Ausbildung und Mitbestimmung – Geht nicht? Geht doch!

WBIUE_FES_Ausbildung

Auszubildende haben viel Redebedarf: Diskussion mit Rainer Spiering (SPD Bundestagsfraktion), Roland Wolf (Arbeitgeberverband), Mario Patuzzi (DGB)

Am 15. September veranstaltete „Was bildet ihr uns ein?“ gemeinsam mit der Friedrich-Ebert-Stiftung eine einmalige Diskussionsveranstaltung in Berlin, in der sich rund 50 Auszubildende über gute und schlechte Erfahrungen bei Mitbestimmung in der Ausbildung austauschen konnten. Alena Biegert protokolliert hier knapp den Verlauf der Veranstaltung. Festgehalten werden kann, dass die Auszubildenden eine in der Bildungsdiskussion oft vergessene Gruppe sind, der mehr Gehör verschafft werden muss.

In jedem Teil des deutschen Bildungssystems knirscht und knarzt es – mal mehr, mal weniger, in manchen laut, in manchen leise. Was bildet ihr uns ein? macht sich dafür stark, dass diejenigen, die in diesem System stecken, auch mitreden können, wie das Bildungssystem ausgestaltet werden soll.

Am 15. September haben wir uns daran gemacht, Menschen die Möglichkeit zu geben, ihren Problemen Gehör zu verschaffen – einer Gruppe, die sonst oft ungefragt bleibt: die Auszubildenden. Gemeinsam mit der Friedrich-Ebert-Stiftung haben wir zu der Veranstaltung „Ausbildung und Mitbestimmung – Geht nicht? Geht doch!“ geladen.

Die Veranstaltung richtete sich vor allem an Azubis selbst: Die rund 50 Auszubildenden, die unserer Einladung in die Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin gefolgt sind, sollten die Gelegenheit bekommen, über ihre Ausbildung und die Möglichkeiten der Mitgestaltung zu reden, sowie sich untereinander und mit Entscheider_innen aus Politik, Wirtschaft und Verbänden darüber auszutauschen.

Große Unterschiede in der Ausbildung

Nach der Begrüßung durch Yvonne Blos (Friedrich-Ebert-Stiftung) und Myoung-Le Seo (WBIUE e.V.) gab zunächst David Fischer, Jugendbildungsreferent des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) im Bezirk Berlin-Brandenburg, einen kurzen Überblick über Mitbestimmungsmöglichkeiten in der Ausbildung. Er zeigte, wie diese sich entwickelt haben und wo noch Handlungsbedarf besteht, um Azubis möglichst viel Raum zu lassen, ihre berufliche Ausbildung aktiv mitzugestalten.

Nach einer kurzen Aufwärmübung ging es ins World Café. Die Teilnehmenden hatten sich zuvor für die Themen „Ausbildungsbedingungen im Betrieb“, „Ausbildungsvergütung“ und „Die Zukunft der Ausbildung“ entschieden, die in 5 Gruppen diskutiert wurden. Dabei wurde schnell klar, dass Auszubildende in Deutschland abhängig von Beruf und Betrieb sehr unterschiedliche Erfahrungen machen. Gerade die Arbeitsbedingungen hängen stark vom jeweiligen Betrieb ab: In manchen herrschen ein gutes Arbeitsklima und faire Löhne vor, um Sorgen kümmern sich Betriebsrat und JAV. In anderen Betrieben werden Auszubildende als billige Arbeitskräfte ausgebeutet und müssen sich ihre Ausbildungsinhalte selbst aneignen, weil sich niemand für sie verantwortlich fühlt. Neben den Arbeitsbedingungen in Schulen und Betrieben wurde häufig kritisiert, dass Strukturen zum Lösen von Problemen fehlten und dass es oft nicht möglich sei, Beschwerden vorzubringen, ohne seine eigene Position im Betrieb zu gefährden. Eine Teilnehmerin berichtete sogar von einer rechtlichen Auseinandersetzung, in die ihr Arbeitgeber sie gedrängt hätte, nachdem sie sich gegen unfaire Arbeitsbedingungen gewandt hatte.

Mehr Austausch muss sein

Nach einer Kaffeepause und einem persönlichen Erfahrungsbericht von Nilüfer Gülcin, Auszubildende bei der FES, diskutierten die Auszubildenden die Zustände im deutschen Ausbildungssystem auf Grundlage ihrer eigenen Erfahrungen mit den Teilnehmenden der abschließenden Podiumsdiskussion. Rainer Spiering, Mitglied des Bundestages und Berichterstatter für berufliche Bildung der SPD-Bundestagsfraktion, Dr. Roland Wolf, Abteilungsleiter Arbeit und Tarifrecht bei der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände und Mario Patuzzi von der Abteilung Bildungspolitik und Bildungsarbeit des DGB sowie Moderator Manouchehr Shamsrizi stiegen mit großem Engagement in eine hitzige Debatte ein. Diese war auch mit dem offiziellen Schluss um 20 Uhr nicht wirklich beendet und wurde nach Ende der Veranstaltung bei Snacks noch lebhaft weiter geführt.

Mit diesem Austausch hat sich unsere Arbeit das erste Mal speziell an Auszubildende gewendet. Die Diskussionen und unterschiedlichen Erfahrungen, die ausgetauscht wurden, zeigen, dass es noch eine Menge Redebedarf gibt,  Ausbildungen mehr an die Bedürfnisse junger Menschen anzupassen. Allein die reservierten bis negativen Reaktionen mancher Berufsschulleitungen und Vertreter_innen der Arbeitgeberseite beim Thema Mitbestimmung im Zuge der Veranstaltungsvorbereitung, zeigt uns, dass für uns und andere Beteiligten noch viel Arbeit zu verrichten ist.

Die Ausbildung durch Mitbestimmung attraktiver zu machen, wäre gerade in Zeiten, in denen die meisten jungen Menschen mit Abitur ein Studium aufnehmen und viele Ausbildungsstellen unbesetzt bleiben, ein für alle Beteiligten sinnvoller – und einer Demokratie angemessener – Weg.

Das könnte dich auch interessieren

  • Akademisierungswahn – Das missverstandene SchlagwortAkademisierungswahn – Das missverstandene Schlagwort Ist „Akademisierungswahn“ ein missverstandenes Schlagwort? Das lässt zumindest der „CHANCEN Brief“ vermuten, ein neuer und lesenswerter Newsletter der ZEIT Onlineredaktion zu Neuigkeiten […]
  • Ausbildung generale: Berufliche Orientierung neu denkenAusbildung generale: Berufliche Orientierung neu denken Studierende können sich durch das Studium generale ausprobieren und verhältnismäßig einfach die Fachrichtung wechseln. Dagegen muss in der beruflichen Bildung, durch die Kopplung an einen […]
  • Berufsausbildung? Bist du blöd?Berufsausbildung? Bist du blöd? Überall wird der Niedergang des Handwerks herbei geschrieben, und die Handwerkskammer warnt davor, dass in den kommenden Jahren, viel zu wenig junge Menschen eine Ausbildung in den […]
  • Style at work: Berufsbekleidung mal andersStyle at work: Berufsbekleidung mal anders „Krawatten sind in, Stewardessen süß und einen Overall würde ich sowieso niemals anziehen“ Machen wir unsere Berufswahl abhängig von der Berufsbekleidung? Und warum ist Kleidung aus […]