatus erst im dritten Jahr des Studiums klar sein. Momentan werden Kurse in Computer Science, Engineering, Business, Architecture und International Studies angeboten.

Hauptsache erstmal anfangen“, ist die Devise des Mitgründers Markus Kreßler. Sprach- oder andere Nachweise können nachträglich erbracht werden. Die Geflüchteten können also erst einmal anfangen zu studieren und können dann nach und nach die benötigten Unterlagen zusammen sammeln. Auf diese Weise erhalten sie Entscheidungsmacht über ihr Leben (zurück) und können sich für die Zukunft rüsten. Den zukünftigen Studierenden wird auf der Plattform außerdem psychologische Hilfe aufgezeigt, damit sie die Fluchterfahrungen aufarbeiten könne. Denn Bildung allein kann hier nicht ausreichen.

Private Hilfe schön und gut, aber wo ist der Staat?

Projekte wie die Kiron University sind wichtig denn sie zeigen, wie unbürokratische Hilfe funktionieren kann. Aber sie sind nicht genug: Wie bei so vielen Problemen in der jetzigen Situation, müsste viel mehr Unterstützung von staatlicher Seite kommen. Die privaten und ehrenamtlichen Helfer_innen dürfen nicht dazu benutzt werden, strukturelle Defizite zu kompensieren. Die Macher_innen der Kiron university lösen ein akutes Problem, langfristig muss der Staat aber Strukturen schaffen, die den hierher kommenden Menschen dabei helfen, die Bildung zu genießen, die sie benötigen und wollen. Nur so können Geflüchtete aufgenommen und integriert werden.

Die Kiron University sammelt momentan per Crowdfunding Geld, um ihr Programm zunächst für die ersten 1000 Studierenden ermöglichen zu können. Sie freuen sich über jede Hilfe.

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