Gute Bildung? Haben wir leider nicht

Rosemarie Hein auf dem Jungen Bildungskongress 2015, Foto: Junge Pressegruppe

Rosemarie Hein auf dem Jungen Bildungskongress 2015, Foto: Junge Pressegruppe

Während des Jungen Bildungskongresses 2015 wurden einige Referenten_innen interviewt. Lejla und Yussra von der Jungen Pressegruppe haben es auch geschafft, Politikerin Rosemarie Hein zu einem Interview zu treffen. Sie redete über den Bildungskongress und über die Bildungspolitik in Deutschland.

Wbiue: Liebe Frau Hein, vielen Dank, dass sie sich Zeit für ein Gespräch genommen haben. Stellen sie sich doch kurz vor!

Rosemarie Hein: Schönen guten Tag, ich bin Rosemarie Hein und bin Mitglied des deutschen Bundestages und bildungspolitische Sprecherin der Fraktion „die Linke“ im Bundestag.

Wbiue: Was genau ist heute ihre Aufgabe?

Hein: Ich wurde gebeten heute als Referentin zur Verfügung zu stehen für den Bereich „Lehrer_innen von morgen“ und das mache ich sehr gerne. Ich bin auch schon das zweite Mal bei diesem Kongress.
Ich finde es eine interessante Idee, das hier zu machen und bin gespannt auf Alles, was dazu heute geäußert wird. Ich finde, das ist eine tolle Initiative.

Wbiue: Und worum geht es bei den “Lehrer_innen von morgen”?

Hein: Wir haben uns erstmal darüber unterhalten, wie die Lehrer_innenausbildung sein sollte, und haben dann konkret mit Fragen beschäftigt: Was bedeutet eigentlich Lehren? Was wissen Lehrer_innen und was müssen sie in ihrer Ausbildung können?

Yussra Tolba[box style=“grey info rounded“]Ich bin Yussra Tolba, bin 18 jahre alt und mache mein Abitur. [/box]

 

 

 

Wbiue: Was genau bedeutet für sie gute Bildung?

Hein: Gute Bildung ermöglicht jedem Kind nach seinen individuellen Fähigkeiten, sich und seine Persönlichkeit zu entwickeln. Und eine Gesellschaft, die diese Möglichkeit schafft, die schafft auch gute Bildung- doch die haben wir leider nicht.

Wbiue: Was glauben sie, woran das liegt?

Hein: Ich glaube, dass wir zu sehr an alten Bildungsvorstellungen hängen. Die Tatsache, dass wir in Deutschland immer noch ein gegliedertes Schulsystem haben und dass in den Schulen Kinder mit schlechteren oder vermeintlich schlechteren Lernvorraussetzungen ausgegrenzt werden, führt dazu, dass wir nicht wirklich für alle Kinder eine gute Bildung garantieren können. Dazu kommt, dass Bildung sehr stark von der sozialen Herkunft abhängig ist, egal ob es Zuwanderungshintergründe sind, ob es eine soziale Problematik gibt, ob es ein Elternhaus ist, in dem auch keine gute Bildung genossen wurde. Das alles spielt eine Rolle und leider ist es so, dass sich Defizite in der Bildung auch über Generationen vererben. Wenn man das ändern will, muss man auch die soziale Lage von Familien verändern.

Wbiue: Denken Sie, die Bildung wird sich in Zukunft verbessern oder verschlechtern?

Hein: Das kommt darauf an, von welchem Standpunkt man es sieht. In den letzen Jahren hat sich natürlich schon etwas verändert, vor allem das Bewusstsein darüber, dass es Defizite gibt. Es wird daran gearbeitet, ich finde nur, dass nicht richtig daran gearbeitet wird. Wir brauchen eine grundlegende Bildungsreform, die wirklich von den Grundlagen ausgeht, dass wir ein anderes Bildungssystem kriegen und eine andere Lehrer_innenausbildung. Wir brauchen eine andere Schulstruktur, und wir müssen mit unterschiedlichen Professoren_innen arbeiten, nicht nur mit Lehrer_innen. Wir brauchen auch Ganztagsschulen. Das ist eine riesengroße Aufgabe, aber wir sind noch lange nicht da, wo wir hinmüssen.

Lejla[box style=“grey info rounded“]Ich heiße Lejla Vehab und bin 18 Jahre. Seit einem knappen Jahr bin ich Mitglied bei der Schülerzeitung „der Moabiter”. Ich liebe es zu schreiben, mich mit Freunden zu treffen und shoppen gehe ich auch sehr gern. [/box]

 

Wbiue: Wie tragen sie zur Verbesserung des Bildungssystems bei?

Hein: Ich schreibe zum Bespiel für meine Fraktion Anträge für den deutschen Bundestag. Unter Anderem schreibe ich einen Antrag zur Qualitätsoffensive Lehrerbildung. Unser Antrag hieß „Gute Lehrerbildung überall“, das heißt nicht nur an den exzellenten Standorten. Zur Zeit sind es 19 Standorte, die vom Bund gefördert werden sollen. Wir wollen, dass an jeder Hochschule und an jeder Universität bessere Lehrer_innenausbildung gemacht wird. Ich möchte, dass der Beruf des Lehrers/der Lehrerin eine Profession mit einem eigenen Status wird. Momentan ist es ein Anhängsel an eine fachwissenschaftliche Ausbildung. Das muss sich dringend ändern. Wir wollen, dass Lehrer_innen inklusiv arbeiten können und dass sie mit heterogenen Lerngruppen arbeiten können. Und das ist schwer. Ich glaube, weniger Regeln sind manchmal besser, als noch mehr Regeln.

Wbiue: Und jetzt zur letzten Frage. Glauben sie, dass der Bildungskongress etwas bewirken kann?

Hein: Wenn sie sich laut genug machen, dann geht das schon. Sie müssen aber in die Gesellschaft hinein kommunizieren, sonst wird es eine interessante Runde, in die man selber etwas mitbringt, aber dann geht es nicht in die Gesellschaft hinaus. Ich nehme hier eine ganze Menge mit an Denkweisen, Überlegungen und Ideen und werde das natürlich in meiner Arbeit berücksichtigen. Aber wichtig ist, dass nicht nur ich das mache, sondern dass sie es auch selber tun.

Wbiue: Vielen Dank, Frau Hein.

Hein: Danke auch.