Bildung digital. Unentdecktes Neuland auf dem Weg zurück zu Humboldt

In dieser Reihe stellen wir die Gewinner_innen des Essaywettbewerbs “Wie sieht Bildung im digitalen Zeitalter aus?”, ausgerichtet von uns und dem Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft, vor. Der siebente Beitrag dazu kommt von Autor Benedict Wild.

Für die Aussage von Bundeskanzlerin Angela Merkel im Sommer 2013, das Internet sei für uns alle Neuland, erntete sie viel Spott und Häme. Vor allem die derzeitige Generation von Schülern und Studenten, die mit dem Internet aufgewachsen ist und es als eine Selbstverständlichkeit betrachtet, sieht darin vielmehr eine digitale Heimat denn unergründetes Neuland. Computer und das Internet haben jeden Aspekt des jugendlichen Lebens durchdrungen, sodass sie zwangsläufig auch in der Bildung eine entscheidende Rolle spielen. Tatsächlich ist gerade hier der Begriff „Neuland“ gar nicht so abwegig, wie es auf den ersten Blick scheint. Das Bild einer Expedition, die ein unbekanntes Territorium ergründet, weist durchaus Parallelen zur aktuellen Situation auf. Doch die Expediteure heißen nicht mehr Lewis und Clark, sondern Andrew Ng, Sebastian Thrun und Ben Nelson, und das unbekannte Territorium, das sie erforschen, heißt nicht North Dakota oder Oregon, sondern Coursera, Udacity und Minerva. Ähnlich wie zu den Zeiten der großen Entdecker verfolgt die Welt gespannt, was das „Neuland“ zu bieten hat, und ähnlich wie damals kann sich wohl noch niemand wirklich vorstellen, zu welchem Ziel uns diese Expedition letztlich führen wird.

Während man in der Schule, zu deren Aufgabe neben der Wissensvermittlung vor allem auch die Entwicklung von sozialen Kompetenzen gehört, nur zögerlich voranschreitet, ist die Digitalisierung im universitären Bereich schon weiter fortgeschritten, als viele das vielleicht realisiert haben. Die in den Medien zurzeit oft genannten massive open online courses, kurz MOOCs, die auf Plattformen wie Coursera oder edX angeboten werden, waren erst der Anfang. Kostenlose Vorlesungen von Dozenten bekannter Hochschulen, teils mit Prüfungen und offiziellen Teilnahmebestätigungen, bieten Interessenten weltweit schon seit einigen Jahren Weiterbildungsmöglichkeiten. Im Herbst 2014 ging eine Gruppe von Wissenschaftlern und Investoren den nächsten Schritt: Die amerikanische Minerva University ist der Versuch, ein komplettes Studium über das Internet anzubieten, und hat den Anspruch, die erste im 21. Jahrhundert gegründete amerikanische Eliteuniversität zu werden.

Betrachtet man diese aktuellen Entwicklungen, so scheint es drei Möglichkeiten zu geben, wie eine digitale Universität der Zukunft aussehen kann: Das Konzept der MOOC-Plattformen kann sich weiterentwickeln, bis aus der losen Ansammlung von Kursen zu diversen Themen ein kohärenter Studienplan entsteht. Der Vorteil dieses Systems ist die Vielfältigkeit, die es Studenten aus der ganzen Welt erlaubt, Kurse zu verschiedenen Themen von Professoren unterschiedlicher Hochschulen zu besuchen. Darüber hinaus hält sich die administrative Arbeit für die teilnehmenden Hochschulen in Grenzen, da keine Institution den Aufwand alleine stemmen muss. Jedoch lässt dies umso mehr Arbeit für den Betreiber der Plattform übrig, falls denn am Ende tatsächlich ein komplettes Studium mit Abschlusszeugnis stehen soll. Darüber hinaus gibt es organisatorische und rechtliche Fragen, wie Vorlesungen verschiedener Universitäten sinnvoll aufeinander abgestimmt werden können, welche Institution letzten Endes den Titel verleiht und wie denn solch ein „Mischlingsabschluss“ zu bewerten sei. Daher werden die MOOC-Plattformen wohl nur schwerlich über den Status einer Studienergänzung hinauskommen, allerdings in vielen Fällen mit sehr hohem Niveau.

Alternativ dazu besteht die Möglichkeit, dass das Minerva-Modell, das sich ja kaum von herkömmlichen Fernuniversitäten unterscheidet, von Erfolg gekrönt wird. Es ist jedoch schwierig, aus dem Nichts eine Universität zu stampfen, die mit Cambridge, Princeton und Stanford konkurrieren kann. Daher wird sich auch dieses Modell zumindest sehr schwertun.

Die dritte Option ist, dass die bestehenden Universitäten die Zeichen der Zeit erkennen und ihr Studienangebot selbst durch Onlinekurse erweitern und letztlich, zumindest in bestimmten Fächern, ein komplettes Fernstudium per Internet ermöglichen. Die Harvard University und das Massachusetts Institute of Technology (MIT) sind durch die von ihnen gemeinsam betriebene MOOC-Plattform edX bereits den ersten Schritt in diese Richtung gegangen. Der große Vorteil ist, dass die entsprechenden administrativen, akademischen und personalen Strukturen bereits vorhanden sind. Speziell für deutsche Universitäten gibt es einen zusätzlichen Vorteil. Denn während amerikanische Eliteuniversitäten derzeit noch mit kostenlosen Einzelkursen experimentieren, werden sie über kurz oder lang versuchen, daraus Profit zu schlagen. Das Georgia Institute of Technology, das erstmals in Zusammenarbeit mit der MOOC-Plattform Udacity einen Onlinemasterstudiengang anbietet, hat dafür zwar seine Studiengebühren um 80 Prozent gesenkt; jedoch liegen diese nach wie vor bei 7.000 US-Dollar und auch das nur dank einer finanziellen Zuwendung aus der Wirtschaft. In Deutschland hingegen wird sich die vehemente Forderung nach kostenloser Bildung zweifelsohne auch auf die Onlineangebote der staatlichen Hochschulen erstrecken. Daher wird die Attraktivität deutscher Hochschulen im internationalen Vergleich deutlich zunehmen. Denn während die Option, auf dem wunderschönen neogotischen Campus der Princeton University zu studieren, umgeben von zahlreichen Nobelpreisträgern, ein Grund dafür sein mag, sich auf Jahre hinaus zu verschulden, ist es fraglich, ob Studenten weltweit dazu bereit sind, ähnlich hohe Beträge dafür zu zahlen, einen Professor auf ihrem Bildschirm zu sehen, wenn es ein ähnliches Angebot (nahezu) kostenlos aus Deutschland gibt.

Jedoch birgt diese dritte Option auch einige Gefahren, vor allem hierzulande. Die deutschen Universitäten haben im Rahmen des Bologna-Prozesses hinlänglich bewiesen, dass sie sich schwer damit tun, Neuerungen einzuführen. Daher ist zu befürchten, dass man die in der jüngeren Vergangenheit so sorgfältig durchmodularisierten Studienpläne nun auch eins zu eins in Onlinekurse umzuwandeln versuchen wird. Dabei sind die kurzen, flexiblen und interaktiven Lerneinheiten, die oft lediglich Denkanstöße für ein tiefer gehendes Selbststudium geben, einer der Hauptaspekte, welche die MOOCs derzeit so beliebt machen. Mit einem wöchentlichen 90-minütigen Video, in dem ein gelangweilter Dozent desinteressiert in die Kamera spricht, lassen sich keine Teilnehmer locken.

Benedict_Wild

 Benedict Wild studiert im internationalen Masterstudiengang “Neuro-Cognitive Psychology” an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Schon während seines Bachelorstudiums an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg war er hochschulpolitisch im Ring Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS) engagiert. Derzeit ist er als Referent für Hochschulpolitik Mitglied im studentischen Bundesvorstand des Cartellverbands der katholischen deutschen Studentenverbindungen (CV). Vielfältige Auslandserfahrung sammelte er im Rahmen eines Highschool-Jahrs im US-Bundesstaat Alaska, eines Freiwilligen Sozialen Jahrs in Äthiopien, eines Auslandssemesters in den Niederlanden sowie während eines Forschungspraktikums an der New York University (NYU).

Interessanter als die Frage nach der konkreten Umsetzung einer digitalen Hochschule der Zukunft ist jedoch die nach der Bedeutung dieser Veränderungen für unser Bildungsideal. Der Literaturprofessor Hans-Ulrich Gumbrecht beklagte im September 2014 auf der Internetseite der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, dass „das Leben des Geistes als ihrer [der Universität] Energiequelle […] im Normalfall der Gegenwart zu einer melancholischen Erinnerung vertrocknet“ sei. Die modernen Studenten seien nicht mehr daran interessiert, neu leben zu lernen, die Gesellschaft zu revolutionieren oder sich auch nur intensiv und aus Eigeninteresse heraus mit zeitgenössischen Theorien zu befassen. Bahnbrechende Forschung würde nur noch an außeruniversitären Instituten betrieben, während Universitäten zu berufsqualifizierenden Ausbildungsbetrieben verkommen. Die romantische, exklusiv-mondäne oder intellektuelle Atmosphäre so traditionsreicher Universitätsstädte wie Heidelberg, Cambridge oder Paris sei nur noch ein touristischer Abklatsch ihrer selbst. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als würde eine Digitalisierung der Bildung diesen Verlauf fortsetzen. Aber das muss nicht zwangsläufig der Fall sein. Ben Nelson, der CEO des Minerva-Projekts, betont, dass die Vermittlung von Basiswissen, das in jedem Lehrbuch zu finden ist, nicht Aufgabe der Universität sei. Stattdessen verlangt die Minerva University, dass sich ihre Studierenden dieses reine Faktenwissen in ihrer Freizeit selbst aneignen. Die begrenzte Zeit, die mit Professoren zur Verfügung steht, sollte stattdessen genutzt werden, „um den Geist der Studierenden zu entwickeln“ und kritisches Denken zu vermitteln.[1] Auch von den teils Hunderttausenden Teilnehmern an den MOOCs studiert sicherlich nicht jeder den Fachbereich, aus dem er gerade einen Kurs belegt.

Wie muss man sich also das Universitätsstudium der Zukunft vorstellen? Sicherlich werden Universitäten weiterhin bestehen, allein schon deshalb, weil viele junge Menschen früher oder später das Bedürfnis haben, das Elternhaus zu verlassen. Doch anstatt im ersten Semester überfüllte Einführungsvorlesungen zu besuchen, wird sich der Student der Zukunft grundlegendes Faktenwissen überwiegend selbst aneignen. Onlinekurse mit Tausenden von Teilnehmern weltweit unterstützen ihn dabei. Im Vordergrund steht nicht das Bestehen einer Orientierungs- oder Zwischenprüfung, sondern das Experimentieren, Sichorientieren und das Entdecken der Selbstständigkeit, die im schulischen Frontalunterricht so lange unterdrückt wurde. In Internetforen wird diskutiert wie 1968 in den Fachschaftskellern, wobei die jungen Nachwuchsakademiker nach und nach lernen, wo ihre Interessen liegen. Schließlich treten sie an die Professoren, die von den externen Forschungsinstituten an die entvölkerten Universitäten zurückgekehrt sind, heran, um sich für ein Fachstudium zu bewerben. Jedoch nicht ein Studium im Sinne einer berufsqualifizierenden Ausbildung, die man nur um des akademischen Titels willen durchläuft, sondern ein Studium im Sinne Humboldts: Ein Studium, in dem Lernen zugleich die Generierung von neuem Wissen bedeutet, in dem sich Professor und Student als nahezu gleichberechtigte Diskussionspartner gegenüberstehen und gemeinsam ihren Interessen nachgehen. Zugegeben, dies ist ein höchst ideeller Traum. Doch das digitale Neuland hält die Voraussetzungen zur Erfüllung dieses Traums bereit.

[1] Drösser, Christoph. Akademische Nomaden. In: DIE ZEIT (2014) Nr. 37, S. 38.