Hört auf mit der Lebenslaufoptimierung!

Optimierung

Eigentlich ganz einfach das Leben: man muss nur die richtigen Entscheidungen treffen. Foto: Pascal/Flickr

Studierende optimieren ihre Lebensläufe, hetzen von einem Praktikum zum nächsten Auslandssemester und vergessen darüber zu leben. Unser Autor Rainald Manthe meint, ständiges Selbsttuning sei kontraproduktiv – insbesondere für die eigenen Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Immer mehr Stress, Burn-out schon in jungen Jahren: Studierende reihen ein Praktikum an das andere, sie besuchen Weiterbildungen, machen Auslandssemester und wählen auch ihr Ehrenamt so, dass es ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt verbessert. Und mal ehrlich: Wir haben doch alle schon einmal bewundert, was unsere Freunde so alles schon gemacht haben und wie viel Geld sie verdienen. Doch diese permanente Lebenslaufoptimierung für den Arbeitsmarkt führt nicht zu den gewünschten besseren Chancen. Sie ist sinnlos.

Natürlich kann man einwenden, Praktika, Ehrenamt und Weiterbildung seien wertvolle Praxiserfahrungen. Es ist auch wichtig herauszufinden, was man nicht möchte. Aber zwischen Berufspraxis und der Unterordnung seiner eigenen Bedürfnisse unter ein vermeintliches Diktat des Arbeitsmarktes besteht ein meilenweiter Unterschied. Man macht sich selbst zum „passgenauen Firmenfutter“, wie der Autor Klaus Werle schreibt. Verschiedene Agenturen im Internet, die junge Leute beraten, wie sie ihre Lebensläufe optimieren können (ab 120€ sind Sie dabei!), unterstützen diesen Trend. Doch wozu das Ganze?

Arbeitnehmer_innen machen sich umsonst zu „passgenauem Firmenfutter“

Dahinter steckt die Angst vor Arbeitslosigkeit. Doch Arbeitsmarktzahlen von Akademiker_innen zeigen, dass das Tuning gar nicht notwendig ist. Ihre Arbeitslosenquote liegt schon seit Jahren bei 2,5 Prozent. Das ist wenig, verglichen mit dem Anteil an der Gesamtbevölkerung. Einen Job findet man als Akademiker_in also – die Frage ist nur, wie schnell es der gewünschte ist. Bei Geistes- und Sozialwissenschaftler_innen dauert die Findungsphase etwas länger als etwa bei MINT-Fächler_innen. Angst vor einer langen Phase der Arbeitslosigkeit nach dem Studium ist allerdings unbegründet.

Auch verhilft die Lebenslaufoptimierung nicht unbedingt zu einem höheren Einkommen. Entgegen der Hoffnung vieler Studierender, verschafft etwa ein Auslandssemester keine höhere Bezahlung. Dies zeigt eine Studie des Hochschulforschungsinstituts HIS aus Hannover.

Die Lebenslaufoptimierung hat noch einen weiteren Nachteil: Weil sich alle am gleichen Modell orientieren, sehen die Lebensläufe am Ende sehr ähnlich aus. Es fehlen einzigartige und besondere Profile, die durch Umwege und Schlenker entstehen. Warum nicht zeitweise als Managerin einer Rockband durchstarten wie einst Claudia Roth, inzwischen ehemalige Vorsitzende der Grünen? So aber ragt niemand mehr aus der Masse heraus. Für Unternehmen wird es dadurch schwieriger, kreative Köpfe für Innovationen und Strategieentwicklung zu finden. Gerade diese Exot_innen brauchen sie aber, um auf sich immer schneller wandelnden Märkten Bestand zu haben. Die Zeiten der angepassten Arbeitnehmer_innen sind vorbei, Querdenker_innen werden gesucht.

Auch langfristig ist die Lebenslaufoptimierung ein Problem: Die Auswahl von Praktika und Freizeitbeschäftigungen nach Kriterien der vermeintlichen Employability macht nicht glücklich. Irgendwann merkt man, dass man unter- oder überfordert ist oder einfach das Falsche macht. Man sucht sich eine andere Arbeit, muss eventuell umschulen oder ist längere Zeit arbeitslos. Hätte man sich in seinen Zwanzigern schon die Zeit genommen, seine gemachten Erfahrungen zu reflektieren und seine Laufbahnplanung gezielter auf seine eigenen Bedürfnisse abzustimmen, anstatt von einer Lebenslaufoptimierungsmaßnahme zur nächsten zu hetzen, bliebe ein späterer Umbruch womöglich erspart.

Zeit für Schlenker statt stressiger Optimierung

Das ständige Aufmöbeln des Lebenslaufs führt also seltener zum erhofften Ergebnis, als es scheinen mag. Besser wäre es, sich Zeit zu nehmen, um herauszufinden, was man im Leben machen möchte – im Job und darüber hinaus. Man vertieft sich in sein Studienfach und schaut sich auch in Seminaren um, die zwar interessant sind, aber nicht zwangsweise die Chancen auf das nächste Praktikum erhöhen. Diese Zeit, die Schlenker und das Schauen nach links und rechts helfen, mehr vom Leben zu entdecken als nur den Arbeitsmarkt. Damit wird man interessanter für Arbeitgeber_innen und selbst zufriedener.

 

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