Neoliberale Anreize für Unis

Falsche Anreize

Wer mit Geld ködert bekommt nicht immer das was er will – auch nicht in der Universität. Foto: Tax Credits/Flickr

Hohe Abbrecherquoten und miese Studienbedingungen sollten durch die Bachelor/Master-Reform der Vergangenheit angehören. Da es anders gekommen ist, versucht die Politik dieses Ziel jetzt anderweitig zu erreichen: In NRW sollen Unis demnächst einen Teil ihres Geldes erst nach erfolgreichem Abschluss der Studierenden bekommen. Klingt erst mal schlau, hat aber – so unser Autor Lukas Daubner – zur Folge, dass sich Universitäten kreative Lösungen einfallen lassen, um an das Geld zu kommen. Lösungen, die leider nichts mit besseren Studienbedingungen zu tun haben.

Leistung muss sich wieder lohnen: In Nordrhein-Westfalen bekommen Hochschulen zukünftig 4.000 Euro Erfolgsprämie pro Absolvent_in. Anders als bisher bekommen sie nicht mehr die gesamte Zuwendung bei der Aufnahme eines Studiums. Die Hochschulen sollen so motiviert werden, die Studienbedingungen zu verbessern und dadurch die zum Teil hohen Abbrecherquoten zu verringern. Die Ziele sind zwar richtig. Eine Bezahlung nach Absolvent_innen setzt aber falsche Anreize und führt manchmal sogar zum Gegenteil des Beabsichtigten.

Um schnell und einfach an das zusätzliche Geld zu kommen, könnten Hochschulen den Fakultäten nahe legen, die Prüfungsanforderungen herunterzuschrauben. Dann würden mehr Studierende ihr Studium schaffen. Das kann aber weder im Interesse der Studierenden noch der Hochschulen sein.

Eine weitere Möglichkeit, einfach an das Geld zu kommen, besteht darin, dass die Hochschulen nur noch solche Studierende aufzunehmen, die ihr Studium höchstwahrscheinlich erfolgreich durchziehen. „Risikogruppen“ würde somit die Aufnahme an die Hochschule verwehrt – die Aussieht nicht an das zusätzliche Geld zu kommen wäre bei ihnen zu risikoreich. Studierenden zum Beispiel, deren Eltern einen Arbeiterhintergrund haben, würde so das Studium zusätzlich erschwert.

Damit durch das zusätzliche Geld Studienbedingungen tatsächlich verbessert werden, müsste es logischerweise in die Lehre fließen. Beispiele wie die TU Dortmund1 zeigen hingegen, dass das Geld erst einmal in den Gesamthaushalt der Uni geht. Es wird vorrangig zum Stopfen von Finanzlöchern gebraucht. Um aber – wie vorgesehen – die Abbrecherquoten unter Studierenden zu senken, müssten die Studienbedingungen nachhaltig verbessert werden. Gerade in Fächern wie Mathe oder Physik, in denen bis zu 40 Prozent der Studierenden scheitern, sind mehr Lehrende und bessere didaktische Konzepte sowie Vorkurse nötig. Fließen die neuen Mittel aber nicht in die Lehre, sondern in den Gesamthaushalt der Hochschulen, verfliegt der gewünschte Effekt.

Kreative Ideen statt neoliberale Anreize

Um die Abbrecherquote zu senken, sind finanzielle Anreize für die Universitäten gar nicht nötig. Dass es auch anders geht, zeigen Beispiele aus Baden-Württemberg. Mit kreativen Angeboten können Studierende dort Studiengänge kennenlernen und sich ihre Zeit selber einteilen: Orientierungssemester, virtuelle Schnupperkurse, ein einjährige Einführungssemester um mögliche Defizite nachzuholen oder individuelle Zeiteinteilung. Mit diesen Programmen und ausgebauten Beratungsangeboten konnten Abbrecherquoten bereits gesenkt werden (und gleichzeitig der Frauenanteil in naturwissenschaftlichen Fächern erhöht werden).

Denkt man die in Nordrhein-Westfalen eingeführten Anreize weiter, könnte das Land auch auf die Idee kommen, Prämien nur noch dann zu zahlen, wenn das Studium in „Regelstudienzeit“ absolviert wurde. Die Gefahr einer noch stärker werdenden Stromlinienförmigkeit des Studiums würde dadurch steigen. Ohnehin benachteiligte Gruppen wie ausländische Studierende oder ‚Arbeiterkinder‘ würden weiter benachteiligt, weil die Unis mit ihnen kein Geld verdienen können.

Sowieso trägt die Prämienzahlung in der jetzigen Form nicht dazu bei, die Unterfinanzierung der Hochschulen zu lindern. Mehr Geld, das direkt in die Lehre und dort in unbefristete Stellen fließt, sowie sinnvolle Einführungen in die jeweiligen Studiengänge sind die besten Mittel, um das Studium zu verbessern und die Abbrecherquoten zu senken. Nur so und nicht mit neoliberalen Anreizsystemen löst man die Misere im Hochschul- und Bildungswesen.

1Siehe Taz vom 15. Juli 2015, Seite 18 „Erfolgsprämien für jeden Absolventen“

Das könnte dich auch interessieren

  • Mehr Bildung für nachhaltige EntwicklungMehr Bildung für nachhaltige Entwicklung Auf der Konferenz n des Vereins netzwerk n trafen sich ca. 140 Aktivist_innen, um über die sozial und ökologisch nachhaltige Gestaltung von Hochschulen und Lehre zu diskutieren. „Bildung […]
  • Nieder mit der ExzellenzNieder mit der Exzellenz Hochschullehrer wollen vor allem, dass Studierende ihrem Idealbild von sich selbst entsprechen. Die Untersuchung CHE-Quest zeigt aber, dass nur ein kleiner Teil der Studierenden dem […]
  • Kritik auf Augenhöhe? Schön wär’s!Kritik auf Augenhöhe? Schön wär’s! Ein Professor hält eine Vorlesung. Studierenden gefällt deren Form und Inhalt nicht. Sie meckern im Internet darüber. So kann man die Debatte um münkler-watch – mal etwas verkürzt […]
  • Akademisierungswahn – Das missverstandene SchlagwortAkademisierungswahn – Das missverstandene Schlagwort Ist „Akademisierungswahn“ ein missverstandenes Schlagwort? Das lässt zumindest der „CHANCEN Brief“ vermuten, ein neuer und lesenswerter Newsletter der ZEIT Onlineredaktion zu Neuigkeiten […]
  • RSS
  • Email
  • Facebook
  • Twitter
  • Google Plus
  • Pinterest
  • LinkedIn
  • Delicious
  • StumbleUpon